{"id":3958,"date":"2017-01-18T00:00:00","date_gmt":"2017-01-18T08:07:45","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/die-uno-als-kopie-antiker-vorbilder\/"},"modified":"2020-12-09T13:26:14","modified_gmt":"2020-12-09T12:26:14","slug":"die-uno-als-kopie-antiker-vorbilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/die-uno-als-kopie-antiker-vorbilder\/","title":{"rendered":"Die UNO als Kopie antiker Vorbilder?"},"content":{"rendered":"<p><em>Kommentar zum Beitrag von <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/globale-koine-eirene\/\">Jorrik Fulda<\/a><\/em><\/p>\n<p>In seinem aufschlussreichen <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/globale-koine-eirene\/\">Beitrag<\/a> argumentiert Jorrik Fulda, dass die Vereinten Nationen als System kollektiver Sicherheit dem antiken Modell der <em>Koine Eirene<\/em> (\u03ba\u03bf\u03b9\u03bd\u1f74 \u03b5\u1f30\u03c1\u03ae\u03bd\u03b7) oder <em>Amphiktyonie<\/em> nachgebildet sind, einem B\u00fcndnis griechischer Stadtstaaten, das der Pflege eines gemeinsamen Kultes und der Verteidigung verpflichtet war. Beide seien partikular \u2013 und \u201eauf die realpolitische Unterst\u00fctzung durch einen ambivalenten Hegemon angewiesen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fulda geht auf Parallelen und Unterschiede ein, vergleicht das antike griechische System der Friedenssicherung mit dem UN-System und konstatiert starke \u00c4hnlichkeiten: der Sicherheitsrat agiert aus seiner Sicht wie das <em>Synedrion<\/em> der Griechen, Abkommen werden ohne zeitliche Befristung geschlossen (und gewinnen f\u00fcr Fulda so \u201eeinen gewissen konstitutionellen Status\u201c), der Eid des Korinthischen Bundes findet seine Entsprechung in der Charta der Vereinten Nationen. Deutlich unterschiedlich ist indes der Geltungsbereich beider Systeme: als regionales System standen die antiken B\u00fcnde nur Griechen offen, w\u00e4hrend das UN-System auf Universalit\u00e4t angelegt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlichkeiten mag es geben \u2013 doch begeht Jorrik Fulda hier nicht einen unverzeihlichen Anachronismus? Ist alles nicht viel komplizierter? M\u00fcsste man die griechischen B\u00fcnde nicht viel detaillierter im Kontext ihrer Zeit analysieren? Handelt es sich bei den Zusammenschl\u00fcssen, die hier beschrieben werden (etwa dem Korinthischen Bund), \u00fcberhaupt um <em>Amphyktionien<\/em> \u2013 und nicht um <em>Symmachien<\/em>? Diese Fragen m\u00fcsste ein kompetenter Althistoriker beantworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Urspr\u00fcnge des Gegenw\u00e4rtigen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber darum geht es dem Autor gar nicht. Der Politikwissenschaftler Fulda will nicht etwa Ereignisse einer fernen Vergangenheit besser verstehen \u2013 ihm geht es darum, die Urspr\u00fcnge gegenw\u00e4rtiger Ideen, Institutionen und Praktiken freizulegen, ihre Genealogien nachzuzeichnen und den Prozess ihrer Aneignung zu beschreiben. In seiner <a href=\"http:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658133252\">Hamburger Dissertation<\/a>, die im Umfeld einer interdisziplin\u00e4ren Forschungsgruppe zum \u201eGlobal Constitutionalism\u201c von Antje Wiener betreut wurde, entfaltet Fulda seine Theorie einer \u201eGlobalen Koine Eirene\u201c, die davon ausgeht, dass es sich bei den Vereinten Nationen um eine \u201eKopie\u201c antiker Vorbilder handelt: \u201eDie Ausdehnung des lokalen Prinzips der Koine Eirene des antiken Griechenlands auf die globale Ebene der Neuzeit, in der sich dieselbe Konstellation von Akteuren widerspiegelt: Die UN-Charta ist das Pendant der antiken Friedensvertr\u00e4ge, die sich auch heute an alle beigetreten Staaten unter Wahrung ihrer v\u00f6lkerrechtlichen Autonomie richtet und auf unbestimmte Zeit angelegt wurde. Die USA sind die moderne Hegemonialmacht (das moderne Makedonien), welche dem Friedensvertrag realpolitische Stabilit\u00e4t verleiht \u2013 diesem aber auch gef\u00e4hrlich werden kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>V\u00f6lkerrechtliche Konstitutionalisierung und hegemoniale Macht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Beitrag