{"id":3391,"date":"2014-09-03T00:00:00","date_gmt":"2014-09-03T02:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/volkerrechtsgeschichten\/"},"modified":"2020-12-11T12:26:56","modified_gmt":"2020-12-11T11:26:56","slug":"volkerrechtsgeschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/volkerrechtsgeschichten\/","title":{"rendered":"V\u00f6lkerrechtsgeschichten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">V\u00f6lkerrechtsgeschichte gibt es nur im Plural. Von den \u201e<a href=\"http:\/\/www.temple.edu\/law\/ticlj\/fall2013\/Koskenniemi_HistoriesofInternationalLaw.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">histories of international law<\/a>\u201c schreibt Martti Koskenniemi, der den \u201e<a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=986648\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">historiographical turn<\/a>\u201c im V\u00f6lkerrecht mit seinem \u201e<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/politik\/rezension-sachbuch-unterm-vergroesserungsglas-174560.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gentle Civilizer<\/a>\u201c um die Jahrtausendwende selbst kr\u00e4ftig angesto\u00dfen hat.\u00a0Zuvor war es lange ziemlich still gewesen um die Geschichte des internationalen Rechts. Als \u201eAschenputtel der Disziplin\u201c hatte Georg Schwarzenberger die V\u00f6lkerrechtsgeschichte 1952 bezeichnet. Die Jahrzehnte des Kalten Krieges waren auch f\u00fcr Geschichte und Theorie des V\u00f6lkerrechts eine Eiszeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur in der Praxis, auch in der Wissenschaft dominierten die <a href=\"http:\/\/www.ingentaconnect.com\/content\/hart\/tlt\/2012\/00000003\/00000001\/art00004\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pragmatiker<\/a>. Wilhelm Grewes \u201eEpochen der V\u00f6lkerrechtsgeschichte\u201c, 1984 im deutschen Original ver\u00f6ffentlicht und 2000 auf Englisch publiziert, <a href=\"http:\/\/ejil.oxfordjournals.org\/content\/13\/2\/479.full.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">geh\u00f6rten im Grunde noch in die Welt vor San Francisco<\/a>. Grewes v\u00f6lkerrechtshistorischer Bestseller war eigentlich schon 1944 fertiggestellt und erhielt vom Autor nach dem Ende seiner langen Karriere im diplomatischen Dienst vierzig Jahre sp\u00e4ter nur noch ein kleines Update.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ging es im V\u00f6lkerrecht nie ohne ein gewisses Ma\u00df an geschichtlichem und geographischem Faktenwissen. Die weitgespannten historischen Exkurse, die Wahlfachkandidaten in den sehr sp\u00e4ten Neunzigern in den Vorlesungen des W\u00fcrzburger V\u00f6lkerrechtlers Dieter <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dieter_Blumenwitz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blumenwitz<\/a> (ein bekennender Sch\u00fcler des Schmitt-Sch\u00fclers Friedrich Berber) erleben konnten, d\u00fcrften f\u00fcr dieser Zeit allerdings eine Ausnahme gewesen sein. Erst die Ern\u00fcchterung \u00fcber die Unzul\u00e4nglichkeiten der \u201eNeuen Weltordnung\u201c, die nach 1989 vielerorts vollmundig annonciert worden war, brachte eine Wendung zur historischen Reflexion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Herausbildung neuer internationaler Institutionen, die rasante Proliferation internationaler und supranationaler Gerichte, neue Menschenrechtsregime und das Aufbl\u00fchen des internationalen Strafrechts wurden schnell von Srebrenica, 9\/11, dem transnationalen Terrorismus und der globalen Finanzkrise \u00fcberschattet. Nicht nur die \u201e<a href=\"http:\/\/legal.un.org\/ilc\/documentation\/english\/a_cn4_l682.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Fragmentierung<\/a>\u201c der V\u00f6lkerrechtsordnung erweist sich in Kollision und Wettbewerb normativer Systeme als Herausforderung \u2013 die Ordnungsmuster des V\u00f6lkerrechts selbst werfen Fragen auf. Um zu verstehen, wo das V\u00f6lkerrecht und seine Institutionen heute stehen und was damit anzufangen ist, sollten wir fragen, wie es geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ach, Europa &#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter diesen Vorzeichen hat die V\u00f6lkerrechtsgeschichte in den vergangenen zehn Jahren einen veritablen Boom erlebt. Das \u201e<a href=\"http:\/\/www.mpil.de\/en\/pub\/research\/details\/publications\/institute\/jhil.cfm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Journal of the History of International Law<\/a>\u201c, die zahlreichen Studien aus dem Frankfurter Max-Planck-Institut f\u00fcr Europ\u00e4ische Rechtsgeschichte, das unl\u00e4ngst erschienene \u201e<a href=\"http:\/\/ukcatalogue.oup.com\/product\/9780199599752.do\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Oxford Handbook of the History of International Law<\/a>\u201c sind nur eminente Beispiele aus der gewaltigen und stetig anwachsenden F\u00fclle der einschl\u00e4gigen Literatur. Autorinnen und Autoren nehmen immer \u00f6fter auch <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/im-paragraphendschungel-regiert-das-gesetz-des-dschungels-1259606.