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Globale Entwicklungen, Errungenschaften und Herausforderungen

16.03.2021

*** for the English version, see below ***

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und die Genfer Flüchtlingskonvention stellen die wichtigsten Säulen des internationalen Flüchtlingsschutzregimes dar. Beide gehen auf das Jahr 1951 zurück, da UNHCR im Januar die Arbeit aufnahm und die Konvention im Juli verabschiedet wurde. Das 70-jährige Jubiläum dieses entscheidenden Jahres bietet die Möglichkeit, eine Bilanz zu ziehen: Welche Entwicklungen fanden in dieser Zeit statt und was wurde erreicht? Welche Schwachstellen hat das Regime? Vor welchen Herausforderungen stehen UNHCR und die Konvention heute? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die neue kooperative Blogreihe des Völkerrechtsblogs und des FluchtforschungsBlogs.

 

1951 waren die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges noch deutlich spürbar. Der Krieg hatte erst 1945 geendet und viele Flüchtlinge in und aus Europa lebten unter prekären Bedingungen. Doch Flucht war auch zur damaligen Zeit keinesfalls auf Europa begrenzt, sondern es kam auch in anderen Regionen und Staaten wie China, Indien und Korea zu Fluchtbewegungen. In den Folgejahren trugen insbesondere Dekolonisierung und Unabhängigkeitskämpfe zu Flucht und Vertreibung bei. Aktuell führen langanhaltende gewaltsame Konflikte, staatliche Verfolgung und andere Gefahren dazu, dass Menschen aus ihren Herkunftsregionen fliehen und anderenorts Schutz suchen müssen. Solche anhaltenden Herausforderungen zeigen, dass Flucht kein „temporäres Problem“ darstellt, wie einige Staaten bei der Gründung des UNHCR und der Konvention noch gehofft hatten.

Die internationalen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte prägten zweifelsohne auch die Arbeit von UNCHR und die Reichweite der Konvention. UNHCR wurde ursprünglich geschaffen, um primär rechtlichen Schutz durch einen nicht-operativen Ansatz zu koordinieren, aber der Arbeitsbereich erweiterte sich im Laufe der Zeit erheblich. Während UNHCR zunächst auf Schutz in Europa fokussiert war, operiert es nun in 135 Ländern weltweit. UNHCR ist heute ein wichtiger humanitärer Akteur weltweit, der nicht nur für den Schutz von Flüchtlingen sorgt, sondern mittlerweile auch für andere Gruppen wie Binnenvertriebene, Staatenlose und Rückkehrende. 2003 entschied die UN-Generalversammlung das Mandat des UNHCR zu verlängern, „bis das Flüchtlingsproblem gelöst sei“. Trotz des Fortschritts und der bedeutenden Veränderungen, die UNHCR durchlaufen hat, war seine Arbeit auch immer wieder Gegenstand von Kritik.

Parallel zu dem anfänglichen engeren Fokus des UNHCR war auch die Flüchtlingskonvention zunächst auf Personen beschränkt, die infolge von Ereignissen bis Januar 1951 vertrieben wurden. Außerdem erlaubte sie Staaten, ihre Verpflichtungen auf Flüchtlinge in und aus Europa zu beschränken. In anderen Worten handelt es sich um eine Konvention, die nicht nur aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen Vertreibung entstand, sondern anfänglich auch explizit auf diese beschränkt war. Zugleich enthielt die Konvention die erste abstrakte Flüchtlingsdefinition, was den Weg für eine individuelle Beurteilung des Schutzanspruchs eröffnete. In den 1960er Jahren wuchs die Kritik am europäischen Fokus der Konvention, was zur Verabschiedung des Protokolls von 1967 führte. Damit beendeten Vertragsstaaten die zeitliche Beschränkung und die Möglichkeit geographischer Vorbehalte – die Konvention wurde formal universalisiert. Inzwischen haben 146 Staaten die Konvention und 147 das Protokoll unterzeichnet, doch es bleiben Fragen hinsichtlich der Regelungslücken und Grenzen.

