{"id":4074,"date":"2016-03-18T00:00:00","date_gmt":"2016-03-18T07:11:14","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/vom-internationalen-in-der-privatrechtslehre-beruhrungsangste-und-relevanz\/"},"modified":"2020-12-09T13:37:01","modified_gmt":"2020-12-09T12:37:01","slug":"vom-internationalen-in-der-privatrechtslehre-beruhrungsangste-und-relevanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/vom-internationalen-in-der-privatrechtslehre-beruhrungsangste-und-relevanz\/","title":{"rendered":"Vom Internationalen in der Privatrechtslehre"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Aus Sicht des Kollisionsrechts auf einem v\u00f6lkerrechtlichen Blog zu schreiben, stellt eine gewisse Herausforderung dar, da sich die beiden Materien zwar ber\u00fchren, aber es doch strukturell gro\u00dfe Unterschiede gibt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Verortung der Diskussion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor auf die Frage eingegangen werden kann, wie das Internationale Privatrecht (IPR) und andere Bereiche, die sich mit privatrechtlichen grenz\u00fcberschreitenden Fragen besch\u00e4ftigen, st\u00e4rker in der Lehre vertreten werden sollte, sollte gefragt werden, in welchem Umfang dieses Ziel \u00fcberhaupt anzustreben ist. Mit anderen Worten: Sollen diese Bereiche (st\u00e4rker) Teil des Examenspflichtstoffs werden oder weiterhin als Spezialmaterie vor allem im Schwerpunktbereichsstudium angeboten werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es viele Rechtsgebiete gibt, die bisher nur \u201ein Grundz\u00fcgen\u201c im Examen abgefragt werden k\u00f6nnen (je nach JAG etwa ZPO, Arbeitsrecht, Familienrecht, Erbrecht, FamFG, Rechts- und Verfassungsgeschichte, Kommunalrecht, StPO, Wirtschaftsstrafrecht, Europarecht, V\u00f6lkerrecht etc.), w\u00fcrde die erste M\u00f6glichkeit im Zweifel dazu f\u00fchren, dass alle die genannten Gebiete ebenfalls st\u00e4rkere Beachtung in JAG und Staatsexamina reklamierten. Dies verst\u00e4rkte die bereits vorhandene Tendenz in Examensklausuren, immer st\u00e4rker Einzel- und Detailwissen und weniger System- und Strukturverst\u00e4ndnis abzufragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alternative w\u00e4re, die Studierenden verst\u00e4rkt zu einem internationalprivatrechtlichen Schwerpunktbereichsstudium zu animieren. Dies h\u00e4tte den Vorteil, dass mit Studierenden zusammenzuarbeiten w\u00e4re, welche wirklich Interesse an einer Wissensvertiefung haben und nicht nur unter Druck noch einen unter vielen weiteren Aspekten lernen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir scheint die Vertiefung im Schwerpunkt vorzugsw\u00fcrdig. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, den Studierenden einen Eindruck zu vermitteln, dass in der heutigen globalisierten, europ\u00e4isierten und vernetzten Welt Grundkenntnisse im Privatrecht mit internationalem Bezug notwendig sind. Um dies zu erreichen, k\u00f6nnte man (parallel zu Veranstaltungen in der Rechtsgeschichte, -philosophie, -methodik) einen Grundlagenkurs im Grundstudium etablieren, der den interessierten Studierenden erste Einblicke in Kollisionsrecht, Rechtsvergleichung, V\u00f6lkerrecht, Europarecht und Einheitsrecht gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Praxisrelevanz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt man sich, wie attraktiv ein internationalprivatrechtlicher Schwerpunkt f\u00fcr einen Studierenden ist (und blendet dabei externe Effekte wie als besonders gro\u00dfz\u00fcgig bekannte Betreuer aus), hat dieser eigentlich sehr gute Chancen, Interesse zu wecken: \u201eInternational\u201c ist ein Modewort und \u201einternationale\u201c T\u00e4tigkeiten wecken Interesse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch sind die internationalprivatrechtlichen Fragestellungen extrem praxisrelevant. Der Online-Handel, die Bev\u00f6lkerungsbewegungen innerhalb (und au\u00dferhalb) Europas oder die allgemein verst\u00e4rkte grenz\u00fcberschreitende Aktivit\u00e4t durch die Globalisierung f\u00fchren dazu, dass nahezu alle privatrechtlichen Gebiete immer h\u00e4ufiger mit Fragen konfrontiert werden, in denen mehr als eine Rechtsordnung involviert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Fakt ist aber im allgemeinen Studierendenbewusstsein nicht immer verankert. Kollisionsrechtliche, rechtsvergleichende oder auch internationalverfahrensrechtliche Fragen sind nie \u201ealleine\u201c f\u00fcr den Ausgang