{"id":4414,"date":"2020-05-06T00:00:00","date_gmt":"2020-05-06T08:26:15","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/klimagerechtigkeit-ein-recht-auf-heimat\/"},"modified":"2020-12-09T12:09:40","modified_gmt":"2020-12-09T11:09:40","slug":"klimagerechtigkeit-ein-recht-auf-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/klimagerechtigkeit-ein-recht-auf-heimat\/","title":{"rendered":"Klimagerechtigkeit \u2013 ein Recht auf Heimat?"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema Klimagerechtigkeit hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren. Die explizite Aufnahme von Klimagerechtigkeit in die Pr\u00e4ambel des Pariser \u00dcbereinkommens von 2015 wurde sowohl von Aktivisten als auch Umweltrechtlern als Meilenstein gewertet. Dabei hat sich das Prinzip der Klimagerechtigkeit aus dem Konzept der Umweltgerechtigkeit (environmental justice) \u00fcber die Jahrzehnte entwickelt. Ging es Umweltaktivisten der ersten Stunde noch um die gerechte geographische Verteilung von Nachteilen, die aus der Nutzung bestimmter Aktivit\u00e4ten oder Entscheidungen resultierten (wie z.B. dem Betrieb von Kraftwerken oder aber auch die Entscheidung \u00fcber den Standort einer Deponie f\u00fcr Giftstoffe) und die h\u00e4ufig die <span class=\"\">Wohngegenden von \u00e4rmeren People of Colour trafen (\u201eenvironmental racism\u201c)<\/span>, so ging es der zweiten Generation vor allem um die generelle Reduzierung von Umweltverschmutzung und -zerst\u00f6rung. Umweltzerst\u00f6rung sollte nirgendwo mehr (\u201e<a href=\"https:\/\/corpsnetwork.org\/blogs\/not-in-anyones-backyard-people-of-color-and-the-environmental-movement-part-i\/\">not in anyone\u2019s backyard<\/a>\u201c) stattfinden. Das Konzept der <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/264716660_From_environmental_to_climate_justice_Climate_change_and_the_discourse_of_environmental_justice\">Klimagerechtigkeit <\/a>(die dritte Generation) kombiniert diese beiden Ans\u00e4tze und verlangt, dass a) gef\u00e4hrliche Treibhausgasemissionen grunds\u00e4tzlich reduziert und b) die B\u00fcrden, die sowohl durch den Klimawandel als auch durch dessen Bek\u00e4mpfung entstehen, gerecht verteilt werden m\u00fcssen. Dabei m\u00fcssen auch die Interessen <a href=\"https:\/\/www.unicef-irc.org\/article\/920-climate-change-and-intergenerational-justice.html\">zuk\u00fcnftiger Generationen<\/a> beachtet werden. Im Rahmen der Klimagerechtigkeit sind somit insbesondere Verteilungs- und prozessuale Gerechtigkeitsfragen in den Fokus ger\u00fcckt. Prinzipien wie das der <a href=\"https:\/\/www.die-gdi.de\/uploads\/media\/DP_6.2014..pdf\"><em>common but differentiated responsibilities and respective capabilities<\/em>, <em>loss and damage<\/em><\/a> und Mechanismen wie der <a href=\"https:\/\/unfccc.int\/process-and-meetings\/the-kyoto-protocol\/mechanisms-under-the-kyoto-protocol\/the-clean-development-mechanism\"><em>Clean Development Mechanism (CDM)<\/em><\/a> oder der <em><a href=\"https:\/\/www.greenclimate.fund\/\">Green Climate Fund (GCF)<\/a><\/em> tragen dem bereits in Teilen Rechnung.<\/p>\n<p>Im wissenschaftlichen Diskurs bisher weniger im Zusammenhang mit Klimagerechtigkeit besprochen wurde das Problem, wie sich unsere Heimat ver\u00e4ndert und ob es ein Recht auf Heimat gibt. <a href=\"https:\/\/www.sydney.edu.au\/arts\/about\/our-people\/academic-staff\/david-schlosberg.html\">David Schlosberg<\/a>, der sich intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzt, stellt deswegen neben der Frage \u201eWas\u201c und \u201eWer\u201c vom Klimawandel getroffen werde, auch die <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/The-Commons-in-a-Glocal-World-Global-Connections-and-Local-Responses\/Haller-Breu-De-Moor-Rohr-Znoj\/p\/book\/9781138484818\">Frage des \u201eWie\u201c<\/a>, also wie die Menschen die Ungerechtigkeit des Klimawandels wahrnehmen.