{"id":4482,"date":"2015-01-09T00:00:00","date_gmt":"2015-01-09T08:44:05","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/was-ist-wahrheit\/"},"modified":"2020-12-09T13:50:03","modified_gmt":"2020-12-09T12:50:03","slug":"was-ist-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/was-ist-wahrheit\/","title":{"rendered":"Was ist Wahrheit?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir m\u00fcssen sprechen! Als Historikerin geht es Ihnen um die Wahrheit, und da sollten Sie meine Version der Geschichte h\u00f6ren!\u201d \u2013 \u201eSehr gern. Aber Sie sollten wissen: Ich arbeite zwar an einer intellektuellen Biographie, Historikerin bin ich aber nicht. Und um \u201adie Wahrheit\u2019 geht es mir auch nicht.\u201d Am Tag nach Weihnachten habe ich den Gesellschaftsrechtler, dessen Karriere von einem einflussreichen Europarechtler gepr\u00e4gt wurde, dann auf einen Kaffee getroffen. Er hat mir seine Geschichte mit dem Europarechtler erz\u00e4hlt, und ich ihm meine. Und ich glaube, er hat verstanden, dass es da um viel spannendere Fragen geht als um eine Wahrheit, die doch immer fiktiv bleiben m\u00fcsste.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es sich lohnt, \u00fcber die je eigene Herangehensweise und Perspektive zu sprechen zeigen auch die Beitr\u00e4ge dieses Symposiums, das die Redaktion des V\u00f6lkerrechtsblogs im Rahmen des Bloglaunchs initiiert und mit gro\u00dfem Engagement begleitet hat. Mit ihrer Einladung ins Forschungskolloquium \u201eGeschichte, Recht und Rechtsgeschichte\u201c an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin hatten mich Marcus M. Payk und Kim Christian Priemel im vergangenen Sommersemester zuvor angeregt, vielf\u00e4ltige Beobachtungen an Disziplingrenzen zwischen V\u00f6lkerrecht und Geschichte noch einmal neu zu reflektieren und zu ordnen. Beide Historiker\u00a0 haben sich intensiv mit dem \u2013 wie <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/geschichte-des-volkerrechts-oder-das-volkerrecht-in-der-geschichte\/\">Marcus Payk<\/a> es in seinem Beitrag treffend bezeichnet \u2013 \u201eV\u00f6lkerrecht in der Geschichte\u201c befasst: Priemel ist Mitherausgeber eines eindrucksvollen disziplin\u00fcbergreifenden Handbuchs zu den N\u00fcrnberger Folgeprozessen, Payk forscht zum V\u00f6lkerrecht des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Entscheidung, den Binnenraum der eigenen Lehrveranstaltung f\u00fcr eine andere disziplin\u00e4re Perspektive zu \u00f6ffnen, haben sie sich auf ein Gespr\u00e4ch eingelassen, in dem die Positionen der Beteiligten zwangsl\u00e4ufig oft \u201efremdartig und erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig\u201c (Payk) bleiben. Gerade dadurch aber wurden kritische Auseinandersetzungen mit den eigenen Positionen und Begriffen m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einladung zu Geschichte und Theorie\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/authors\/jochen-von-bernstorff\/\">Jochen von Bernstorffs<\/a> nachdr\u00fcckliche, (auch) durch gegenw\u00e4rtige Herausforderungen motivierte Ermutigung der deutschen V\u00f6lkerrechtswissenschaft zu postkolonialen Perspektiven sollte daher auch als Einladung an Historikerinnen und Historiker verstanden werden. Und als Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Einbeziehung einer politischen \u00d6konomie, die Verflechtungen von Recht und Wirtschaft erkl\u00e4rt. Untersuchungen wie Sundhya Pahujas vielbeachtete Studie \u201e<a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/us\/academic\/subjects\/law\/public-international-law\/decolonising-international-law-development-economic-growth-and-politics-universality\">Decolonising