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Fünf Fragen an Prof. Dr. Jörg Polakiewicz

Direktor der Rechts- und Völkerrechtsabteilung des Europarates

29.03.2021

Am 5. April 2021 (12 bis 13 Uhr) ist Herr Prof. Dr. Jörg Polakiewicz der neunte Gast in unserer Gesprächsreihe “Völkerrechtslunches“. Er ist Direktor der Rechts- und Völkerrechtsabteilung des Europarates.

In insgesamt zwölf Online-Gesprächsterminen laden wir völkerrechtliche Expert*innen aus der Praxis zu einstündigen Gesprächen ein, in welchen sie in ihren Werdegang sowie ihre jetzige Tätigkeit Einblick gewähren. Anschließend haben Studierende und andere Interessierte die Gelegenheit, Fragen zu Karriere und Tätigkeit zu stellen (der Veranstaltungshinweis und das Programm sowie die Zugangsdaten für Zoom finden sich hier). 

Bereits im Vorfeld stand Herr Polakiewicz uns Rede und Antwort:

 

Warum haben Sie sich für eine völkerrechtliche Karriere entschieden?

Während meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, ein Jahr in Genf zu verbringen. Dies gab mir die Möglichkeit, nicht nur Jura zu studieren, einschließlich internationales Recht in Französisch, sondern auch an einem Seminar am Graduate Institute of International and Development Studies von Prof. Georges Abi-Saab teilzunehmen. Später verbrachte ich sieben Jahre am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht und promovierte unter der Leitung von Prof. Jochen Abr. Frowein. Diese beiden Erfahrungen, die sowohl viele Kontakte als auch den Austausch mit Studierenden sowie Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt beinhalteten, waren ein starker Anreiz für eine Karriere im Völkerrecht.

 

Was macht das Völkerrecht für Sie besonders?

Die Themenvielfalt und die Zusammenarbeit mit Kollegen unterschiedlicher Herkunft und Kultur machen es zu einer besonders anregenden Erfahrung. Vielleicht mehr als in einem rein nationalen Rechtskontext müssen Sie auf Analogien zurückgreifen und sich an Ihre Gesprächspartner anpassen. Auch die Arbeit in verschiedenen Sprachen, in meinem Fall hauptsächlich in Englisch und Französisch, macht die Arbeit interessanter, aber manchmal auch herausfordernd. Im Rechtsdienst des Europarates sind wir nur ein Dutzend Juristinnen und Juristen, die nicht nur in Fragen des Völkerrechts oder des institutionellen Rechts des Europarates beraten, sondern auch in privatrechtlichen Fragen wie Verträgen, Urheberrecht oder internen Personalvorschriften. Wir vertreten den Generalsekretär in Klagen, die Mitarbeiter vor das Verwaltungsgericht, eine interne Gerichtsbarkeit, bringen. Von Zeit zu Zeit plädiere ich selbst vor diesem Tribunal, was eine bereichernde Übung sein kann, selbst wenn ich gegen meine eigenen Kolleginnen und Kollegen plädieren muss, mit denen ich in der Vergangenheit möglicherweise zusammengearbeitet habe.

 

Was ist die größte Herausforderung für das Völkerrecht im 21. Jahrhunderts?

Wir leben in einer Zeit, in der die Autorität des Völkerrechts umstritten ist und nicht wenige Politikerinnen und Politiker in einigen Ländern den Rückzug aus wichtigen internationalen Abkommen fordern. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, dass die nationalen Behörden und Gerichte die internationalen Rechtsstandards benutzen und einhalten. Das Völkerrecht ist keine Zwangsjacke, sondern eine unabdingbare Voraussetzung für eine wirksame multilaterale Zusammenarbeit. Meiner Ansicht nach spielt Europa in dieser Hinsicht eine besondere Rolle. Europa mag heutzutage in Bezug auf Bevölkerung oder Wirtschaftsmacht weniger zählen, aber es bleibt beispielhaft als eine Region der Welt, in der die internationalen Beziehungen auf Rechtsstaatlichkeit und einem zunehmend engeren Netz internationaler Konventionen und Verträge beruhen.

 

Welche überraschenden Fähigkeiten benötigen Sie für ihren Beruf?

Vielleicht mehr als in einem nationalen Kontext erfordert die Arbeit in einer internationalen Organisation ein gewisses Maß an Diplomatie und Verständnis für kulturelle Vielfalt. Sie haben ständig mit Personen zu tun, die aus unterschiedlichen Hintergründen kommen und verschiedenen Rechtstraditionen entstammen. Sie müssen aufgeschlossen und bereit sein zu akzeptieren, dass der gleiche Kommunikationsinhalt von unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen je nach Erziehung und Sozialisierung sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Als Führungskraft müssen Sie sich möglicher Unterschiede bewusst sein und Ihre Managementstile entsprechend anpassen. Ich glaube fest an einen partizipativen Stil, muss aber zugeben, dass dies in einer sehr heterogenen Gruppe nicht immer funktioniert hat. Insbesondere wenn Sie mit dringenden Entscheidungen konfrontiert werden, müssen Sie schnell und entschieden handeln, um Ergebnisse zu erzielen.

 

Was würden Sie Ihrem 20-jährigem ich gerne sagen?

Ich würde ihn sicherlich ermutigen, eine Karriere im Völkerrecht zu verfolgen, aber um ganz ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich ebenso stark empfehlen würde, eine Karriere in einer internationalen Organisation anzustreben. Karrieremuster in internationalen Organisationen sind ziemlich unsicher oder sogar prekär geworden. Junge Kolleginnen und Kollegen, auch die klügsten, werden heute nur befristete Verträge mit ungewissen Aussichten angeboten. Gleichzeitig gibt es zunehmenden Druck durch Kostensenkungen, Bewertungen und Audits. Ich möchte nicht missverstanden werden. Wenn Sie öffentliche Gelder ausgeben, müssen Sie zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist jedoch traurig zu sehen, wie viel Zeit erfahrene Juristinnen oder Diplomaten heutzutage damit verbringen, ihre Tätigkeit zu rechtfertigen oder Excel-Tabellen und Fragebögen von Unternehmensberatungen ausfüllen, um die Finanzministerien der Mitgliedstaaten davon zu überzeugen, dass jeder Cent gut angelegt ist.

Autor/in
Lukas Kleinert

Assessor Lukas Kleinert, Master Droit, LL.M. war bis vor kurzem Rechtsreferendar am OLG Hamburg. Er ist seit 2018 Mitglied der Redekation des Völkerrechtsblogs.

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Matthias C. Kettemann

Matthias C. Kettemann ist Forschungsp­rogrammleiter am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI), Forschungsgruppenleiter am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft, Berlin und am Sustainable Computing Lab der Wirtschaftsuniversität Wien und Vertretungsprofessur für Völkerrecht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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