<\/p>\n<p><strong>Heimat als Faktor in der Klimagerechtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Bei Fragen nach der Ungerechtigkeit im Rahmen von Klimawandel und Heimat kommen zun\u00e4chst die sog. \u201eKlimafl\u00fcchtlinge\u201c, die ihre L\u00e4nder verlassen m\u00fcssen, weil es diese wom\u00f6glich bald nicht mehr gibt, in den Sinn. Doch das Thema Heimat wird auch dann relevant, wenn sie zwar nicht verschwindet, aber sich ihre Qualit\u00e4t durch Naturkatastrophen, die durch den Klimawandel intensiviert werden, abrupt oder aufgrund langanhaltender Verschlechterungen der Umwelt und der \u00f6kologischen Systeme (sog. \u201e<a href=\"https:\/\/socialtextjournal.org\/slow_violence_and_the_environmentalism_of_the_poor_an_interview_with_rob_nixon\/\">slow violence<\/a>\u201c) langsam verschlechtert. Hier wird deutlich, dass der Klimawandel ein \u201e<a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/pdf\/10.1080\/15693430701742677%22\">glocal<\/a>\u201c Ph\u00e4nomen ist: W\u00e4hrend seine Ursachen lokale Emissionen sind, die ein globales Problem ausl\u00f6sen, werden dessen Folgen doch wieder lokal gesp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Dabei meint Heimat hier nicht nur den geographischen Ort eines Zuhauses, sondern auch die emotionale Verbindung mit diesem Ort sowie den Menschen, die dort wohnen. Dies liegt vor allem daran, dass die kulturellen Praktiken, die Abstammung, die symbolischen Bedeutungen und das Erbe eines Ortes, der Heimat ist, die eigene Identit\u00e4t formen. Eine solche Verbindung ist auch identit\u00e4tsstiftend f\u00fcr die Gemeinschaft als solche.<\/p>\n<p>Die Aufl\u00f6sung oder Abtrennung dieser tiefen emotionalen Verbindung zu einem Ort und einer Gemeinschaft kann dann ein Gef\u00fchl von \u201edisplacement\u201c bei den Betroffenen ausl\u00f6sen, auch wenn sie am selben Ort bleiben, und wird als Ungerechtigkeit wahrgenommen (Schlosberg, 64) Ein solches Gef\u00fchl entsteht gem\u00e4\u00df <a href=\"https:\/\/wedocs.unep.org\/bitstream\/handle\/20.500.11822\/20819\/Frontiers-Environmental-Constitutionalism.pdf?sequence=1&amp;isAllowed=y\">Loretta Feris<\/a> nicht nur, wenn Menschen an andere Orte umgesiedelt werden, sondern auch, wenn sich die Umweltqualit\u00e4t des gleichen Ortes sp\u00fcrbar verschlechtert. Feris argumentiert sogar, dass man einen solchen Verlust des \u201e<a href=\"https:\/\/www.news.uct.ac.za\/article\/-2014-10-16-a-sense-of-place-new-frontiers-for-the-law\">sense of place<\/a>\u201c auch sp\u00fcren kann, wenn sich die Umweltqualit\u00e4t von Orten verschlechtert, die nicht zu dem geh\u00f6ren, was man gemeinhin unter Heimat versteht, aber als ikonische Landschaften das Gemeinschaftsgef\u00fchl einer ganzen Nation pr\u00e4gen. Das geplante Fracking in der Karoo-W\u00fcste wird hier insofern als Bedrohung f\u00fcr die s\u00fcdafrikanische Gemeinschaftsidentit\u00e4t gedeutet, auch wenn die Karoo selbst nur sp\u00e4rlich bev\u00f6lkert ist. In der gleichen Weise k\u00f6nnen durchaus auch die <a href=\"https:\/\/ejatlas.org\/conflict\/occupation-of-the-hambacher-forst-against-brown-coal-mining-germany\">Proteste<\/a> gegen die Tagebauten in Garzweiler und Hambach gewertet werden, die sich im Herbst 2018 schlie\u00dflich zuspitzten, um den Erhalt des 12.oooo Jahre alten Hambacher Forsts sicherzustellen.