zur Theorie der Internationalen Beziehungen (IB) reagiert Jorrik Fuldas Arbeit auf Michael Z\u00fcrns <a href=\"http:\/\/www.ssoar.info\/ssoar\/handle\/document\/10998\">Aufruf von 2007<\/a>, eine integrative Theorie von Normen und Macht zu entwerfen, welche die paradoxe Gleichzeitigkeit von egalit\u00e4rer Konstitutionalisierung und unipolarer US-Hegemonie erkl\u00e4ren kann \u2013 ein Thema, das sp\u00e4testens seit dem Irakkrieg 2003 weit oben auf der Agenda von Politikwissenschaftlern und V\u00f6lkerrechtlern steht. Noch immer lesenswert sind dazu die Beitr\u00e4ge eines von Georg Nolte und Michael Byers herausgegebenen <a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/gb\/academic\/subjects\/law\/public-international-law\/united-states-hegemony-and-foundations-international-law?format=HB&amp;isbn=9780521819497\">Bandes<\/a>, der die Ertr\u00e4ge eines bereits vor 9\/11 begonnenen Projektes versammelt. Nico Krisch hat sich 2005 in dem ebenfalls daraus hervorgegangenen vielbeachteten Aufsatz <a href=\"http:\/\/ejil.oxfordjournals.org\/content\/16\/3\/369.abstract\">\u201eInternational Law in Times of Hegemony: Unequal Power and the Shaping of the International Legal Order\u201c<\/a> mit dem Verh\u00e4ltnis von Hegemonie und V\u00f6lkerrecht befasst und die vielf\u00e4ltigen Formen untersucht, in denen dominante Staaten mit dem V\u00f6lkerrecht interagieren, illustriert durch Beispiele aus der Geschichte der vergangenen 500 Jahre. Wilhelm Grewe argumentiert in seinen 1984 ver\u00f6ffentlichten, bereits 1944 als Habilitationsschrift fertiggestellten \u201eEpochen der V\u00f6lkerrechtsgeschichte\u201c, dass die Grundlagen der V\u00f6lkerrechtsordnung von aufeinanderfolgenden Hegemonialm\u00e4chten gepr\u00e4gt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Fulda sich auf die Vereinigten Staaten fokussiert, diskutieren Krisch und Grewe im historischen L\u00e4ngsschnitt verschiedene Hegemonialm\u00e4chte. Ver\u00e4nderungen waren m\u00f6glich \u2013 und sind es. Der n\u00e4chste \u201eambivalente Hegemon\u201c k\u00f6nnte China sein, k\u00f6nnte Russland sein. Vielleicht gehen wir auch einer weltpolitischen Konstellation entgegen, in der mehrere Hegemonialm\u00e4chte nebeneinander Raum haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jorrik Fuldas \u201ehistorische Schule\u201c (so seine eigene Charakterisierung) des <em>Global Constitutionalism<\/em> hat in der V\u00f6lkerrechtslehre durchaus Parallelen, bei allen Unterschieden &#8211; derweil in seiner eigenen Disziplin, den Internationalen Beziehungen, in der Debatte um Hegemonie und Konstitutionalisierung die historische Perspektive schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt sein mag. Die Zwei-Zyklen-Theorie, in die der Autor seine These von der \u00dcbernahme des antiken Vorbilds der <em>Koine Eirene<\/em> einbettet und an f\u00fcnf Fallbeispielen durchexerziert, wirft jedoch methodische Fragen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Methodenfragen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar spricht Fulda davon, dass die Charta der Vereinten Nationen ein \u201eadaptiertes und modifiziertes Sicherheitssystem nach dem antiken Modell\u201c sei, doch gebraucht er in seinem Buch immer wieder den Begriff der Kopie. Und tats\u00e4chlich behandelt er das Konzept der <em>Koine Eirene<\/em> so, als habe es eine statische, koh\u00e4rente Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber meinten Kant und Rousseau, wenn sie von der <em>Amphiktyonie<\/em> schrieben? Ganz so forsch wie bei Fulda ist das nicht zu beantworten. Ein Beispiel: In ihrem <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/zum_ewigen_frieden-immanuel_kant_27014.html\">Kommentar zur Kantischen Friedensschrift<\/a> zeigen Peter Niesen und Oliver Eberl, dass die Beziehung zwischen V\u00f6lker- \/ Friedensbund und <em>Amphiktyonie<\/em> bei Kant weitaus ambivalenter ist als uns Jorrik Fulda glauben macht. Und hatte Wilson wirklich die griechischen St\u00e4dteb\u00fcnde im Sinn, als er bei der Gr\u00fcndung des V\u00f6lkerbundes vom \u201ecommon peace\u201c sprach? Denken Habermas und