International Law<\/a>\u201c zeigen, dass die nach 1945 entstandenen globalen Institutionen \u2013 ungeachtet des Grundsatzes der souver\u00e4nen Gleichheit aller Staaten und der Dekolonisierung \u2013 die \u00f6konomische Ungleichheit des kolonialen Zeitalters bis heute perpetuieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der V\u00f6lkerrechtsgeschichte sind, das wird bei Jochen von Bernstorff sehr deutlich, Geschichte und Theorie eng verwoben. Dieses N\u00e4heverh\u00e4ltnis untersucht der Ideenhistoriker <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/historicizing-a-classic\/\">Matthew Specter<\/a> in seinem Projekt \u201eAtlantic Realisms, 1930-1960\u201c, das Elemente intellektueller Biographie von Hans Morgenthau und Wilhelm Grewe zum Ausgangspunkt einer Studie des transantlantischen Transfers politischer Ideen nimmt. Mit Specters dialektischem Verst\u00e4ndnis des Verh\u00e4ltnisses von Ideen und Prozessen stimme ich ganz \u00fcberein und bin mit <a href=\"Marcus%20Payk\">Marcus Payk<\/a> neugierig darauf, \u201ewelche Bedeutung v\u00f6lkerrechtliche Argumente, Akteure und Netzwerke tats\u00e4chlich in der Formulierung nationaler Au\u00dfenpolitik einnahmen oder wie sie die \u00f6ffentlichen Vorstellungshorizonte jenseits von Lehrb\u00fcchern und Leits\u00e4tzen pr\u00e4gten\u201c. Noch mehr interessiert mich im Moment allerdings, wie (rechts-)politische Prozesse mittels bestimmter Akteure und Netzwerke auf rechtswissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung einwirkten \u2013 und \u00fcber diese dann wieder die Praxis beeinflussten.\u00a0 Und ich denke, dass man beim Blick auf die Biographie seiner Protagonisten deren Ambivalenz nie untersch\u00e4tzen und kleinreden, sondern im Gegenteil &#8211;\u00a0 wie unl\u00e4ngst <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Zeitschrift-Ideengeschichte-Heft-IX_1-Fruehjahr-2015\/productview.aspx?product=14233457\">Anne Orford und Martti Koskenniemi betont haben<\/a> \u2013 nuanciert ausleuchten sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel Gesp\u00fcr f\u00fcr die Interdependenzen zwischen Geschichte, Theorie und Ideengeschichte hat <a href=\"http:\/\/voelkerrechtsblog.com\/2014\/12\/07\/if-you-want-a-future-why-not-get-a-past-cole-porter-lets-misbehave\/\">Robert Howse<\/a>, der meine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das kritische Potential pluraler V\u00f6lkerrechtsgeschichte teilt. In seinem gerade erschienenen Buch \u201e<a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/ca\/academic\/subjects\/politics-international-relations\/political-theory\/leo-strauss-man-peace\">Leo Strauss \u2013 Man of Peace<\/a>\u201c zeichnet er aus in den vergangenen Jahren zug\u00e4nglich gewordenen Vorlesungstranskriptionen ein ganz neues Bild eines Theoretikers, \u00fcber den bereits Regalmeter von B\u00fcchern erschienen sind. Und erz\u00e4hlt eine Gegengeschichte des Verh\u00e4ltnisses von Philosophie, Recht und politischer Gewalt, die Strauss aus den Klauen der Neocons (und ihrer Kritiker) befreit. Das ist eine kraftvolle intellektuelle und rechtspolitische Intervention, und der Autor zelebriert sie mit (Streit-)Lust und Freude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Interpretation statt Wahrheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Payk, von Bernstorff, Howse und Specter geht es, wie mir, um Fakten und deren Interpretation. Aber mir geht es nicht um \u201edie Wahrheit\u201c \u2013 da muss ich <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/die-interdependenz-von-volkerrechtswissenschaft-und-historiographie\/\">Christian Richter<\/a> entt\u00e4uschen, auch wenn ich seine Sympathien f\u00fcr Gadamers hermeneutische Standortbestimmung teile. Was die Wahrheit angeht, halte ich es mit Kelsen, der sich in seinem Werk gleich zweimal an prominenter Stelle auf die Frage des Pilatus im 18. Kapitel des Johannesevangeliums bezieht: \u201eWas ist Wahrheit?