{"id":3996,"date":"2017-04-28T00:00:00","date_gmt":"2017-04-28T08:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/grenzenloses-recht-dem-volkerrechtshistoriker-jorg-fisch-zum-70-geburtstag\/"},"modified":"2020-12-09T13:22:08","modified_gmt":"2020-12-09T12:22:08","slug":"grenzenloses-recht-dem-volkerrechtshistoriker-jorg-fisch-zum-70-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/grenzenloses-recht-dem-volkerrechtshistoriker-jorg-fisch-zum-70-geburtstag\/","title":{"rendered":"Grenzenloses Recht. Dem V\u00f6lkerrechtshistoriker J\u00f6rg Fisch zum 70. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie universal kann ein eurozentrisch gepr\u00e4gtes V\u00f6lkerrecht sein? Und wie l\u00e4sst sich vermeiden, dass faktische Ungleichheit eine internationale Rechtsordnung sprengt, die seit der Dekolonisierung als Recht zwischen Gleichen ausgestaltet ist? Mit diesen Fragen hat sich der Z\u00fcrcher Historiker J\u00f6rg Fisch schon in seiner 1984 ver\u00f6ffentlichten Bielefelder Habilitationsschrift \u201eDie europ\u00e4ische Expansion und das V\u00f6lkerrecht\u201c befasst \u2013 einer bahnbrechenden Studie \u00fcber \u201edie Auseinandersetzungen um den Status der \u00fcberseeischen Gebiete vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart\u201c, die in der neuerdings florierenden juristisch-historischen Querschnittsdisziplin der V\u00f6lkerrechtsgeschichte l\u00e4ngst als Klassiker rezipiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem Fisch zeigt, wie sich in der Phase der europ\u00e4ischen Expansion mittels direkter Eroberung und indirekter Herrschaft neue v\u00f6lkerrechtliche Formen und Instrumente herausbildeten, zeichnet er ein nuanciertes Bild der Rolle des Rechts in der internationalen Politik. Und widerlegt so mit Nachdruck Carl Schmitts These von einem \u00fcberseeischen Raum der Rechtlosigkeit, welcher vom Raum des europ\u00e4ischen V\u00f6lkerrechts durch \u201eFreundschaftslinien\u201c geschieden sei. Kein \u201eJus Publicum Europaeum\u201c im Sinne Schmitts habe sich im Prozess der europ\u00e4ischen Expansion formiert, sondern ein V\u00f6lkerrecht der Europ\u00e4er, ein \u201eJus Publicum Europaeorum\u201c. Der genaue Blick auf die Akteure erlaubt dem Koselleck-Sch\u00fcler Fisch eine differenzierte Auseinandersetzung mit deren <em>mission civilisatrice<\/em>, ihren juristischen und moralischen Rechtfertigungsstrategien, die er in einem gl\u00e4nzenden hundertseitigen Eintrag \u201eZivilisation, Kultur\u201c in den \u201eGeschichtlichen Grundbegriffen\u201c seziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon seit Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat sich der in St. Gallen geborene J\u00f6rg Fisch der V\u00f6lkerrechtsgeschichte verschrieben \u2013 die in einer kleinen interdisziplin\u00e4ren Nische ein Aschenputteldasein fristete, als 1979 Fischs monumentale Arbeit \u201eKrieg und Frieden im Friedensvertrag\u201c erschien, hervorgegangen aus der von Reinhart Koselleck betreuten Heidelberger Dissertation. Die quellenges\u00e4ttigte Studie \u201e\u00fcber Grundlagen und Formelemente des Friedenschlusses\u201c wurde zum soliden Fundament eines Lebenswerkes, dessen Autor es meisterhaft versteht, v\u00f6lkerrechtliche, historische und politikwissenschaftliche Perspektiven in ein so originelles wie produktives Verh\u00e4ltnis zu setzen, ohne dabei methodische Pr\u00e4zision und disziplin\u00e4ren Tiefgang dranzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Assistentenjahren in Bielefeld und ersten Professuren in Bielefeld und Mainz lehrte Fisch von 1987 bis zur Emeritierung 2012 als ordentlicher Professor f\u00fcr Allgemeine neuere Geschichte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Studienaufenthalte und Gastprofessuren f\u00fchrten ihn an die School of Oriental and African Studies, an die \u00c9cole des Hautes \u00c9tudes en Sciences Sociales, die Juristische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Tokio und die Australian National University in Canberrra.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Fellow am Historischen Kolleg M\u00fcnchen vollendete er eine unl\u00e4ngst auch in englischer \u00dcbersetzung erschienene begriffs- und politikgeschichtliche Darstellung zum Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker, in der er die Paradoxien eines \u201euneinl\u00f6sbaren Versprechens\u201c entfaltet, das sich immer wieder als schwer einzuhegende subversive Kraft erweist. J\u00f6rg Fisch wird heute 70 Jahre alt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.mpil.de\/de\/pub\/institut\/personen\/wissenschaftlicher-bereich\/akemmere.cfm\"><em>Alexandra Kemmerer<\/em><\/a><em> is senior research fellow and academic coordinator at the Max Planck Institute for Comparative Public and International Law in\u00a0Heidelberg, and head of the institute\u2019s Berlin Office.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Alexandra Kemmerer, &#8220;Grenzenloses Recht. Dem V\u00f6lkerrechtshistoriker J\u00f6rg Fisch zum 70. Geburtstag&#8221;, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 28\u00a0April\u00a02017, doi:\u00a010.17176\/20170428-103836.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie universal kann ein eurozentrisch gepr\u00e4gtes V\u00f6lkerrecht sein? 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