{"id":4001,"date":"2017-05-24T00:00:00","date_gmt":"2017-05-24T08:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/kulturguter-neue-narrative-fur-den-umgang-mit-dem-postkolonialen-erbe\/"},"modified":"2020-12-09T13:17:41","modified_gmt":"2020-12-09T12:17:41","slug":"kulturguter-neue-narrative-fur-den-umgang-mit-dem-postkolonialen-erbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/kulturguter-neue-narrative-fur-den-umgang-mit-dem-postkolonialen-erbe\/","title":{"rendered":"Kulturg\u00fcter \u2013 Neue Narrative f\u00fcr den Umgang mit dem postkolonialen Erbe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Kulturg\u00fcterschutz ist wie kaum ein anderes Feld mit Fragen der Identit\u00e4t sowie Emotionen verkn\u00fcpft. In ihrem konzisen \u00dcberblick zu den Herausforderungen des v\u00f6lkerrechtlichen Kulturg\u00fcterschutzes hat <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/kulturguterschutz-eine-verpflichtung-gegenuber-der-uns-nachfolgenden-generation\/\">Adrianna A. Michel<\/a> diesen Punkt subkutan, aber auch explizit, thematisiert. \u201eRestitution\u201c ist in aller Munde, wenn historische Gerechtigkeit beschworen wird, die gegen\u00fcber den ehemaligen Kolonialterritorien und quasi-kolonialisierten Gebieten zu \u00fcben ist. Mit der Argumentationsfigur vom gemeinsamen kulturellen Erbe der Menschheit werden solche Forderungen oftmals zur\u00fcckgewiesen. Derzeit ist diese abwehrende Rechtfertigung beim British Museum <a href=\"https:\/\/law.wustl.edu\/harris\/Conferences\/imperialism\/Merryman_PAPER_FINALelgin2.pdf\">im Fall der sogenannten Parthenon oder Elgin Marbles<\/a> zu finden. Etwas zu beanspruchen, das ohnedies der gesamten Menschheit geh\u00f6re, w\u00e4re widersinnig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie k\u00f6nnte ein Gerechtigkeitsdiskurs in diesen Fragen aussehen, der sich auch rechtlich materialisiert? Mir erscheint dies ein zentraler und zu selten beleuchteter Punkt. Denn die postkoloniale Situation des V\u00f6lkerrechts wird in g\u00e4ngigen Abhandlungen zum Kulturg\u00fcterschutz nur selten betont. Eher noch sind es die Disziplinen wie Arch\u00e4ologie, Anthropologie oder Orientalistik, die sich ihr koloniales Erbe bewusst machen. Ein wesentlicher Grund f\u00fcr diese Verengung des Blickfelds im Recht ist der Fokus auf den \u201eSchutz\u201c von Kulturg\u00fctern. Mit dieser begrifflichen Vorpr\u00e4gung verschwinden sofort mannigfache Ph\u00e4nomene aus der Perspektive \u2013 eine verh\u00e4ngnisvolle Weichenstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rechtsph\u00e4nomene jenseits des Kulturg\u00fcterschutzes im \u201eNahen Osten\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die konfliktreiche Gegenwart verlangt nach neuen Herangehensweisen. Um die j\u00fcngsten Zerst\u00f6rungen von Kulturgut in Syrien und im Irak in ihrer vollen Tragweite als Akt gegen den Westen zu verstehen muss man sich die kritische Geschichte des V\u00f6lkerrechts in diesem Bereich vor Augen f\u00fchren. So fand der westliche Bias des Kulturg\u00fcter\u201cschutzes\u201c auch in den institutionellen und rechtlichen Strukturen der Herkunftsl\u00e4nder ihren Ausdruck. Die Antikenbeh\u00f6rde in \u00c4gypten wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts \u00fcber beinahe 100 Jahre hinweg nur von Franzosen geleitet. Zudem war es der deutsche Arch\u00e4ologe Philipp Anton Dethier, der f\u00fcr das Osmanische Reich 1874 das erste <a href=\"https:\/\/books.google.at\/books?id=v65XlSj4ud8C&amp;printsec=frontcover&amp;dq=shaw+possessors+and+possessed&amp;hl=en&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwiK6NKBm4PUAhXD2xoKHWiyC4IQ6AEIJzAA#v=onepage&amp;q=shaw%20possessors%20and%20possessed&amp;f=false\">\u201eAntikengesetz\u201c<\/a> entwarf. Europ\u00e4ischen Ausgr\u00e4bern wurde darin automatisch ein Anteil an den Funden einger\u00e4umt. F\u00fcr schutzw\u00fcrdig wurden