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">das verh\u00e4ngnisvolle Erbe der europ\u00e4ischen <em>mission civilisatrice<\/em><\/a> unter die Lupe. Wachsendes Interesse findet gegenw\u00e4rtig <a href=\"http:\/\/ejil.oxfordjournals.org\/content\/25\/1\/313.extract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">islamisches V\u00f6lkerrechtsdenken<\/a>. Einfach ausb\u00fcrsten lassen sich die Spuren des europ\u00e4ischen Imperialismus aus der Textur des V\u00f6lkerrechts <a href=\"http:\/\/ejil.oxfordjournals.org\/content\/25\/1\/287.extract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">aber nicht<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keineswegs ist ausgemacht, wie mit dem vielbeklagten Eurozentrismus des V\u00f6lkerrechts und seiner Geschichte <a href=\"http:\/\/www.temple.edu\/law\/ticlj\/fall2013\/Koskenniemi_HistoriesofInternationalLaw.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">angemessen umzugehen ist<\/a>. Denn europ\u00e4isch gepr\u00e4gt sind ja nicht nur Personen und Ereignisse, sondern auch Positionen und Begriffe \u2013 und die Ma\u00dfst\u00e4be der Historiographie selbst. Doch kann eine v\u00f6lkerrechtshistorische Untersuchung den europ\u00e4isch gepr\u00e4gten konzeptionellen Rahmen des V\u00f6lkerrechts au\u00dfer Acht lassen, ohne damit auch den Anspruch aufzugeben, eine Geschichte des V\u00f6lkerrechts (und nicht etwa einfach \u2013 wie es <a href=\"http:\/\/www.law.unimelb.edu.au\/melbourne-law-school\/community\/our-staff\/staff-profile\/username\/Rose%20Parfitt\">Rose Parfitt<\/a> <a href=\"http:\/\/www.ejil.org\/pdfs\/25\/1\/2490.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf den Punkt bringt<\/a> &#8211; nur eine Geschichte von irgendwas) zu schreiben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da scheint eine wohl\u00fcberlegte Kontextualisierung vielversprechender, die das V\u00f6lkerrecht dezentralisiert und Europa auch einmal an die Peripherie r\u00fcckt \u2013 ganz im Sinne der von Dipesh Chakrabarty <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/dipesh-chakrabarty-europa-als-provinz-geschichte-von-den-raendern-her-1597390.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">propagierten<\/a> \u201eProvinzialisierung Europas\u201c, die sich neuerdings auch Juristen auf die Fahnen schreiben. Nicht nur aus Gr\u00fcnden historiographischer Fairness, darf man vermuten \u2013 sondern auch im Blick auf ganz heutige Ver\u00e4nderungen des weltpolitischen Tableaus. Wie eine solcherart dezentrierte europ\u00e4ische Rechtsgeschichte im globalen Kontext aussehen kann, hat <a href=\"http:\/\/www.rg.mpg.de\/de\/wissenschaftler\/duve_thomas.cfm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Thomas Duve<\/a> in einem so ambitionierten wie inspirierenden <a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2139312\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Memorandum <\/a>skizziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Recht und Geschichte, Juristen und Historiker<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich mit der Geschichte des V\u00f6lkerrechts besch\u00e4ftigt, sollte neben transregionalen Erweiterungen des Bezugsrahmens der eigenen Forschung auch die \u00dcberschreitung disziplin\u00e4rer Grenzen in den Blick nehmen. L\u00e4ngst befassen sich nicht nur Juristinnen und Juristen, sondern auch Historikerinnen und <a href=\"http:\/\/www.worldcat.org\/title\/europaische-expansion-und-das-volkerrecht-die-auseinandersetzungen-um-den-status-der-uberseeischen-gebiete-vom-15-jahrhundert-bis-zur-gegenwart\/oclc\/566119160\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Historiker<\/a> mit der Geschichte des V\u00f6lkerrechts. Und es gibt, etwa zu Fragen der Rezeption des europ\u00e4ischen V\u00f6lkerrechts in China, wichtige Studien von <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/stefan-kroll-normgenese-durch-re-interpretation-von-der-ueberlegenheit-der-auslaender-lernen-11904885.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Soziologen<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.columbia.edu\/cu\/weai\/faculty\/liu.