{"id":4068,"date":"2016-03-04T00:00:00","date_gmt":"2016-03-04T08:09:50","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/spielend-volkerrecht-verstehen\/"},"modified":"2020-12-09T13:36:47","modified_gmt":"2020-12-09T12:36:47","slug":"spielend-volkerrecht-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/spielend-volkerrecht-verstehen\/","title":{"rendered":"Spielend V\u00f6lkerrecht verstehen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In Hochschullehre und \u2013didaktik spricht derzeit alles vom so genannten \u201e<a href=\"http:\/\/www.stifterverband.info\/wissenschaft_und_hochschule\/lehre\/charta_guter_lehre\/charta_guter_lehre.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">shift from teaching to learning<\/a>\u201c. Dieser Ansatz stellt die Erlangung von Kompetenzen durch die Lernenden in das Zentrum der Lehre. Methodisch r\u00fcckt damit das aktive Lernen in den Vordergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Internationalen Beziehungen und im V\u00f6lkerrecht existieren schon lange Methoden, die diesen Ansatz besonders wirksam verwirklichen: hier gilt das Planspiel als besonders effektiv (siehe etwa <a href=\"http:\/\/booksandjournals.brillonline.com\/content\/journals\/10.1163\/15718069820848102\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1080\/15512160600840814\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/sag.sagepub.com\/content\/23\/3\/261.abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>). Neben dem erforderlichen Wissen k\u00f6nnen die Studierenden spielend wichtige Schl\u00fcsselkompetenzen erwerben, wie Verhandlungsgeschick, Sozialkompetenzen, rhetorische Fertigkeiten <a href=\"https:\/\/www.uni-marburg.de\/konfliktforschung\/pdf\/workingpapers\/ccswp13.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">uvm<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Definition des Planspiels <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Planspiel ist eine didaktische Methode, bei der komplexe Entscheidungsprozesse aus gr\u00f6\u00dferen Organisationen unter einem gegebenen Sachverhalt durch eine Gruppe von TeilnehmerInnen mit verteilten Rollen und nach festgelegten Regeln nachgespielt werden. Die Methode unterscheidet sich von einer <em>Simulation<\/em> insofern, als dass sie nicht danach strebt, m\u00f6glichst genau die Realit\u00e4t abzubilden. Da das Planspiel innerhalb eines gesetzten Regelkanons stattfindet, ist es auch nicht identisch mit dem <em>Rollenspiel<\/em>, bei dem der Fokus auf der Gestaltung und dem Nachvollziehen der angenommenen Figur liegt. Im Verh\u00e4ltnis zum <em>Spiel<\/em> betont das Planspiel eigene, spezifische Zwecke. Die Erlangung von Wissen \u00fcber eine konkrete Situation oder organisatorische Entscheidungsprozesse sowie der Erwerb von Kompetenzen im Bereich (Gruppen-) Interaktion, Kommunikation, Entscheiden, Handeln stehen im Vordergrund. Obwohl diese Zwecke auch im Rahmen von (Gesellschafts- oder Computer-) Spielen gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen, dienen diese vornehmlich der Unterhaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Planspiele und V\u00f6lkerrechtsvorlesungen <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An deutschen Hochschulen fristen Planspiele zumeist ein Nischendasein. Sie werden haupts\u00e4chlich in den Politik- oder Wirtschaftswissenschaften durchgef\u00fchrt und finden zudem oft allein in Form von Studierendenwettbewerben statt. Bekannt sind das \u2013bereits seit den 1920er Jahren <a href=\"http:\/\/www.dgvn.de\/fileadmin\/user_upload\/PUBLIKATIONEN\/Basis_Informationen\/bi-mun.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bestehende<\/a>\u2013 (National) Model United Nations (MUN) oder das \u201ePlanspiel B\u00f6rse\u201c. Teil regul\u00e4rer Lehrveranstaltungen im V\u00f6lkerrecht sind Planspiele (noch) nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Orientiert man sich an den Beispielen, bereitet die Verbindung von Planspielen mit regul\u00e4ren Vorlesungen zugegebenerma\u00dfen einige M\u00fche. Spiele wie das MUN dauern oft mehrere Tage oder Wochen. Die in ihnen durchgespielten Szenarien sind sehr <a href=\"https:\/\/www.uni-marburg.de\/konfliktforschung\/pdf\/workingpapers\/ccswp13.