{"id":3919,"date":"2018-09-14T00:00:00","date_gmt":"2018-09-14T07:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/dekoloniale-perspektiven-zu-berlins-humboldt-forum\/"},"modified":"2020-12-09T13:08:36","modified_gmt":"2020-12-09T12:08:36","slug":"dekoloniale-perspektiven-zu-berlins-humboldt-forum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/dekoloniale-perspektiven-zu-berlins-humboldt-forum\/","title":{"rendered":"Dekoloniale Perspektiven zu Berlins Humboldt Forum"},"content":{"rendered":"<p>J\u00e4hrlich demonstrieren Afrikaner*innen aus ehemaligen (deutschen) Kolonien sowie People of Colour (PoC) und Schwarze diasporische bzw. migrantische Communities f\u00fcr die Anerkennung kolonialen Unrechts und die R\u00fcckgabe von Gebeinen und Kultursubjekten,<a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/wp-admin\/post-new.php#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> die im Zuge des Kolonialismus nach Deutschland gebracht wurden. Die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit f\u00fcr koloniales Unrecht und die R\u00fcckgabe von Gebeinen und Kultursubjekten war bisher begrenzt, bekommt nun aber durch ein ca. 600 Millionen Euro schweres Projekt neuen Auftrieb: Derzeit wird in Berlin Mitte das brandenburgisch-preu\u00dfische Schloss rekonstruiert. 2019 soll in diesem Schloss das Humboldt Forum einziehen. Ein Teil dieses Forums bildet die <em>Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz<\/em> (SPK) mit ihren aus etwa 500.000 Kultursubjekten bestehenden ethnologischen Sammlungen. Diese Sammlungen stehen im Fokus der langj\u00e4hrigen Proteste, da sie zu gro\u00dfen Teilen durch koloniale Gewalt nach Berlin kamen und vielf\u00e4ltige R\u00fcckgabeforderungen aus den Home Communities bestehen. Als Reaktion gr\u00fcndete sich die Kampagne <a href=\"http:\/\/www.no-humboldt21.de\/resolution\/\"><em>No Humboldt 21!<\/em>,<\/a> welche von \u00fcber 70 diasporischen und internationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen getragen wird. Der Kampagne zufolge verletzt das Forum \u201e[\u2026] die W\u00fcrde und die Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt [\u2026] [und] steht dem Anspruch eines gleichberechtigten Zusammenlebens in der Migrationsgesellschaft entgegen.\u201c Des Weiteren wird der Wiederaufbau des Schlosses und der Einzug der Sammlungen in selbiges als eurozentrisch und als Rehabilitierung des deutschen Kolonialismus gewertet. Denn die Brandenburg-preu\u00dfischen Herrscher*innen waren verantwortlich f\u00fcr die deutsche Kolonialherrschaft und beteiligt am internationalen Versklavungshandel.<\/p>\n<p>Obwohl Positionen von Home Communities, PoC und Schwarzen Dekolonisierungsaktivist*innen koloniale Kontinuit\u00e4ten des Forums kenntlich gemacht und die ethnologischen Sammlungen in den Fokus der \u00f6ffentlichen Debatten ger\u00fcckt haben, werden sie durch die SPK und Politik ungen\u00fcgend ber\u00fccksichtigt. Gerade diese Perspektiven legen koloniale Wissens- und Rechtspraktiken im Kontext des Forums offen und zeigen zentrale Aspekte f\u00fcr den internationalen und rechtlichen Umgang mit Kultursubjekten im kolonialen Zusammenhang auf. Aus diesem Grund sind sie Gegenstand dieses Beitrags, der auf Interviews basiert, die ich Rahmen meiner Masterarbeit 2016\/2017 mit Tahir Della, Noa Ha, Moctar Kamara und Mnyaka Sururu Mboro gef\u00fchrt habe. Sie sind beteiligt an der Kampagne <a href=\"http:\/\/www.no-humboldt21.de\/\"><em>No Humboldt 21!