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sprachwissenschaftlern<\/a>. Auch Anthropologen zeigen Interesse. Doch ein disziplinenverbindender Austausch zwischen den Akteuren ist die Ausnahme. H\u00e4ufig forschen sie zwar parallel, aber nicht kooperativ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen Juristen und Historiker herrscht eine irritierende Sprachlosigkeit, wenn es um Forschungsgegenst\u00e4nde geht, mit denen sich beide Professionen besch\u00e4ftigen. Das bestreitet gern und mit Verve, wer beim gekonnten Flanieren \u00fcbers Parkett der Geistes- und Sozialwissenschaften die Fachgrenzen hinter sich l\u00e4sst. Wen k\u00fcmmerten denn disziplin\u00e4re Zuordnungen? Entscheidend sei, was f\u00fcr eine konkrete Forschungsfrage von Interesse und Belang sei, betonte Martti Koskenniemi gerade in einem Gespr\u00e4ch mit Anne Orford und der Autorin (nachzulesen in der n\u00e4chsten Fr\u00fchjahrsausgabe der <a href=\"http:\/\/www.z-i-g.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zeitschrift f\u00fcr Ideengeschichte<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klar, jeder hat inzwischen <a href=\"http:\/\/www.helsinki.fi\/eci\/Staff\/Koskenniemi.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Koskenniemi<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/juergen-osterhammel-die-verwandlung-der-welt-das-panoramabild-eines-jahrhunderts-1792460.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Osterhammel<\/a> gelesen, <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2010\/09\/26\/books\/review\/Cooper-t.html?_r=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Moyn<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/mark-mazower-no-enchanted-palace-von-der-wirklichkeit-guter-weltbuergerlicher-absichten-1999097.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mazower<\/a>. Geht es aber, jenseits der gro\u00dfen Synthesen, in kleinteiligere Forschungsfelder, dann wird die gegenseitige Wahrnehmung d\u00fcnn. Das Gespr\u00e4ch \u00fcber Disziplingrenzen hinweg ist anspruchsvoll und voraussetzungsreich. Vorverst\u00e4ndnisse sind oft auch Vorurteile. Juristen, deutsche zumal, bestehen auf begrifflicher Pr\u00e4zision und sauberer Dogmatik. Historiker (und Anthropologen, Soziologen und Politikwissenschaftler) m\u00f6gen die <em>technicalities <\/em>nicht, die komplexen institutionellen Architekturen, die komplizierten F\u00e4lle und verschachtelten Urteile. Diese Differenzen zu \u00fcberwinden ist nicht leicht. Doch es lohnt sich, das zeigt die Erfahrung mit drei Fellow-Jahrg\u00e4ngen des Berliner Programms <a href=\"http:\/\/www.rechtskulturen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rechtskulturen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie viel Kontext?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziemlich <a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2385085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">unzufrieden ist<\/a> der V\u00f6lkerrechtler und promovierte Historiker <a href=\"http:\/\/www.law.uc.edu\/faculty-staff\/faculty\/jacob-katz-cogan\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jacob Katz Cogan<\/a> mit der v\u00f6lkerrechtshistorischen Produktion aus juristischen Federn. Entweder betreibe man da, \u201eintensely internalist\u201c (in methodischer Engf\u00fchrung, die nur auf bew\u00e4hrte juristische Methoden und Materialien setzt), eine Nabelschau, die nur auf die Vorl\u00e4ufer des heutigen Rechts, seiner Institutionen und Akteure schaue und diese affirmativ zu begr\u00fcnden suche. Oder man verfolge kritische Agenden, die genau jene <a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/us\/academic\/subjects\/law\/legal-history\/notion-progress-international-law-discourse\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Fortschrittsnarrative<\/a> zu dekonstruieren suchten, die vielen \u201eInternalisten\u201c lieb und teuer seien. Doch es werde besser, konstatiert Jacob Katz Cogan. Denn immer \u00f6fter widmeten sich neuerdings professionelle Historiker v\u00f6lkerrechtshistorischen Themen. Die bieten sorgf\u00e4ltige historische Kontextualisierung, betten ihren Gegenstand in seine Zeitl\u00e4ufte ein, erforschen V\u00f6lkerrechtsentwicklungen \u201eembedded in their specific places and moments\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber k\u00f6nnen V\u00f6lkerrechtler Historiker sein? Und sollen sie das? \u201eWas wir als V\u00f6lkerrechtsgeschichte erforschen, h\u00e4ngt zun\u00e4chst einmal davon ab, was wir unter \u201aV\u00f6lkerrecht\u2019 verstehen\u201c, <a href=\"http:\/\/www.temple.edu\/law\/ticlj\/fall2013\/Koskenniemi_HistoriesofInternationalLaw.