<\/p>\n<p>Der Umweltphilosoph Glenn Albrecht hat f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen den Begriff \u201e<a href=\"https:\/\/www.ipcn.nsw.gov.au\/resources\/pac\/media\/files\/pac\/projects\/2014\/11\/mt-thorley-continuation-project\/lec-hearing\/3-glenn-albrecht-expert-reportpdf.pdf\">solastalgia<\/a>\u201c (von \u201esolace\u201c und \u201enostalgia\u201c) gepr\u00e4gt. Er beschreibt solastalgia als \u201especific form of melancholia connected to lack of solace and intense desolation.\u201c Demnach empfinden Menschen einen tiefen Schmerz durch den anhaltenden Verlust ihrer Heimat \u2013 eine Art Heimweh \u2013 obwohl sie sich nach wie vor in ihrer Umwelt befinden. Dies geht einher mit der \u201egradual erosion of the sense of belonging (identity) to a particular place and a feeling of distress (psychological desolation) about its transformation (loss of wellbeing).\u201c<\/p>\n<p>Dass es sich dabei um mehr als ein akademisches Konstrukt handelt, zeigt die Rechtsprechung des australischen NSW Land and Environmental Court. Wiederholt hatten sich die Richter auf das Konzept der \u201esolastalgia\u201c bezogen, u.a. im Fall <a href=\"http:\/\/blogs2.law.columbia.edu\/climate-change-litigation\/wp-content\/uploads\/sites\/16\/non-us-case-documents\/2019\/20190208_2019-NSWLEC-7_decision-1.pdf\">Gloucester Resources Limited v Minister for Planning<\/a> (2019). Die Bewohner des Gloucester Valley hatten sich gegen die Genehmigung eines Tagesbaus zur Kohlef\u00f6rderung ausgesprochen, da sie eine Verschandelung der Landschaft bef\u00fcrchteten. Das Gericht lehnte das Projekt schlie\u00dflich ab. Neben dem Hinweis, dass die beantragte Lizensierung einer Kohlenmine aufgrund des Klimawandels zur \u201efalschen Zeit\u201c k\u00e4me, f\u00fchrte das Gericht aus, w\u00e4re das Glouchester Valley aufgrund seiner malerischen und kulturellen Landschaft und der geographischen N\u00e4he zu H\u00e4usern und Bauernh\u00f6fen auch der \u201efalsche Ort\u201c f\u00fcr einen Kohletagebau. Ein solcher habe signifikante Auswirkungen auf die Planung, die Annehmlichkeiten, die Optik und die Gesellschaft und sei deshalb in dieser Lage abzulehnen.<\/p>\n<p><strong>Partizipationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr mehr Klimagerechtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Der Verlust der Heimat hat starke psychosoziale Auswirkungen auf den Menschen und die Gemeinschaft. In S\u00fcdafrika wird deswegen auch diskutiert, ob der Verlust des \u201esense of place\u201c unter das Merkmal \u201ewellbeing\u201c im <a href=\"https:\/\/www.justice.gov.za\/legislation\/constitution\/SAConstitution-web-eng.pdf\">Umweltartikel 24 der s\u00fcdafrikanischen Verfassung<\/a> interpretiert werden k\u00f6nnte (\u201eEveryone has the right\u2014(a) to an environment that is not harmful to their health or wellbeing; [\u2026]). Ein explizites Menschenrecht auf (Erhalt der) Heimat gibt es aber nicht.<\/p>\n<p>Insofern ist es f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.taylorfrancis.com\/books\/e\/9781351050982\/chapters\/10.4324\/9781351050982-5\">Schlosberg<\/a> (S. 67) umso wichtiger, dass die Argumente von Menschen, die unmittelbar mit dem Verlust ihrer Heimat als Folge von Umweltzerst\u00f6rung betroffen sind, st\u00e4rker in den Diskurs aufgenommen und ihnen in der Deliberation mehr Gewicht beigemessen werden. Schlie\u00dflich zerst\u00f6ren nicht nur Naturkatastrophen und \u201eslow violence\u201c die