Wie sich UNHCR und die Konvention im Laufe der Zeit entwickelten, welche Rollen ihnen heute zukommen und welche Herausforderungen offensichtlich geworden sind, werden die Beiträge in dieser kooperativen Blogserie behandeln. Die Reihe versammelt multidisziplinäre Perspektiven auf Entwicklungen von UNHCR und der Konvention in den letzten Jahrzehnten sowie deren Bedeutungen und Schwächen in der aktuellen Zeit. Darüber hinaus sind Beiträge willkommen, die sich mit anderen Dynamiken im globalen Flüchtlingsregime oder spezifischen regionalen Entwicklungen befassen, die zum Verständnis der Genese von UNHCR und der Konvention beitragen.

Die kooperative Blogserie wird organisiert von Dana Schmalz für den Völkerrechtsblog und Ulrike Krause für den FluchtforschungsBlog.

 

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70 Years of UNHCR and Refugee Convention: Global developments, achievements and challenges

The UN High Commissioner for Refugees (UNHCR) and the Geneva Refugee Convention are the main pillars of the international refugee protection regime. Both go back to 1951, with the UNHCR taking up its work in January and the Convention being adopted in July. The 70 years anniversary of this decisive year offers an occasion to take stock: What developments have taken place in the past seven decades? What has been achieved? What flaws are built into the regime? Which challenges are the UNHCR and the Convention facing today? These and other related questions are at the core of the new cooperative blog series of the Völkerrechtsblog and the Forced Migration Studies Blog (FluchtforschungsBlog).

 

In 1951, the aftermath of the Second World War was still pressing. With the war, having only ended in 1945, many refugees in and from Europe remained in need of protection. Yet, forced migration was not at all limited to Europe at that time. To the contrary, displacements also occurred in other regions, for example in China, India and Korea. In the following decades, decolonization and struggles for independence triggered forced migration in many parts of the world. Today, long-lasting violent conflicts, state persecution and other dangers continue to contribute to people having to flee their regions of origin and seek safety elsewhere. Such ongoing issues show that forced migration is not a temporary ‘problem’ as some states had initially hoped when creating UNHCR and the Convention.

These international developments have of course also shaped the work of UNHCR and the sphere of influence of the Convention. UNHCR was initially founded to primarily provide legal protection through a non-operational approach, but its scope of work has broadened over time. Having first focused on protection in European countries, UNHCR now works in 135 countries all over the world. Moreover, UNHCR became a key humanitarian actor globally, responsible for the protection of not only refugees but also other groups such as internally displaced people, stateless persons and returnees. In 2003, the UN General Assembly decided to extend UNHCR’s mandate “until the refugee problem is solved”.  In spite of the progress and significant changes that UNHCR underwent, the agency has also faced criticism for its work.

With a lens similar to that of UNHCR, the Refugee Convention was initially limited to persons displaced as a result of events until January 1951, and allowed states to restrict their commitment to refugees coming from Europe. It was, in other words, a Convention that not only emerged from the experience of the Second World War and the resulting displacements, but originally also explicitly focused on these circumstances. At the same time, the Convention contained the first abstract refugee definition and in that sense opened the way for a claim to individual assessment of claims to protection. Criticism of the Convention’s European focus increased in the 1960s, leading to the adoption of the Protocol in 1967. It lifted the temporal limitation and the possibility of geographic reservations – the Convention was formally universalized. By now 146 states are parties to the Convention and 147 to the Protocol, but questions remain as to its gaps and limits.

How UNHCR and the Convention have evolved over time, what roles they have today, and which issues have occurred, will be part of the posts published in this cooperative blog series. The series revolves around multidisciplinary perspectives on the developments of UNHCR and the Convention in the course of the past decades, as well as their meanings and shortcomings in the current time. In addition, contributions are welcome, that address processes in the global refugee regime or specific regional developments, and that are relevant to understanding the genesis of UNHCR and the Convention.

The cooperative blog series is organized by Dana Schmalz for the Völkerrechtsblog and Ulrike Krause for the Forced Migration Studies Blog (FluchtforschungsBlog).

Autor/in
Ulrike Krause

Photo credit: © UOS|ZePrOs|Simone Reukauf

 

Ulrike Krause ist Juniorprofessorin für Flucht- und Flüchtlingsforschung am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück sowie affiliierte Research Associate am Refugee Studies Centre der University of Oxford.

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Dana Schmalz

Dana Schmalz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg/Berlin und Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung.

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