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">schreibt <\/a>Martti Koskenniemi. Und w\u00e4hrend er der Kontextualisierung seines Stoffes durchaus etwas abgewinnen kann, zieht er ihr doch Grenzen\u2013 nicht zuletzt deswegen, weil die Reduzierung eines historischen Narrativs auf seinen Kontext eine k\u00fcnstliche Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart zieht und dar\u00fcber hinwegt\u00e4uscht, dass schlie\u00dflich auch der Kontext, die Auswahl von Gegenstand und Bezugsrahmen auf eine bewusste Entscheidung des (V\u00f6lkerrechts-)Historikers zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.law.unimelb.edu.au\/melbourne-law-school\/community\/our-staff\/staff-profile\/username\/Anne%20Orford\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Anne Orford<\/a> geht noch <a href=\"http:\/\/lril.oxfordjournals.org\/content\/1\/1\/166.full.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einen Schritt weiter<\/a>, unterzieht den britischen Ideenhistoriker <a href=\"http:\/\/www.history.qmul.ac.uk\/staff\/profile\/4565-professor-quentin-skinner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Quentin Skinner<\/a> einer aufmerksamen <em>relecture<\/em> und ermutigt zu einem radikalen Anachronismus, der dann doch gar nicht so radikal ist, sondern nur den Kontextbegriff von der Vergangenheit bis in die Gegenwart dehnt. Dabei setzt sie auf eine genuin juristische Perspektive und Methodik, ein \u201ejuridisches Denken\u201c, das theoretisch, empirisch und politisch gewinnbringend scheint, weil es nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uscht, dass V\u00f6lkerrechtlerinnen ihre Fragen an einen historischen Stoff als Juristinnen stellen &#8211; auch wenn sie V\u00f6lkerrechtsgeschichte treiben. \u201eJuridisches Denken pr\u00e4gt die Problemstellung, formt die Auswahl der Archivalien, die Konstruktion des Narrativs, der Erz\u00e4hlstruktur, des Arguments und gibt den Bezugsrahmen vor.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Reflexive Disziplinarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mag v\u00f6lkerrechtshistorisch Forschenden aus der Historikerzunft sehr verd\u00e4chtig vorkommen \u2013 und ich kann ihnen das auch kaum verdenken. Vertreter der historischen \u201eZunft\u201c sind schlie\u00dflich kaum weniger selbstbewusst und eigensinnig als V\u00f6lkerrechtler, die ihr Fach h\u00e4ufig schlicht als \u201ethe <a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/discover\/10.5305\/procannmeetasil.106.0471?uid=3739728&amp;uid=2129&amp;uid=2&amp;uid=70&amp;uid=4&amp;uid=3739256&amp;sid=21104603425733\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">profession<\/a>\u201c bezeichnen. Entscheidend ist jedoch, dass Historiker und Juristen \u00fcber (ihre) V\u00f6lkerrechtsgeschichte(n) sprechen und streiten. Dass es Begegnungen gibt und R\u00e4ume des Konflikts und der Kooperation, die die Herausbildung einer je eigenen reflexiven Disziplinarit\u00e4t f\u00f6rdern und fordern. Zentral ist dabei die Frage der individuellen Verortung der Forschenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht darum, nicht nur wie ein guter Anwalt \u201efremde\u201c Perspektiven einzunehmen, sondern sich der eigenen Position und <a href=\"http:\/\/www.ejil.org\/pdfs\/12\/5\/1549.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Situierung<\/a> bewusst zu werden. Woher kommen meine Fragen? Warum interessiert mich, auf welche Weise in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts eine transatlantische Perspektive auf die rechtliche Integration Europas entstanden ist und wie diese Einfluss auf konkrete Rechtsentwicklungen gewinnen konnte? Warum verstehe ich diesen Prozess als Teil der V\u00f6lkerrechtsgeschichte, als Teil einer Geschichte des transnationalen Rechts und als Teil eines \u201eneuen \u00f6ffentlichen Rechts\u201c, eines sich <a href=\"http:\/\/icon-society.org\/site\/mission\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gegenw\u00e4rtig neu konturierende<\/a>n Rechts politischer Herrschaft in nationalem, supranationalem und globalem Kontext (anders als <a href=\"http:\/\/www.uni-goettingen.de\/en\/113548.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Frank Schorkopf<\/a> in seiner Skizze eines Forschungsprogramms zur &#8220;<a href=\"http:\/\/www.ingentaconnect.com\/content\/mohr\/jz\/2014\/00000069\/00000009\/art00001?crawler=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rechtsgeschichte der europ\u00e4ischen Integration<\/a>&#8221; &#8211; aber das ist eine andere Geschichte und w\u00e4re ein eigener Blogpost)? Warum interessiere ich mich nicht nur f\u00fcr Institutionen und Netzwerke, sondern auch <a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2383649\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">f\u00fcr konkrete Akteure und deren Biographien<\/a>? Das hat mit mir zu tun, mit meinen Vorverst\u00e4ndnissen und Vorurteilen, meiner eigenen professionellen <a href=\"http:\/\/www.verfassungsblog.de\/wannseelekture-helmuth-schulze-fielitz-uber-staatsrechtslehre-als-mikrokosmos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sozialisierung<\/a>, mit meinen eigenen Fragen an das Recht und seine Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.law.umich.edu\/mlawglobal\/gradandresearchscholars\/researchscholars\/Pages\/alexandrakemmerer.