eines Rechtsstreits relevant, sondern immer in Kombination mit verschiedenen nationalen Regelungen, um deren konkrete Anwendung oder Anwendbarkeit es geht. Aus diesem Grund gibt es nur wenige Stellenausschreibungen au\u00dferhalb der Wissenschaft, die speziell allgemeine Kenntnisse im Kollisionsrecht oder der Rechtsvergleichung verlangen. Typischerweise werden Kenntnisse im Handels-, Familien-, Immaterialg\u00fcter- oder Verfahrensrecht \u201emit seinen internationalen Bez\u00fcgen\u201c verlangt. Den Studierenden ist daher weniger bewusst, dass Kenntnisse im IPR und verwandten Gebieten im Gro\u00dfteil der nicht rein lokal t\u00e4tigen Kanzleien, Notariaten, Unternehmen und Gerichten sehr gefragt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem k\u00f6nnte dadurch abgeholfen werden, dass in den Vorlesungen st\u00e4rker der Bezug zu aktuellen F\u00e4llen hergestellt und die Praxisrelevanz betont wird. Erg\u00e4nzend k\u00f6nnten Praktiker (Richter, Notare, Anw\u00e4lte) zu Vortr\u00e4gen eingeladen werden und von ihrer T\u00e4tigkeit mit einem Schwerpunkt auf grenz\u00fcberschreitenden Fragestellungen berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterhin k\u00f6nnten st\u00e4rker praxisorientierte Projekte durchgef\u00fchrt werden. Mit dem Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot Court ist das Internationale Verfahrens- und das UN-Kaufrecht abgedeckt. Der Moot Court motiviert bereits sehr erfolgreich seine Teilnehmer dazu, internationalprivatrechtlich t\u00e4tig zu werden oder zu bleiben. Dar\u00fcber hinaus sind rein kollisionsrechtliche oder rechtsvergleichende F\u00e4lle f\u00fcr Moot Courts schwierig zu konstruieren. Allerdings w\u00e4re es m\u00f6glich, in Anlehnung an das Moot-Court-Konzept, Wettbewerbe zur Vertragsgestaltung zwischen Parteien aus verschiedenen Rechtsordnungen zu veranstalten (z.B. aus Sicht eines Notares oder auch aus Sicht zweier Parteivertreter). Solche Veranstaltungen w\u00fcrden dar\u00fcber hinaus daran ankn\u00fcpfen, dass Kautelarfragestellungen im Examen an Bedeutung gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ber\u00fchrungs\u00e4ngste<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterhin schrecken einige Studierende vor internationalprivatrechtlichen Vorlesungen (und Klausuren) zur\u00fcck, weil sie Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit dem Gebiet haben. Es halten sich teils von den Dozenten oder Kommilitonen verst\u00e4rkte Ger\u00fcchte, das IPR sei \u201eschwer\u201c, \u201eabstrakt\u201c und \u201eanders\u201c. Auch sei das Studium nur bei Kenntnis von mindestens franz\u00f6sisch, englisch und spanisch auf Muttersprachniveau m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Internationalprivatrechtliche Fragestellungen sind schwer und bauen auf Wissen im materiellen Recht auf. Aber das gesamte Jurastudium ist nicht f\u00fcr seine Einfachheit bekannt und setzt im Schwerpunktstudium Grundstudiumswissen und Denkverm\u00f6gen voraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kollisionsrecht hat auch tats\u00e4chlich eine sehr abstrakte Vorgehensweise. Dies macht zum Teil seinen Reiz aus, aber Abstraktheit ist ebenfalls nichts, wovor andere Gebiete der Rechtswissenschaft gefeit sind. Schlie\u00dflich ist es eine Frage des Dozenten, wie konkret oder abstrakt die Vorlesung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was allerdings stimmt, ist der Fakt, dass das IPR und auch die Rechtsvergleichung \u201eanders\u201c insofern sind, als dass sie andere Ziele als das materielle Recht haben und daher eine andere Dogmatik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich am Anfang einer IPR-Vorlesung werden viele Studierende daher informativ \u00fcberfordert: Sie m\u00fcssen verarbeiten, dass es \u00fcberhaupt eine Meta-Rechtsordnung gibt, die andere Rechtsordnungen koordiniert, dass diese Rechtsordnung eine eigene Dogmatik und eigene Ziele hat (bzw. dass dies umstritten ist) und zugleich eigene Terminologien in prim\u00e4r Latein und Franz\u00f6sisch hat. Dar\u00fcber hinaus verlangt jeder IPR-Fall ihnen (teils sehr spezielle) Kenntnisse des eigenen Rechts ab und sie werden Informationen zu anderen Rechtsordnungen ausgesetzt, ohne einordnen zu k\u00f6nnen, wie wichtig dies f\u00fcr die restliche Vorlesung ist. Diese anf\u00e4ngliche \u00dcberforderung f\u00fchrt dazu, dass viele Studierende aufgeben und sich nicht auf die Materie einlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Ber\u00fchrungs\u00e4ngste k\u00f6nnten gemildert werden dadurch, dass die allgemeinen Vorlesungen im Zivilrecht das IPR nicht vollends ausblenden, sondern zum Beispiel im allgemeinen Kaufrecht der Dozent kurz und unproblematisch die Ankn\u00fcpfung nach Artt. 3 I, 4 I a) und c) Rom I-VO pr\u00fcft (evtl. darauf hinweist, dass es daneben das UN-Kaufrecht gibt) und feststellt, dass deutsches Recht anwendbar ist (z.B. \u201eDeutsches Recht ist anwendbar nach Artt. 3 I, 4 I a Rom I-VO, da der Verk\u00e4ufer seinen gew\u00f6hnlichen Aufenthalt in Deutschland hat und die Parteien keine Rechtswahl getroffen haben.