{"id":3957,"date":"2017-01-16T00:00:00","date_gmt":"2017-01-16T09:18:19","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/globale-koine-eirene\/"},"modified":"2020-12-09T13:27:26","modified_gmt":"2020-12-09T12:27:26","slug":"globale-koine-eirene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/globale-koine-eirene\/","title":{"rendered":"Globale Koine Eirene?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die UN und das Prinzip der kollektiven Sicherheit sind aus der heutigen Weltpolitik nicht mehr wegzudenken. Doch was kaum jemand wei\u00df: \u00e4hnliche multilaterale Friedensvertr\u00e4ge gab es schon in der griechischen Antike. Dort wurden sie <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Koine-Eirene-Untersuchungen-Stabilisierungsbem%C3%BChungen-Einzelschriften\/dp\/3515061991\"><em>Koine Eirene<\/em><\/a> (griech.: Allgemeiner Frieden) oder <em>Amphiktyonie<\/em> genannt. Ist unser heutiges globales Friedenssystem nur eine Kopie der Antike? Welche Probleme ergeben sich daraus f\u00fcr die Universalit\u00e4t der Globalordnung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 2015 feierten wir 70 Jahre Vereinte Nationen. Dessen zentrales Organ, der Sicherheitsrat (SR), entscheidet nun seit 1945 \u00fcber die Bedrohungslagen des Weltfriedens. Dies ist seine Kernaufgabe. Was im V\u00f6lkerbund noch scheiterte, wurde mit der UN nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals Realit\u00e4t. Durch die Etablierung des SR \u2013 und der M\u00f6glichkeit verbindlicher Entscheidungen nach Kapitel VII der UN-Charta &#8211; wurde erstmals eine globale Institution mit \u201eZ\u00e4hnen\u201c geschaffen, die in der Lage war (oder es zumindest versuchte), ein globales Gewaltverbot durchzusetzen. Erstmals seit der griechischen Antike war erneut ein System der kollektiven Sicherheit errichtet worden: eine Globale Koine Eirene?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon Immanuel Kant \u2013 der mit seiner Schrift \u201eZum Ewigen Frieden\u201c als theoretischer Begr\u00fcnder des V\u00f6lkerbundes bzw. der UNO gelten kann \u2013 hatte in seinem Essay <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/-3506\/1\">\u201e<em>Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltb\u00fcrgerlicher Absicht<\/em>\u201c<\/a> von 1784 seine Vision eines V\u00f6lkerbundes als <em>foedus amphiktyonum<\/em> betitelt. Und auch Jean J. Rousseau zeigte in seinem Aufsatz \u201e<em>Principes du droit de la guerre. \u00c8crits sur la paix perp\u00e9tuelle<\/em>\u201c von 1756, dass ihm die Amphiktyonie als Vorbild f\u00fcr ein System der kollektiven Sicherheit bekannt war. Vor allem in der, nach dem Wiener Kongress 1815 aufkommenden, pan-europ\u00e4ischen Friedensbewegung war man sich dieses antiken Ursprunges bewusst. Deren prominentes Mitglied, US-Pr\u00e4sident Woodrow Wilson, forderte bei der Gr\u00fcndung des V\u00f6lkerbundes 1919 die Errichtung eines \u201ecommon peace\u201c, die englische \u00dcbersetzung der Koine Eirene. Doch was ist unter dem antiken Vorbild genau zu verstehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die griechische Antike als Vorbild<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das antike, griechische Friedenssystem war dem der Vereinten Nationen sehr \u00e4hnlich. Nach dem verheerenden Peloponnesischen Krieg 404 v. Chr. waren die antiken Griechen des K\u00e4mpfens \u00fcberdr\u00fcssig. Es bildete sich eine panhellenische Friedensbewegung und der Redner Isokrates entwarf erste Skizzen f\u00fcr ein dauerhaftes Friedensmodell. Diese wurde dann \u2013 gest\u00fctzt durch die makedonische Hegemonie unter Phillip \u2013 338 v. Chr. erstmalig realpolitisch umgesetzt. Es wurde ein zentrales Organ zur Wahrung des panhellenischen Friedens geschaffen: das <em>Synedrion<\/em>. Dieses entschied verbindlich \u00fcber eine Bedrohung der kollektiven Sicherheit und