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alexandra Kemmerer<\/a><\/em><em> (Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht) forscht derzeit als Grotius Research Scholar an der University of Michigan Law School in Ann Arbor (kemmerer@mpil.de).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dieser Beitrag ist der Auftakt einer neuen <strong>Schwerpunkt-Serie des V\u00f6lkerrechtsblogs zu \u201eV\u00f6lkerrechtsgeschichten\u201c.<\/strong>\u00a0 Hier geht es zu weiteren Beitr\u00e4gen und Reaktionen von\u00a0<a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/die-deutsche-volkerrechtswissenschaft-und-der-postcolonial-turn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jochen von Bernstorff,\u00a0<\/a><a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/geschichte-des-volkerrechts-oder-das-volkerrecht-in-der-geschichte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marcus Payk<\/a>, <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/if-you-want-a-future-why-not-get-a-past-cole-porter-lets-misbehave\/\">Rob Howse<\/a>, <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/historicizing-a-classic\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Matthew Specter<\/a>, <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/die-interdependenz-von-volkerrechtswissenschaft-und-historiographie\/\">Christian Richter<\/a>\u00a0und <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/was-ist-wahrheit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alexandra von Kemmerer<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>This post begins a new series on &#8220;Histories of International Law&#8221;. The first three contributions of this\u00a0series are also available in English on EJIL Talk!: <a href=\"http:\/\/www.ejiltalk.org\/volkerrechtsgeschichten-histories-of-international-law\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8220;V\u00f6lkerrechtsgeschichten&#8221;<\/a> by Alexandra Kemmerer, &#8220;<a href=\"http:\/\/www.ejiltalk.org\/german-international-law-scholarship-and-the-postcolonial-turn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">German International Law Scholarship and the Postcolonial Turn<\/a>&#8221; by Jochen von Bernstorff, and Marcus Payk&#8217;s response &#8220;<a href=\"http:\/\/www.ejiltalk.org\/the-history-of-international-law-or-international-law-in-history-a-reply-to-alexandra-kemmerer-and-jochen-von-bernstorff\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">The History of International Law \u2013 or International Law in History?<\/a>&#8220;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Alexandra Kemmerer, \u201cV\u00f6lkerrechtsgeschichten\u201d, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 3. September 2014, doi: 10.17176\/20170105-181057.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00f6lkerrechtsgeschichte gibt es nur im Plural. Von den \u201ehistories of international law\u201c schreibt Martti Koskenniemi, der den \u201ehistoriographical turn\u201c im V\u00f6lkerrecht mit seinem \u201eGentle Civilizer\u201c um die Jahrtausendwende selbst kr\u00e4ftig angesto\u00dfen hat.\u00a0Zuvor war es lange ziemlich still gewesen um die Geschichte des internationalen Rechts. Als \u201eAschenputtel der Disziplin\u201c hatte Georg Schwarzenberger die V\u00f6lkerrechtsgeschichte 1952 bezeichnet. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6639],"tags":[],"authors":[3661],"article-categories":[3572],"doi":[3662],"class_list":["post-3391","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","authors-alexandra-kemmerer","article-categories-symposium","doi-10-17176-20170105-181057"],"acf":{"subline":""},"meta_box":{"doi":"10.17176\/20170105-181057"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3391","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3391"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3391\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11337,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3391\/revisions\/11337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3391"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3391"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3391"},{"taxonomy":"authors","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/authors?post=3391"},{"taxonomy":"article-categories","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/article-categories?post=3391"},{"taxonomy":"doi","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/doi?post=3391"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}