ausschlie\u00dflich \u00dcberreste der r\u00f6misch-griechischen Antike befunden, erst Anfang des 20. Jahrhunderts richtete sich die Aufmerksamkeit der Gesetzgeber auf islamische Kunstwerke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <a href=\"https:\/\/books.google.at\/books\/about\/The_Guardians.html?id=9-bsoQEACAAJ&amp;redir_esc=y\">Verwaltung von Mandatsgebieten<\/a> in der Zwischenkriegszeit etablierte einen legitimatorischen Rahmen, um in den folgenden Jahren kulturimperialistische Politik zu betreiben. In den Mandatsvertr\u00e4gen \u00fcber <a href=\"http:\/\/biblio-archive.unog.ch\/Dateien\/CouncilMSD\/C-528-M-313-1922-VI_BI.pdf\">Syrien-Libanon<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.worldlii.org\/int\/other\/LNTSer\/1925\/100.pdf\">Irak<\/a> und <a href=\"http:\/\/biblio-archive.unog.ch\/Dateien\/CouncilMSD\/C-529-M-314-1922-VI_BI.pdf\">Pal\u00e4stina<\/a> ebenso wie in den neuen \u201eAntikengesetzen\u201c wurde der Nahe Osten f\u00fcr europ\u00e4ische Arch\u00e4ologen ge\u00f6ffnet. Erneut wurden die Gesetze von Europ\u00e4ern entworfen und in Kraft gesetzt. So etwa f\u00fcr Syrien-Libanon mittels Verordnung des franz\u00f6sischen Hochkommissars aus 1926 und 1933. Die \u201eQueen of the Desert\u201c und damalige Direktorin der irakischen Antikenbeh\u00f6rde Gertrude Bell erstellte 1924 f\u00fcr den Irak ein \u201eAntikengesetz\u201c. Die Bestimmungen dieser Gesetze bildeten vorwiegend die Interessen der westlichen Arch\u00e4ologie ab. So wurden sowohl Enteignungsvorschriften als auch gro\u00dfz\u00fcgige Fundteilungsbestimmungen vorgesehen. Sie gingen weit \u00fcber das hinaus, was vor dem Zerfall des Osmanischen Reichs, europ\u00e4ischen Ausgr\u00e4ber gestattet war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eVerwaltung\u201c statt \u201eSchutz\u201c von Kulturg\u00fctern<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine rein rechtsdogmatische Betrachtung, die auf Schutzregime fixiert ist, verliert diese postkoloniale Pr\u00e4gung in ihren diskriminierenden Strukturen aus den Augen. Denn mit dem Wort Kulturg\u00fcterschutz tauchen vor allem zwei rechtliche Schutzinstrumente der Juristinnen und Juristen auf: Der Schutz vor Zerst\u00f6rung und der Schutz vor illegalen Transfers von Kulturg\u00fctern bzw. die Bindung jener an den Staat. Dies waren und sind bis heute die rechtlichen Schutzwerkzeuge, die haupts\u00e4chlichen in v\u00f6lkerrechtlichen Vertragswerken normiert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um einer solchen Einseitigkeit k\u00fcnftig zu entgehen, schlage ich die Verwendung des Begriffs der \u201eVerwaltung\u201c und nicht des \u201eSchutzes\u201c in Zusammenhang mit Kulturg\u00fctern vor. Damit best\u00fcnde die M\u00f6glichkeit, auch hegemoniale Machtverh\u00e4ltnisse zu untersuchen und einem postkolonialen Diskurs um Kulturg\u00fcter im V\u00f6lkerrecht Raum zu geben. Es k\u00f6nnte auch den Ausgangspunkt f\u00fcr neue Narrative zur Geschichte der Verwaltung von Kulturg\u00fctern im V\u00f6lkerrecht bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der ausgeblendete Zivilisationsfaktor<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Geschichte k\u00f6nnte mit ihren neuen Narrativen auch die im V\u00f6lkerrecht des 19. sowie der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Konzepte der Zivilisation im Verh\u00e4ltnis zur Verwaltung von Kulturg\u00fctern kritisch beleuchten. Auf welche Weise formulierte die <em>family of nations<\/em> hier Interessen, wer geh\u00f6rte zu diesem erlauchten Kreis und wie \u00e4u\u00dferten sich diese Exklusion in der V\u00f6lkerrechtswissenschaft jener Zeit? Diese Frage f\u00fchrt auch in die N\u00e4he des sogenannten \u201einternational administrative law\u201c und seinem <a href=\"http:\/\/www.ejil.org\/pdfs\/25\/3\/2514.pdf\">kolonialen Schatten<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem wurde vor