<\/em><\/a>. Anhand dieser Perspektiven wird die Position des Forums kritisiert.<\/p>\n<p><strong>Teilhabe von Home Communities, PoC und Schwarzen Akteur*innen<\/strong><\/p>\n<p>Als Ergebnis der Auswertung der Positionen der Dekolonisierungsaktivist*innen Della, Ha, Kamara und Mboro <a href=\"http:\/\/icm.ash-berlin.eu\/titles-of-past-master-theses\/\">(Qualmann, Felicitas 2017. Dekoloniale Perspektiven zu Berlins Humboldt-Forum Masterarbeit. Alice-Salomon-Hochschule)<\/a> geht die sichtbare Aufarbeitung der kolonialgeschichtlichen Hintergr\u00fcnde ethnologischer Institutionen und Sammlungen als ein zentrales Anliegen hervor, da durch diese kolonial-rassistische Diskurse und Strukturen reproduziert und eine verschleiernde Erinnerungspolitik gepr\u00e4gt werden. Eine Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte im Kontext des Humboldt Forums kann nach den Aktivist*innen nur auf umfassenden strukturellen Ver\u00e4nderungen basieren, welche neben <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Provenienzforschung\">Provenienzforschung<\/a> und Restitution von Kultursubjekten auf der rahmengebenden Teilhabe von Home Communities, PoC und Schwarzen Akteur*innen fu\u00dft. Dabei sind den Ausf\u00fchrungen der Aktivist*innen zu Folge g\u00e4ngige staatliche und museale Praktiken zur Bewertung der Entstehungs- und Erwerbungskontexte der ethnologischen Sammlungen sowie der bisherige Umgang mit R\u00fcckgabeforderungen in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Beispielsweise versucht die <a href=\"https:\/\/www.preussischer-kulturbesitz.de\/fileadmin\/user_upload\/documents\/mediathek\/schwerpunkte\/vermittlung\/rp\/grundhaltung_spk_aussereuropaeische-slg_dt_final.pdf.\">SPK<\/a> nur offizielle staatliche R\u00fcckgabeforderungen als geltend anzuerkennen und Forderungen von Home Communities au\u00dfer Acht zu lassen. Kamara (zitiert nach <a href=\"http:\/\/icm.ash-berlin.eu\/titles-of-past-master-theses\/\">Qualmann<\/a> ) weist darauf hin, dass die sogenannten Benin-Bronzen durch kolonialen Raub in den Besitz der SPK gekommen waren, da diese nach der Pl\u00fcnderung des K\u00f6nigspalastes von Benin durch die britische Kolonialmacht im Jahr 1897 durch das <em>K\u00f6nigliche Museum f\u00fcr V\u00f6lkerkunde <\/em>in Berlin k\u00e4uflich erworben wurden. Nichtsdestotrotz wird, wie <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/shared-heritage-geteiltes-erbe-ist-doppeltes-erbe-14481517.html\">in Erl\u00e4uterungen des Pr\u00e4sidenten der SPK Hermann Parzinger<\/a> ersichtlich, die Frage der Restitution ausgeklammert, auch wenn auf den kolonialen und gewaltvollen Erwerbungskontext hingewiesen wird: \u201eSo wie jede Geschichte ihre zwei Seiten hat, wird der Besucher bei der Pr\u00e4sentation der bronzenen Reliefplatten aus Benin [\u2026] k\u00fcnftig auf der Vorderseite die kunstvollen Darstellungen dieser St\u00fccke bewundern k\u00f6nnen, w\u00e4hrend ihn die R\u00fcckseiten mit der Erwerbungsgeschichte konfrontieren: Interviews, Filme und Fotos thematisieren dort Ursache und Folgen der Kolonialisierung mit den Stimmen der Opfer [\u2026].