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">komplex<\/a> und ihre Durchf\u00fchrung verlangt ein entsprechend ausdifferenziertes Regelwerk sowie eine intensive und langwierige Vorbereitung; auf Seiten der Studierenden wie auf Seiten der Lehrenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch gilt: Planspiele kleineren Formats k\u00f6nnen ohne weiteres Teil regul\u00e4rer V\u00f6lkerrechtsvorlesungen sein. In eine Vorlesung integriert, kommt auch ein besonderer Vorzug der Planspielmethode zur Geltung: der mit ihr verbundene Lerneffekt ist besonders hoch, wenn sie mit regelm\u00e4\u00dfigem Unterricht im Klassenraum <a href=\"http:\/\/sag.sagepub.com\/content\/23\/3\/261.abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gekoppelt wird<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Sitzung des Menschenrechtsrats zum Recht auf sanit\u00e4re Anlagen <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Folgenden zeige ich anhand eines Beispiels (Sitzung des Menschenrechtsrats zum Recht auf sanit\u00e4re Anlagen), wie und auf welche Art und Weise die Verbindung eines Planspiels mit einer regul\u00e4ren V\u00f6lkerrechtsvorlesung gelingen kann. Dabei gehe ich auf die <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?hl=de&amp;lr=&amp;id=BF1lkqzyKQ8C&amp;oi=fnd&amp;pg=PR9&amp;dq=active+teaching+and+learning+at+a+critical+crossroads+Lantis+2000&amp;ots=qVGv_PJHTb&amp;sig=XLtlwKY-OCWyt_dfHtLR88jIPes#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">vier Schl\u00fcsselkomponenten aktiven Lernens<\/a> ein: die didaktischen und fachlichen Ziele, die Voraussetzungen in der studentischen Zielgruppe sowie die Gestaltung der eigentlichen Verfahrensabl\u00e4ufe und die anschlie\u00dfende Reflexion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ziel<\/em> des Planspiels Menschenrechtsrat ist die Vermittlung von Wissen \u00fcber die prozeduralen Abl\u00e4ufe in den Vereinten Nationen und die Gew\u00e4hrleistungsinhalte bestimmter sozialer Menschenrechte, wie des Rechts auf Gesundheit oder des Rechts auf Wasser. Idealerweise folgt dem Spiel eine regul\u00e4re Veranstaltung zum (europ\u00e4ischen und) internationalen Menschenrechtsschutz, sodass die im Spiel diskutierten Inhalte in einen gr\u00f6\u00dferen Kontext gestellt werden k\u00f6nnen. Nebenbei schult das Spiel die so genannten Schl\u00fcsselkompetenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Voraussetzungen des Spiels <\/em>werden durch die Rahmenbedingungen der V\u00f6lkerrechtsvorlesung und des Spiels bestimmt. V\u00f6lkerrechtsvorlesungen werden oft als zweist\u00fcndige Schwerpunktveranstaltungen in den Staatsexamensstudieng\u00e4ngen, bzw. als Vertiefungsveranstaltungen der Bachelorstudieng\u00e4nge und somit f\u00fcr Studierende fortgeschrittener Semester angeboten. Unter ihnen befinden sich aber auch Erasmusstudierende oder Studierende anderer Fachbereiche, insgesamt also eine recht heterogene Gruppe von potenziellen Spielern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Spiel werden maximal zwei Zeitstunden ben\u00f6tigt. Es kann mit Studierendengruppen von bis zu 60 Studierenden durchgef\u00fchrt werden. H\u00f6rs\u00e4le sind aufgrund der nicht ver\u00e4nderbaren Bestuhlung wenig geeignet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Gestaltung der eigentlichen Verfahrensabl\u00e4ufe<\/em> des Spiels verlangt dreierlei: 1. Die Zusammenstellung der teilnehmenden L\u00e4nder und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Vorlauf der Veranstaltung, 2. Eine Verfahrensordnung sowie 3. die Gestaltung des zu verhandelnden Textes der vom Menschenrechtsrat zu erlassenen Resolution.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">1. Die Studierenden stellen Vertreter der folgenden Gruppen: Ost\/West, Asien, Afrika, Lateinamerika, NGO. Dabei werden die Gruppengr\u00f6\u00dfen im Verh\u00e4ltnis 5:4:4:3:1 bestimmt. Bei einer Gruppe von mehr als 15 Teilnehmern bilden die Studierenden L\u00e4nder- und NGO-Teams, die sich aus mehreren Personen zusammensetzen. Zwei Studierende eines Landes\/zweier L\u00e4nder stellen den Vorsitz.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">2. Als Verfahrensordnung verwende ich eine modifizierte Fassung einer der MUN Verfahrensordnungen (vgl. etwa <a href=\"http:\/\/www.muimun.org\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/151102RoP_2016_Final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>). Die eigentliche Sitzung verl\u00e4uft dann wie folgt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 90px; text-align: justify;\">a. Nach Er\u00f6ffnung der Sitzung durch den Vorsitz geben die L\u00e4ndervertreter eine vorab in Eigenarbeit vorbereitete, etwa zweimin\u00fctige Stellungnahme zu dem vorab versandten Resolutionsentwurf ab.