Strukturen der Ungleichheit im Gleichheitsrecht
Das rechtlich verankerte Gleichheitsversprechen bildet einen Grundpfeiler des Selbstverständnisses liberaler Demokratien und suggeriert eine grundlegende Verpflichtung auf Gleichheit im und durch das Recht. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass es bei einem bloßen Versprechen bleibt – einem Versprechen, dessen Einlösung stets weiter in die Zukunft verschoben wird. Gerade weil das Recht oft als inhärent auf Gleichheit ausgerichtet angesehen wird, geraten solche Ungleichheiten aus dem Blick, die von den Gleichheitssätzen nicht (hinreichend) erfasst werden, und werden so legitimiert und verfestigt.
Rechtliche Gleichheitssätze und Antidiskriminierungsrecht werden seit langem dafür kritisiert, dass sie zu individualistisch ausgerichtet sind und deshalb strukturelle Ungleichheiten eher verfestigen als herausfordern. In Reaktion auf solche Kritik liegt die Hoffnung vieler in einer dynamischen Weiterentwicklung und Transformation des Rechts, um das in den Gleichheitssätzen enthaltene Versprechen sukzessive auch einzulösen. Oft wird dafür auf Konzepte aus aktivistischen Kontexten oder nicht-juristischen akademischen Disziplinen, beispielsweise das Konzept des strukturellen Rassismus, zurückgegriffen.
Anhand der zunehmend diskutierten Problematik struktureller Ungleichheiten möchte diese Tagung die damit einhergehenden Dynamiken analysieren: Welche Änderungen der Gleichheitsrechtsdogmatik und welche rechtspolitischen Vorschläge werden durch Konzepte angestoßen, die Strukturen der Ungleichheit erfassen sollen? Wie beeinflussen strukturbezogene Konzepte die dem Gleichheitsrecht zugrundeliegende Dialektik von Verfestigung und Transformation? Kurzum: Auf welche Weise, unter welchen Bedingungen und in welchen Kontexten kann das Recht der Einlösung des Gleichheitsversprechens auch auf struktureller Ebene dienen?
Die Tagung steht interessierten Teilnehmenden offen. Studierende sind herzlich willkommen. Bei Interesse an der Teilnahme ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dafür um eine Mail an gleichheitsrecht[at]hsu-hh.de.
Die Tagung findet mit Unterstützung der Claussen-Simon-Stiftung statt.
Programm
Donnerstag, 26. Februar 2026
9.00-9.30 Uhr: Ankunft
9.30-10.00 Uhr: Begrüßung
10.00-12.00 Uhr:
Panel 1. Welche Akteure können strukturelle Ungleichheiten überwinden?
Elisabeth Kaneza, Antidiskriminierungsrecht als community-induzierte Entwicklung
Victoria Guijarro Santos, Gerichte als Arenen der Transformation?
Saraya Gomis, Wie lässt sich mehrdimensionale Diskriminierung aus
Institutionen heraus abbauen?
12.00-13.00 Uhr: Mittagessen
13.00-15.00 Uhr:
Panel 2. Welche Normen dienen als Anknüpfungspunkte für Transformation?
Lea Rabe, Demokratische Versicherung durch spezielle
Diskriminierungsverbote und materiale Gleichheit in Zeiten postliberaler
Tendenzen
Nahed Samour, Die Gleichheitsfrage in den Freiheitsrechten: Gleichheit in Versammlungs- und Meinungsfreiheit
15.00-15.30 Uhr: Pause
15.30-17.30 Uhr:
Panel 3. Wie lassen sich materielle Bedingungen für gleiche Teilhabe schaffen?
Isabel Lischewski, Strukturen der Ungleichheit in der
Grundrechtsverwirklichung durch den Leistungsstaat
Isabel Feichtner, Gleichheit im Recht der Commons
Tanita Jill Pöggel, Versprechen der Gleichheit, Praktiken des Widerstands:
Wissensproduktion und Mobilisierung jenseits staatlicher Ordnung?
Freitag, 27. Februar 2026
10.00-12.00 Uhr:
Panel 4. In welchen Rechtsbereichen können Gleichheitsrechte Transformationen anstoßen?
Ezgi Aydınlık, Gleichheit und Strafrecht? Überlegungen zur Selektivität von
Strafrechtssetzung und Praxis
Sigrid Boysen und Anna Katharina Mangold, Die verfassungsrechtliche
Architektur sozio-ökonomischer Ungleichheit. Zur politischen Ökonomie von Eigentumsschutz und allgemeinem Gleichheitssatz
Berkan Kaya, Antidiskriminierungsrecht und Staatsorganisation: Zur
Unterrepräsentation marginalisierter Gruppen im Parlament
12.00-13.00 Uhr: Mittagessen
13.00-15.00 Uhr:
Panel 5. Für wen kann Gleichheitsrecht strukturelle Ungleichheiten abbauen?
Dana-Sophia Valentiner, Gleichberechtigung für wen? Zum Verhältnis von
Fördergebot und Geschlechtsdiskriminierungsverbot
Khaled El Mahmoud, Gleichheit unter Vorbehalt: Palästina-Solidarität,
Staatsräson und die strukturelle Reversibilität des Gleichheitsrechts
Lys Kulamadayil, Struktureller Ableismus, angemessene Vorkehrungen und die Konstruktion von Normalität
15.00-15.30 Uhr: Abschlussdiskussion
Organisation: Sué González Hauck und Jens T. Theilen. Die Tagung findet mit Unterstützung der Claussen-Simon-Stiftung statt.
Bei Interesse an der Teilnahme ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dafür um eine Mail an gleichheitsrecht[at]hsu-hh.de.