\u201c<\/p>\n<p>Diese Haltung kann auf zwei von der SPK hervorgebrachten Argumentationsmustern beruhen: Zum einen kann der Entschluss, die Bronzen nicht zu restituieren, damit begr\u00fcndet werden, dass diese Kultursubjekte k\u00e4uflich und damit legal erworben wurden. Zum anderen kann die SPK versuchen, die Forderung nach R\u00fcckgabe durch Vertreter*innen des K\u00f6nigshauses von Benin als nicht offizielle staatliche R\u00fcckgabeforderung aus Nigeria zu werten. Um mit den Worten der Grundposition der <a href=\"https:\/\/www.preussischer-kulturbesitz.de\/fileadmin\/user_upload\/documents\/mediathek\/schwerpunkte\/vermittlung\/rp\/grundhaltung_spk_aussereuropaeische-slg_dt_final.pdf\">SPK<\/a> zu sprechen, k\u00f6nnen die Vertreter*innen des K\u00f6nighauses als nicht \u201ebefugte Vertretung\u201c dargestellt werden. Insgesamt verweisen beide Argumentationsmuster auf die Priorisierung des Erhalts der eigenen Institution und weniger auf eine Ausstellungspolitik, die die Auseinandersetzung und Wiedergutmachung f\u00fcr die Verbrechen der Kolonialzeit zum Ziel hat. Doch wie von Ha (zitiert nach nach <a href=\"http:\/\/icm.ash-berlin.eu\/titles-of-past-master-theses\/\">Qualmann<\/a><u>)<\/u> aufgezeigt, sollte die SPK auf jede Form von (peripheren) R\u00fcckgabeforderungen reagieren, um die eigene Institution in einen Dekolonisierungsprozess zu leiten.<\/p>\n<p><strong>Das Konzept <\/strong><em><strong>Shared Heritage<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ein weiterer problematischer Aspekt ist das durch das Forum gepr\u00e4gte Konzept des <em>Shared Heritage. <\/em>F\u00fcr Kamara (zitiert nach <a href=\"http:\/\/icm.ash-berlin.eu\/titles-of-past-master-theses\/\">Qualmann<\/a>) stellt der Versuch, die Kultursubjekte als gemeinsames Erbe bzw. als <em>Shared Heritage <\/em>der Menschheit darzustellen, eine erneute Form der Enteignung der Home Communities dar. Nach Kamara und Mboro wird durch dieses Konzept versucht, der Besitz bzw. die unrechtm\u00e4\u00dfige Aneignung der Kultursubjekte erneut zu rechtfertigen. Dem Konzept von <em>Shared Heritage<\/em> folgend, bezeichnet es die <a href=\"https:\/\/www.preussischer-kulturbesitz.de\/fileadmin\/user_upload\/documents\/mediathek\/schwerpunkte\/vermittlung\/rp\/grundhaltung_spk_aussereuropaeische-slg_dt_final.pdf.\">SPK<\/a> als ihre Aufgabe, der \u201e[\u2026] allgemeinen \u00d6ffentlichkeit dienend [\u2026]\u201c Kultursubjekte zu wahren und zug\u00e4nglich zu machen. Nach Della und Kamara (zitiert nach <a href=\"http:\/\/icm.ash-berlin.eu\/titles-of-past-master-theses\/\">Qualmann<\/a>) ist dem entgegenzusetzten, dass diese \u201eallgemeine \u00d6ffentlichkeit\u201c die Home Communities ausschlie\u00dft und ihnen Kultursubjekte, die sie als kulturelles Erbe identifizieren, vorenth\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Anerkennung und Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe<\/strong><\/p>\n<p>Mit Blick auf deutsche und internationale Rechtsgrundlagen bleibt zu erw\u00e4hnen, dass sie keinen ausreichenden rechtlichen Rahmen f\u00fcr die Gestaltung von R\u00fcckgabeprozessen im Kontext der Kolonialgeschichte bieten. Auch dies ist eine koloniale Kontinuit\u00e4t, die zum Teil auf den kolonialen Ursprung des deutschen und internationalen Rechts r\u00fcckf\u00fchrbar ist. Hier ist es Aufgabe der Politik und der Justiz unter Einbezug von diasporischen und Home Communities, rechtliche Grundlagen zu schaffen bzw. zeitliche Geltungsbereiche geltender Konventionen auszuweiten. Hier sind beispielsweise die Haager Landkriegsordnung von 1907 und die \u201eUNESCO-Konvention gegen illegalen Kulturg\u00fctertransfer\u201c, die von Deutschland erst 2007 unterzeichnet wurde und nicht