Koskenniemi an die Griechen, wenn sie \u00fcber Kant als Vordenker der Konstitutionalisierung des V\u00f6lkerrechts schreiben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim z\u00fcgigen Gang durch die Jahrhunderte entgeht Jorrik Fulda immer wieder die komplexe Dynamik der Genealogien, die er rekonstruiert. Auch der gezielt zum Verst\u00e4ndnis der Gegenwart eingesetzte Anachronismus braucht jedoch Kontextualisierung (die nicht notwendig eine zeitliche sein muss) &#8211; um \u201edie Bewegung von Konzepten in Zeit und Raum dingfest zu machen und zu verstehen\u201c (Anne Orford, in einem <a href=\"http:\/\/www.z-i-g.de\/rueckschau.cfm?heft=45\">Gespr\u00e4ch<\/a> \u00fcber Geschichte, internationales Recht und V\u00f6lkerrechtsgeschichten; im Originalton <a href=\"http:\/\/www.mpil.de\/files\/pdf4\/JHIL_017_01_1-14_Kemmerer.pdf\">hier<\/a> nachzulesen). Mit den Nutzen, Nachteil und den Methodenfragen historischer Perspektiven im V\u00f6lkerrecht und in der Politikwissenschaft, die an Fuldas anregende Studie zu richten sind, haben sich unl\u00e4ngst im V\u00f6lkerrechtsblog die Autorinnen und Autoren des Symposiums \u201e<a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/volkerrechtsgeschichten\/\">V\u00f6lkerrechtsgeschichten<\/a>\u201c besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Partikularer Universalismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiges Thema war dabei auch die Frage des Umgangs mit dem Eurozentrismus, mit der Partikularit\u00e4t einer V\u00f6lkerrechtsordnung, die sich selbst als universal ausgibt. Jorrik Fulda will durch die \u201eOffenlegung des westlichen Partikularismus\u201c die Legitimit\u00e4t der Vereinten Nationen st\u00e4rken. Seine eigenwillige Rekonstruktion der Vorpr\u00e4gung der UNO durch die antike <em>Koine Eirene<\/em> entlarvt das Universale als partikular, ganz im Sinne der von Dipesh Chakrabarty <u>propagierten<\/u> \u201eProvinzialisierung Europas\u201c. Der historische Zugang, der auch die individuelle Verortung des Autors fordert, f\u00f6rdert eine reflexive Disziplinarit\u00e4t, die auf Abstand geht von etablierten Erkl\u00e4rungsmustern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei aller Kritik im Detail: mit seiner gewagten Studie er\u00f6ffnet Jorrik Fulda einen ganz unkonventionellen Zugriff auf die Vereinten Nationen und die mit ihnen verbundene V\u00f6lkerrechtsordnung. Sein Mut zu manchmal sehr grobmaschigen Verflechtungsgeschichten erlaubt einen weitgespannten Blick auf zeitliche, geographische und normative Konstellationen, der hoffentlich weitere Forschende aus der Politikwissenschaft, dem V\u00f6lkerrecht und der Geschichte zu genauerem Hinsehen anregt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und seine Ausgangsfrage, die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Hegemonie und V\u00f6lkerrecht, bleibt in Zeiten grundlegender Machtverschiebungen in der internationalen Politik, neuer dominanter M\u00e4chte und eines sich abzeichnenden amerikanischen Isolationismus hochaktuell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.mpil.de\/de\/pub\/institut\/personen\/wissenschaftlicher-bereich\/akemmere.cfm\"><em>Alexandra Kemmerer<\/em><\/a><em> ist wissenschaftliche Referentin und Koordinatorin am Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht in Heidelberg und leitet das Berliner B\u00fcro des Instituts.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Cite as: Alexandra Kemmerer, <em>Die UNO als Kopie antiker Vorbilder? Vom Nutzen und Nachteil eines Anachronismus<\/em>,\u00a0V\u00f6lkerrechtsblog, 18 January 2017, doi:\u00a010.17176\/20170118-091051.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar zum Beitrag von Jorrik Fulda In seinem aufschlussreichen Beitrag argumentiert Jorrik Fulda, dass die Vereinten Nationen als System kollektiver Sicherheit dem antiken Modell der Koine Eirene (\u03ba\u03bf\u03b9\u03bd\u1f74 \u03b5\u1f30\u03c1\u03ae\u03bd\u03b7) oder Amphiktyonie nachgebildet sind, einem B\u00fcndnis griechischer Stadtstaaten, das der Pflege eines gemeinsamen Kultes und der Verteidigung verpflichtet war. 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