beauftragte den makedonischen Hegemon mit der Sanktionierung, der wiederum Truppenkontingente bei den Mitgliedern einwarb. Im Eid des Korinthischen Bundes von 337 v. Chr. verpflichteten sich die Mitglieder, im Falle eines Angriffes auf einen beteiligten Stadtstaat, im Sinne der kollektiven Sicherheit zu seiner Hilfe zu intervenieren. Der Grundgedanke ist hier derselbe, der auch der Demokratie zu Grunde liegt: das Kollektiv\/ die Gemeinschaft steht \u00fcber dem einzelnen Aggressor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Parallelen und Unterschiede<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Vorgehen weist starke Parallelen zur Arbeitsweise und Errichtung des UN-Sicherheitsrates auf. Dieses Organ wurde letztlich durch eine pan-europ\u00e4ische Friedensbewegung nach zwei verheerenden Weltkriegen errichtet, um ebenfalls einen dauerhaften Frieden zu begr\u00fcnden. Heute entscheidet nicht das <em>Synedrion<\/em>, sondern der UN-Sicherheitsrat \u00fcber eine Bedrohung des Weltfriedens und kann nach Kapitel VII der UN-Charta verbindlich \u00fcber eine milit\u00e4rische Intervention entscheiden, die auch Bereiche der inneren Zust\u00e4ndigkeit des Staates betreffen darf. Seit dem Ende des Kalten Krieges \u2013 und der damit verbundenen Veto-Blockade durch die damalige Sowjetunion \u2013 ist der Sicherheitsrat in dieser Hinsicht sehr aktiv geworden (siehe Humanit\u00e4re Interventionen, R2P). Der Eid des Korinthischen Bundes findet sich heute in Artikel 1 (1), 2 (4) und 2 (5) der UN-Charta. Betrafen die antiken B\u00fcndnisf\u00e4lle immer einen zwischenstaatlichen Krieg, so wird der SR heute (aber erst nach 1990) auch bei innerstaatlichen Menschenrechtsverletzungen einer Regierung an ihren B\u00fcrgern, wie z.B. in Libyen 2011, aktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Koine-Eirene-Vertr\u00e4ge waren ebenfalls, wie die UN-Charta, ohne einen so genannten \u201esunset clause\u201c ausgestattet und galten daher f\u00fcr die Ewigkeit. Dies gab den alten wie den neuen Vertr\u00e4gen einen gewissen konstitutionellen Status. Dies wird z.B. von Professor Bardo Fassbender heute in Bezug auf die <a href=\"http:\/\/www.brill.com\/united-nations-charter-constitution-international-community\">UN-Charta als m\u00f6gliche Globalverfassung<\/a> diskutiert. Allerdings galten die antiken Vertr\u00e4ge nur f\u00fcr ethnische Griechen und waren somit regional und partikular, auch wenn sp\u00e4ter der r\u00f6mische Geschichtsschreiber Diodorus Alexander dem Gro\u00dfen mit seinen Eroberungsz\u00fcgen nach Kleinasien die Errichtung einer multiethnischen Kosmopolis zudichtete. Die Vereinten Nationen, im Gegensatz dazu, gelten heute als nahezu universell, da fast alle Nationalstaaten beigetreten sind. Einzige Ausnahmen sind der Vatikanstaat, Taiwan, die Cook-Inseln und Westsahara. Heute sind also fast alle Ethnien der Weltbev\u00f6lkerung in den Vereinten Nationen vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine partikulare Ordnung des Westens?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese umfassende Inklusivit\u00e4t kann allerdings auch nicht \u00fcber schwerwiegende Probleme der Organisation hinweg t\u00e4uschen. Denn im Gegensatz zu den westlichen Staaten, die die UN als Teil ihrer eigenen Geschichte betrachten k\u00f6nnen, ist f\u00fcr all jene Nationen anderer Kulturkreise diese Weltfriedensordnung &#8211; trotz 70 j\u00e4hrigen Bestehens &#8211; relativ fremd geblieben. Nach dem V\u00f6lkerrechtsprofessor Bardo Fassbender hat der Westen es verpasst, <a href=\"http:\/\/www.nomos-elibrary.de\/10.5771\/9783845251936-27\/das-voelkerrecht-als-ordnung-des-westens?page=1\">seine Ordnungsvision dem Rest der Welt besser vorzustellen<\/a>. Und auch Henry Kissinger macht sich in seinem neuesten Buch <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Weltordnung\/Henry-A.