r\u00fcckwirkend binden ist, zu nennen. Die Ausweitung des Arbeitsgebietes des <em>Deutschen Zentrums f\u00fcr Kulturverluste<\/em> auf Kulturgut aus dem kolonialen Kontext ist dabei ein wichtiger erster Schritt, da die Aufarbeitung der eigenen kolonialen Vergangenheit nicht Institutionen wie der SPK oder dem Humboldt Forum selbst \u00fcberlassen werden kann. Wie die angef\u00fchrten Beispiele verdeutlichen, werden schmerzhafte Aspekte der Kolonialgeschichte h\u00e4ufig ausgeblendet und der Erhalt der eigenen Institution und Sammlungen priorisiert. Meinen Interviewpartner*innen zufolge kann die Aufarbeitung ethnologischer Sammlungen und Museen nur als Teil eines durch die Politik angesto\u00dfenen Dekolonisierungsprozess konzipiert werden. Hierzu sollten Versklavung und Kolonialismus als <em>Verbrechen gegen die Menschlichkeit<\/em> anerkannt werden, an welchen sich auch Deutschland beteiligt und schuldig gemacht hat. Dieser Prozess sollte auf einem eigenst\u00e4ndigen Schuldeingest\u00e4ndnis und aktiven Wiedergutsmachungswillen fu\u00dfen und sich unter der konsequenten Beteiligung der betroffenen Communities mit der kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Felicitas Qualmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akkon-Hochschule f\u00fcr Humanwissenschaften in Berlin. Antimuslimischer Rassismus im Kontext von Terrorismus- und Sicherheitsdiskursen ist ihr aktueller Forschungsschwerpunkt. Sie ist aktiv bei Berlin Postkolonial und arbeitet hier u.a. zum Humboldt Forum. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine kurze Erl\u00e4uterung zu den Begrifflichkeiten: Um deutlich zu machen, dass die Kategorie <em>race<\/em> eine soziale Konstruktion bezeichnet und mit ihr bestimmte sozial-historische Positionen einhergehen, wird in diesem Beitrag \u201eSchwarz\u201c gro\u00df geschrieben. <a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-suburban.de\/sys\/index.php\/suburban\/article\/view\/106\">People of Color<\/a> (PoC) ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, deren Alltag durch Rassismus und Diskriminierungserfahrungen gepr\u00e4gt ist. Auch m\u00f6chte ich im folgenden Beitrag davon absehen, Kulturg\u00fcter in den ethnologischen Sammlungen als \u201eObjekte\u201c zu bezeichnen, da dieser Begriff h\u00e4ufig ihrer sozialen und rituellen Funktion nicht gerecht wird. In Anlehnung an <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VHJ6lDcQfVE&amp;t=453s\">Bonaventure Soh Bejeng Ndikung<\/a> m\u00f6chte ich sie als \u201eSubjekte\u201c bezeichnen, da sie \u00fcber Subjektivit\u00e4t und Agency verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Cite as: Felicitas Qualmann, &#8220;Dekoloniale Perspektiven zu Berlins Humboldt Forum. Positionen und Kritik von Dekolonisierungsaktivist*innen&#8221;,\u00a0<em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 14. September 2018, doi: <a id=\"url_site_link\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.17176\/20180917-113919-0\">10.17176\/20180917-113919-0<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00e4hrlich demonstrieren Afrikaner*innen aus ehemaligen (deutschen) Kolonien sowie People of Colour (PoC) und Schwarze diasporische bzw. migrantische Communities f\u00fcr die Anerkennung kolonialen Unrechts und die R\u00fcckgabe von Gebeinen und Kultursubjekten,[1] die im Zuge des Kolonialismus nach Deutschland gebracht wurden. 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