\u201c Demut und Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber einer vermeintlich bei gen\u00fcgender Anstrengung und Professionalit\u00e4t erkennbaren \u201eabsoluten Wahrheit\u201c scheinen mir sowohl der Juristin wie dem Historiker angemessen. Solche Wahrheit geh\u00f6rt f\u00fcr mich in den Raum der Religion. \u201e<em>L&#8217;histoire n<\/em>&#8216;<em>est jamais s\u00fbre<\/em>\u201c schreibt der franz\u00f6sische Jesuit, Historiker und Soziologe Michel de Certeau, von dem sich \u00fcber die Ungewissheiten der Historiographie viel lernen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Entwicklung des internationalen Strafrechts und anderer Formen von <em>transitional justice <\/em>hat sich in den zur\u00fcckliegenden zwanzig Jahren immer wieder das Anliegen manifestiert, mittels rechtsf\u00f6rmiger Verfahren historische Wahrheit zu etablieren und dadurch zur Befriedung und Stabilisierung fragiler Gesellschaften beizutragen. Die vormalige Chefankl\u00e4gerin des Jugoslawien-Tribunals, Carla del Ponte, hat das einmal so <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/im-gespraech-carla-del-ponte-haben-sie-zeugen-eingeschuechtert-frau-del-ponte-11056360.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">formuliert<\/a>: \u201eDie Repression, die das internationale Strafrecht bewirkt, kann nur ein akzessorischer Beitrag zur Herstellung und Sicherung des Friedens sein. Aber die Fakten, die durch die Prozesse in Arusha und Den Haag festgestellt wurden, die historische Wahrheit, dies kann zu dauerhaftem Frieden beitragen. Die Fakten stehen fest, keine Revision, kein Geschichtsrevisionismus. Niemand kann sagen: Das ist nie geschehen.\u201d Doch wie viel Wahrheit kann es hier geben? Welche Rolle spielen dabei Medien? Und was hat historische Wahrheit mit einer juristischen zu tun? Mit diesen Fragen hat sich die Rechts- und Kulturwissenschaftlerin Cornelia Vismann in ihrem <a href=\"http:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/medien_der_rechtsprechung\/9783100670311\">letzten Buch<\/a> besch\u00e4ftigt. Auch der franz\u00f6sische Historiker und Filmemacher <a href=\"http:\/\/www.cardozo.yu.edu\/directory\/christian-delage\">Christian Delage<\/a> , der regelm\u00e4\u00dfig an der Cardozo Law School lehrt, hat Wichtiges dazu geschrieben. Gerade ist ein von ihm edierter <a href=\"http:\/\/routledge-ny.com\/books\/details\/9780415688956\/\">Sammelband<\/a> mit einschl\u00e4gigen Beitr\u00e4gen erschienen. Aus ganz unterschiedlichen disziplin\u00e4ren Perspektiven wird das Thema in einem von Timothy William Waters herausgegebenen monumentalen <a href=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/the-milosevic-trial-9780199795840?cc=us&amp;lang=en&amp;\">Sammelband<\/a> \u00fcber den unbeendeten Prozess gegen Slobodan Milo\u0161evi\u0107 aufgegriffen und diskutiert. Waters \u201eAutopsy\u201d dokumentiert ein faszinierendes Gespr\u00e4ch \u00fcber Disziplingrenzen hinweg, das nebenbei auch die Kluft zwischen Praxis und Wissenschaft \u00fcberwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zuk\u00fcnftige V\u00f6lkerrechtsgeschichten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verh\u00e4ltnis von Recht und Geschichte d\u00fcrfte uns in den n\u00e4chsten Jahren weiter besch\u00e4ftigen &#8211; nicht nur im V\u00f6lkerrecht. Neues Quellenmaterial wird zug\u00e4nglich \u2013 etwa <a href=\"http:\/\/www.ingentaconnect.com\/content\/mohr\/jz\/2014\/00000069\/00000019\/art00001\">Akten des Bundesverfassungsgerichts<\/a> oder die Gerichtsakten des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs bis 1983, die gerade an die Historischen Archive der Europ\u00e4ischen Union \u00fcbergeben wurden.