-Kissinger\/e461533.rhd\">\u201eWeltordnung\u201c<\/a> von 2015 Gedanken, wie man unsere westliche Vision mit Wertvorstellungen anderer Kulturen besser in Einklang bringen kann. Letztlich handelt es sich beim Europ\u00e4ischen Universalismus um einen partikularen Universalismus, dem auch Ethnozentrismus vorgeworfen werden kann. Und insofern unterscheidet sich die \u201eGlobale Koine Eirene\u201c dann doch nicht so gro\u00df von der antiken Ordnung: beide sind letztlich partikular. Immanuel Wallerstein ging sogar soweit, den Europ\u00e4ischen Universalismus als <a href=\"https:\/\/www.wagenbach.de\/buecher\/titel\/373-die-barbarei-der-anderen.html\">den gr\u00f6\u00dften Partikularismus zu beschreiben, den es je gegeben habe<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig ist: die Einteilung der Geschichte in Antike-Mittelalter-Moderne fu\u00dft auf einem rein europ\u00e4ischen Geschichtsverst\u00e4ndnis, welches so niemals f\u00fcr die ganze Menschheit Geltung erlangen kann. Die Legitimit\u00e4t der Vereinten Nationen m\u00fcsste also durch eine verst\u00e4rkte Offenlegung des westlichen Partikularismus verbessert werden. Ein neuer Ansatz in der Geschichtswissenschaft widmet sich diesem Problem bereits, der auch in den Disziplinen <a href=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/the-oxford-handbook-of-the-history-of-international-law-9780199599752?cc=de&amp;lang=en&amp;\">V\u00f6lkerrecht<\/a> und Internationale Beziehungen begeistert adaptiert wird: die <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Conrad-Globalgeschichte\/productview.aspx?product=11431201\">Globalgeschichte<\/a>. Diese widmet sich unter anderem der Aufgabe Konvergenzen und Unterschiede zwischen den Geschichtsverst\u00e4ndnissen unterschiedlicher Kulturen aufzudecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der Unterschiede zwischen antiker und moderner Ordnung, gibt es starke Parallelen. Beide \u2013 auch die moderne Ordnung \u2013 waren bzw. sind letztlich partikular. Beide sind auf die realpolitische Unterst\u00fctzung durch einen ambivalenten Hegemon angewiesen. Man kann letztlich mit Recht behaupten, dass die UN-Charta die Grundlage f\u00fcr die erste funktionierende \u2013 und globale \u2013 Koine Eirene ist. Und damit ein adaptiertes und modifiziertes Sicherheitssystem nach dem antiken Modell. F\u00fcr die Frage der Legitimit\u00e4t der Institution gegen\u00fcber der gesamten Weltbev\u00f6lkerung, w\u00e4re es ratsam diese Information in Zukunft geb\u00fchrend zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine Replik\u00a0auf den Beitrag findet sich <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/die-uno-als-kopie-antiker-vorbilder\/\">hier<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/uni-hamburg.academia.edu\/JorrikFulda\"><em>Jorrik Fulda<\/em><\/a><em> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Internationale Angelegenheiten der Universit\u00e4t Hamburg. In seiner 2016 erschienen <\/em><a href=\"http:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658133252\"><em>Dissertation<\/em><\/a><em> untersucht er unter anderem die Urspr\u00fcnge unserer westlich gepr\u00e4gten Weltfriedensordnung.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Cite as: Jorrik Fulda, <em>Globale Koine Eirene?\u00a0Der antike Ursprung der Vereinten Nationen<\/em>, V\u00f6lkerrechtsblog, 13 January 2017, doi: 10.17176\/20170116-102003.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die UN und das Prinzip der kollektiven Sicherheit sind aus der heutigen Weltpolitik nicht mehr wegzudenken. Doch was kaum jemand wei\u00df: \u00e4hnliche multilaterale Friedensvertr\u00e4ge gab es schon in der griechischen Antike. Dort wurden sie Koine Eirene (griech.: Allgemeiner Frieden) oder Amphiktyonie genannt. Ist unser heutiges globales Friedenssystem nur eine Kopie der Antike? 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