allem die antike Kunst und Kultur als Beweis f\u00fcr den eigenen zivilisatorischen Fortschritt angef\u00fchrt, der auf seiner h\u00f6chsten Stufe zur vollwertigen Aufnahme in die V\u00f6lkerrechtsgemeinschaft beitragen sollte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannte etwa das Osmanischen Reichs das Potenzial antiker Kulturg\u00fcter auf ihrem Territorium f\u00fcr ihre politischen Bestrebungen. Auch Japan nutzte zur Legitimierung seiner imperialen Politik in S\u00fcdkorea arch\u00e4ologische Erkenntnisse \u00fcber die Zivilisation. Die dem Zivilisationskonzept eingeschriebenen hegemonialen Interessen sowie die epistemische Inferiorisierung zog sich damit auch ma\u00dfgeblich durch die Verwaltung von Kulturg\u00fctern, f\u00fcr welche das V\u00f6lkerrecht eine scheinbar neutrale Schablone bildete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Neue Narrative, neue Institutionen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die postkolonialen Herausforderungen der internationalen Verwaltung von Kulturg\u00fctern sind vor diesem Hintergrund vielf\u00e4ltig. Noch immer entfalten Kulturg\u00fcter und Kunst eine Strahlkraft auf die \u201enew standards of civilization\u201c, welche durchaus auch bem\u00fcht werden. Die Skepsis des sogenannten Westens gegen\u00fcber Projekten wie dem monumentalen Museum in <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/33\/scheicha-al-majassa-katar-kunstmarkt-kunstfreiheit-interview\/komplettansicht\">Katar<\/a> oder den zahlreichen Sportsponsorships ist nachvollziehbar, l\u00e4uft aber Gefahr, hegemoniale Muster zu perpetuieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer\u00a0 mit \u201eunseren\u201c nachfolgenden Generationen argumentiert, denen gegen\u00fcber eine Verpflichtung zum Schutz von Kulturg\u00fctern besteht, muss klar angeben, in wessen Namen er spricht. In einer Weltgesellschaft muss europ\u00e4ische Kunst in arabischen, afrikanischen oder asiatischen Museen ebenso mitumfasst sein, wie auch die in Europa befindlichen Werke anderer Kulturen. Zweifellos ist ein gewisses Ma\u00df an Austausch der Kulturg\u00fcter f\u00fcr eine solche Verst\u00e4ndigung f\u00f6rderlich, um asymmetrischen Verh\u00e4ltnissen vorzubeugen. Jedoch darf keine Kultur zum Wertma\u00dfstab f\u00fcr andere herangezogen werden. Zugleich besteht eine historische Verantwortung Europas, welche auch den Diskurs \u00fcber globale Gerechtigkeit und Institutionen im Bereich der Verwaltung von Kulturg\u00fctern ben\u00f6tigt und eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit erfordert. Ziel muss es sein, auf Institutionen hinzuwirken, die jegliche Rekolonisierungstendenzen auch durch eine Neuausrichtung der kulturellen Wissensstrukturen \u00fcber \u201edie Anderen\u201c \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sebastian Spitra, Mag. iur, BA (University of Vienna) is doctoral candidate and university assistant at the Institute for Legal and Constitutional History of the University of Vienna. He is Fellow of the Vienna Doctoral Academy \u201eCommunicating the Law\u201c. In his dissertation project, he is dealing with the history of administering culture in international law since 1789.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Cite as: Sebastian M Spitra, &#8220;Kulturg\u00fcter \u2013 Neue Narrative f\u00fcr den Umgang mit dem postkolonialen Erbe&#8221;, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 22 May 2017, doi: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.17176\/20190423-133829-0\">10.17176\/20190423-133829-0<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kulturg\u00fcterschutz ist wie kaum ein anderes Feld mit Fragen der Identit\u00e4t sowie Emotionen verkn\u00fcpft. In ihrem konzisen \u00dcberblick zu den Herausforderungen des v\u00f6lkerrechtlichen Kulturg\u00fcterschutzes hat Adrianna A. 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