\u00a0 Vielversprechende Konvolute wie der <a href=\"http:\/\/www.verfassungsblog.de\/geschenk-von-unschaetzbarem-wert-nachlass-von-francis-mann-an-hu\/\">Nachlass des V\u00f6lkerrechtlers Francis Mann<\/a> im Universit\u00e4tsarchiv der Humboldt-Universit\u00e4t warten auf ihre Erschlie\u00dfung. Diese wird eine enge Zusammenarbeit von Historikern und Juristen erfordern \u2013 allerdings nicht im Sinne einer Interdisziplinarit\u00e4t, wie sie in den Naturwissenschaften sinnvoll und \u00fcblich ist. Bei der Historisierung des \u00f6ffentlichen Rechts (und des transnationalen Rechts insgesamt) arbeiten wir nicht alle am selben Projekt. Unsere Erkenntnisinteressen sind nicht dieselben. Wir haben ganz unterschiedliche Agenden und Fragen, auch wenn wir denselben Stoff beackern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Schlusswort ist nat\u00fcrlich keins, sondern allenfalls ein Zwischenruf. Die V\u00f6lkerrechtsgeschichten gehen weiter. Und vielleicht, nein: hoffentlich regen einige Stimmen und Positionen dieses Symposiums dazu an, mit Neugier und Sorgfalt den Fragen nachzugehen, die die Gegenwart an die Geschichte(n) stellt. Und umgekehrt. In einem interdisziplin\u00e4ren Gespr\u00e4ch, das Irritationen und Konfrontationen nicht scheut. Von selbst ergibt sich das nur selten. N\u00f6tig sind Orte und Formate, die auch ungewohnten Gespr\u00e4chskonstellationen Raum geben. Dazu braucht es, wie Marcus Payk zu Recht betont, auch k\u00fcnftig einige Entschlossenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.law.umich.edu\/mlawglobal\/gradandresearchscholars\/researchscholars\/Pages\/alexandrakemmerer.aspx\"><em>Alexandra Kemmerer<\/em><\/a><em>\u00a0<\/em><em>ist <\/em><em>Forschungskoordinatorin und Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht. \u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dieser Beitr\u00e4g beschlie\u00dft &#8211; vorl\u00e4ufig &#8211; unseren Themenschwerpunkt \u201eV\u00f6lkerrechtsgeschichten&#8221;. Reaktionen und historische Beitr\u00e4ge zum V\u00f6lkerrechtsblog bleiben nat\u00fcrlich willkommen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Alle Beitr\u00e4ge zu Serie Histories of International law finden sich <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/symposia-index\/\">hier<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>The first three contributions of this\u00a0series are also available in English on EJIL Talk!: <a href=\"http:\/\/www.ejiltalk.org\/volkerrechtsgeschichten-histories-of-international-law\/\">&#8220;V\u00f6lkerrechtsgeschichten&#8221;<\/a> by Alexandra Kemmerer, &#8220;<a href=\"http:\/\/www.ejiltalk.org\/german-international-law-scholarship-and-the-postcolonial-turn\/\">German International Law Scholarship and the Postcolonial Turn<\/a>&#8221; by Jochen von Bernstorff, and Marcus Payk&#8217;s response &#8220;<a href=\"http:\/\/www.ejiltalk.org\/the-history-of-international-law-or-international-law-in-history-a-reply-to-alexandra-kemmerer-and-jochen-von-bernstorff\/\">The History of International Law \u2013 or International Law in History?<\/a>&#8220;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Alexandra Kemmerer, \u201cWas ist Wahrheit?\u201d, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>,\u00a09 January 2015, doi: 10.17176\/20170125-154011.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir m\u00fcssen sprechen! 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