\u201c). Wenn ein solcher oder vergleichbarer Satz in jeder Veranstaltung vorkommt, werden die Studierenden an den Gedanken gew\u00f6hnt, dass es \u00fcberhaupt die Fragestellung gibt, welches Recht anwendbar ist und dass dies separat geregelt ist. Um die Angst vor der Materie zu nehmen, k\u00f6nnte noch darauf hingewiesen werden, dass diese Frage nicht klausurrelevant ist. Dies w\u00fcrde den Zugang zu einer sp\u00e4teren Vorlesung im IPR deutlich erleichtern, da an bereits vorhandenes Wissen angekn\u00fcpft werden kann. Auch kann so Interesse geweckt werden, ohne Druck auszu\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Synergieeffekte mit anderen Vertiefungsveranstaltungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich kann im Schwerpunktstudium, soweit die Schwerpunktbereichszuschnitte dies erlauben, darauf geachtet werden, dass Synergieeffekte bezogen auf nationale und grenz\u00fcberschreitende Bereiche erzeugt werden und einzelne Veranstaltungen kombiniert werden und aufeinander verweisen. Etwa k\u00f6nnte eine Vorlesung \u201eVertiefung Handelsrecht\u201c kombiniert werden mit \u201eInternationalem Handelsrecht\u201c. Die zweite Vorlesung k\u00f6nnte auch f\u00fcr Studierende in einem handelsrechtlichen Schwerpunkt ge\u00f6ffnet sein und die Dozenten und Dozentinnen der Vorlesung aufeinander verweisen und sich absprechen. Dies w\u00fcrde das Verst\u00e4ndnis der Studierenden f\u00fcr die Zusammenh\u00e4nge zwischen den nationalen und grenz\u00fcberschreitenden Fragen sch\u00e4rfen. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4ren so gen\u00fcgend materiellrechtliche Vorkenntnisse vorhanden, um auch tief in die kollisionsrechtliche oder rechtsvergleichende Problematik einzusteigen. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnten auch Studierende aus anderen Schwerpunktbereichen f\u00fcr die grenz\u00fcberschreitenden Fragestellungen sensibilisiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"https:\/\/www.jura.uni-bonn.de\/institut-fuer-deutsches-europaeisches-und-internationales-familienrecht\/team\/dr-susanne-goessl-llm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dr. Susanne Lilian G\u00f6ssl, LL.M. (Tulane)<\/a> ist akademische R\u00e4tin am Institut f\u00fcr Deutsches, Europ\u00e4isches und Internationales Familienrecht, Prof. Dr. Nina Dethloff, LL.M., Universit\u00e4t Bonn<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Susanne Lilian G\u00f6ssl, \u201cVom Internationalen in der Privatrechtslehre \u2013 Ber\u00fchrungs\u00e4ngste und Relevanz\u201d, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>,\u00a018\u00a0March 2016, doi: 10.17176\/20171130-095014.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Sicht des Kollisionsrechts auf einem v\u00f6lkerrechtlichen Blog zu schreiben, stellt eine gewisse Herausforderung dar, da sich die beiden Materien zwar ber\u00fchren, aber es doch strukturell gro\u00dfe Unterschiede gibt.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6639],"tags":[],"authors":[4160],"article-categories":[3572],"doi":[4161],"class_list":["post-4074","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","authors-susanne-lilian-gossl","article-categories-symposium","doi-10-17176-20171130-095014"],"acf":{"subline":"Ber\u00fchrungs\u00e4ngste und Relevanz"},"meta_box":{"doi":"10.17176\/20171130-095014"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4074"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4074\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4074"},{"taxonomy":"authors","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/authors?post=4074"},{"taxonomy":"article-categories","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/article-categories?post=4074"},{"taxonomy":"doi","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/doi?post=4074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}