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 90px; text-align: justify;\">b. Der Vorsitz schlie\u00dft die Sitzung und beraumt eine Verhandlungspause von 10-20 min an. In der Zeit werden eventuell notwendige Mehrheiten unter den Vertretern ausgehandelt. Die NGO Vertreter veranstalten \u201eSide Events\u201c und verlesen dort zweimin\u00fctige Stellungnahmen zu ihren Positionen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 90px; text-align: justify;\">c. Die Sitzung wird wiederer\u00f6ffnet. Antr\u00e4ge zur Gesch\u00e4ftsordnung sowie \u00c4nderungsantr\u00e4ge werden von dem jeweiligen Antragsteller vorgestellt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 90px; text-align: justify;\">d. Die Vertreter stimmen \u00fcber die \u00c4nderungsantr\u00e4ge, sowie \u00fcber die (gegebenenfalls durch die \u00c4nderungsantr\u00e4ge modifizierte) Resolution ab.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px; text-align: justify;\">Vor der Planspielsitzung versende ich den Resolutionsentwurf, die Aufteilung der Studierenden nach L\u00e4ndern sowie Hinweise zum Verfahrensablauf einschlie\u00dflich der Verfahrensordnung und einige Lesehinweise. Vor Sitzungsbeginn erl\u00e4utere ich noch einmal den Ablauf und weise auf die erforderlichen Quoren f\u00fcr die Abstimmungen hin. Dann beginnt das eigentliche Spiel, das je nach Gruppengr\u00f6\u00dfe bis zu eineinhalb Stunden dauert. Am Ende werden ca. 10-15 Minuten f\u00fcr die Schlussreflexion des Spiels ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">3. Der vorab versandte Resolutionsentwurf enth\u00e4lt neben einer kurzen Pr\u00e4ambel, die auf vorangegangene Resolutionen hinweist, <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/UNMRRat-ResSanAnlVarAundB.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">zwei konkrete Entscheidungsvarianten<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Reflexionsphase<\/em>: In der abschlie\u00dfenden Reflexionsrunde k\u00f6nnen die Studierenden noch einmal Stellung zu den Verhandlungen und ihrem Ablauf nehmen. Hier ist Raum, auf Besonderheiten sowie Divergenzen zum realen Ablauf einer Menschenrechtsratssitzung hinzuweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Bewertung des Spiels und Lerneffekt im Rahmen einer V\u00f6lkerrechtsvorlesung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcblicherweise empfinden die Studierenden das Planspiel als sehr bereichernd. Regelm\u00e4\u00dfig nennen sie es als eines der besten Elemente der Veranstaltung. Zum Spiel erscheinen sie gr\u00fcndlich vorbereitet, um auch die sp\u00e4teren Verhandlungen beeinflussen zu k\u00f6nnen. Entsprechend werden viele \u00c4nderungsantr\u00e4ge formuliert. Oftmals steigern sich die Teilnehmerinnen bis in die kleinsten Formulierungsver\u00e4stelungen hinein. Die NGO Vertreter sind zwar h\u00e4ufig \u00fcberrascht, dass sie an den eigentlichen Abstimmungen nicht teilnehmen k\u00f6nnen, fassen ihre Rolle deshalb aber nicht als wertlos auf, sondern versuchen umso mehr, die L\u00e4ndervertreter in der Verhandlungspause zu beeinflussen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gesamtcurriculum einer V\u00f6lkerrechtsvorlesung bietet das Spiel wertvolles Anschauungsmaterial: zum einen erm\u00f6glicht es einen Einstieg in die im Anschluss folgende (Menschenrechts-) Vorlesung und kann Probleme im Bereich des internationalen Menschenrechtsschutzes (Gew\u00e4hrleistungsumfang, Umfang der Staatenverpflichtungen) plastisch und verst\u00e4ndlich machen. Dar\u00fcber hinaus kann das Spiel auch bei der Diskussion anschlie\u00dfender Themen verdeutlichen, wie schwierig internationale Konsensfindung ist und welchen weitreichenden Bedingungen sie unterliegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.birgit.peters.uni-rostock.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Prof. Dr. Birgit Peters, LL.M.<\/em><\/a><em>, Juniorprofessur f\u00fcr \u00d6ffentliches Recht, insbesondere V\u00f6lkerrecht und Europarecht, Universit\u00e4t Rostock.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Birgit Peters, \u201cSpielend V\u00f6lkerrecht verstehen. Das Planspiel als Teil regul\u00e4rer Lehrveranstaltungen im V\u00f6lkerrecht\u201d, <em><span style=\"color: #000000;\">V\u00f6lkerrechtsblog<\/span><\/em>,\u00a04\u00a0March 2016, doi:10.17176\/20171123-094036.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Hochschullehre und \u2013didaktik spricht derzeit alles vom so genannten \u201eshift from teaching to learning\u201c. Dieser Ansatz stellt die Erlangung von Kompetenzen durch die Lernenden in das Zentrum der Lehre. Methodisch r\u00fcckt damit das aktive Lernen in den Vordergrund. 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