Umwelt, sondern auch Ma\u00dfnahmen, die von Staaten ergriffen werden, um das Klima zu sch\u00fctzen. Der Bau des <a href=\"https:\/\/e360.yale.edu\/features\/how-a-dam-building-boom-is-transforming-the-brazilian-amazon\">Belo Monte Staudamms<\/a> am Xingu Fluss im brasilianischen Amazonas, der zwar \u201egr\u00fcne Energie\u201c produzieren soll, aber auch zur gro\u00dffl\u00e4chigen Vernichtung von indigenen L\u00e4ndereien und Kulturen f\u00fchrte, ist hier ein besonders tragisches Beispiel. Schlie\u00dflich ist eine solche Einbindung aller potentiell Betroffenen als ur-demokratisches Element auch sinnvoll, um eine <a href=\"https:\/\/www.nf-farn.de\/system\/files\/documents\/farn_leitfaden_wenn_rechtsextreme_von_naturschutz_reden.pdf\">Unterwanderung von rechts<\/a> durch vermeintliche Naturfreund*innen und Versuche einer Neubesetzung des Heimatbegriffs mit v\u00f6lkischem Gedankengut (\u201eBlut und Boden\u201c) zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Fokussierung auf distributive und prozessuale Elemente der Klimagerechtigkeit sollte erg\u00e4nzt werden um \u00dcberlegungen zum Verlust der Heimat und daraus resultierende m\u00f6gliche Konflikte f\u00fcr Individuen und Gesellschaften. Nat\u00fcrlich gibt die st\u00e4rkere Einbeziehung solcher Gesichtspunkte keine allgemeine Antwort auf die tiefgreifenden Fragen der Klimagerechtigkeit. <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10393-015-1052-1\">Studien<\/a> zeigten zum Beispiel, dass \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsschichten st\u00e4rker an solastalgia leiden als reichere. Dennoch ist das Konzept auch kein Papiertiger und wird durchaus ernst genommen, wie die Praxis des NSW Land and Environmental Court zeigt. Daneben sind es aber vor allem bottom-up Initiativen und lokale Gemeinschaften, die solche Stimmen und Eindr\u00fccke b\u00fcndeln und kommunizieren k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich setzen sich die meisten Menschen erst dann aktiv f\u00fcr Umwelt- und Klimaschutz ein, wenn der eigene Garten bedroht ist. Klimaschutz und Klimagerechtigkeit beginnt also auf den untersten governance levels \u2013 in der Heimat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jura.uni-hamburg.de\/die-fakultaet\/personenverzeichnis\/niehaus-manuela.html\"><em>Manuela Niehaus<\/em><\/a><em> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut f\u00fcr Internationale Angelegenheiten der Universit\u00e4t Hamburg und Doktorandin an den juristischen Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4t Hamburg und der Macquarie University Sydney.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Cite as: Manuela Niehaus, &#8220;Klimagerechtigkeit \u2013 ein Recht auf Heimat?&#8221;<strong>,\u00a0<\/strong><em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 6 May 2020, doi: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.17176\/20200506-133341-0\">10.17176\/20200506-133341-0<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Kleine sprachliche \u00c4nderung vorgenommen am 31.5.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema Klimagerechtigkeit hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren. Die explizite Aufnahme von Klimagerechtigkeit in die Pr\u00e4ambel des Pariser \u00dcbereinkommens von 2015 wurde sowohl von Aktivisten als auch Umweltrechtlern als Meilenstein gewertet. Dabei hat sich das Prinzip der Klimagerechtigkeit aus dem Konzept der Umweltgerechtigkeit (environmental justice) \u00fcber die Jahrzehnte entwickelt. 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