{"id":3373,"date":"2014-06-10T00:00:00","date_gmt":"2014-06-10T05:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/chiliasmen-des-volkerrechts-zwischen-verheisung-und-verdrangung\/"},"modified":"2020-12-11T12:27:55","modified_gmt":"2020-12-11T11:27:55","slug":"chiliasmen-des-volkerrechts-zwischen-verheisung-und-verdrangung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/chiliasmen-des-volkerrechts-zwischen-verheisung-und-verdrangung\/","title":{"rendered":"Chiliasmen des V\u00f6lkerrechts zwischen Verhei\u00dfung und Verdr\u00e4ngung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Forschen nach der Zukunft ist eine gefragte Kunst in der V\u00f6lkerrechtswissenschaft. Wo man sich umsieht, werden Visionen des Bevorstehenden feilgeboten. Als das Max Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht vor einigen Jahren ein neues Direktoriumsmitglied zu k\u00fcren hatte, wurden die Kandidaten anhand ihrer Prophezeiung der \u201eZukunft der V\u00f6lkerrechtswissenschaft in Deutschland\u201c beurteilt. Die Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt bittet in diesen Tagen zu ihrem 100. Geburtstag zwei der ganz gro\u00dfen Sterne am V\u00f6lkerrechtshimmel \u2013 Martti Koskenniemi und Joseph Weiler \u2013 Licht auf den k\u00fcnftigen Weg des internationalen Rechts zu werfen. Dieser Blog wiederum sucht in vielf\u00e4ltigen Zukunftsbildern aus dem wissenschaftlichen Nachwuchs den Schwung der Verhei\u00dfung f\u00fcr sein neues Gespr\u00e4chsmedium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Liaison von V\u00f6lkerrecht und Zukunft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos: Zukunftsdurst gibt es auch in andern Feldern menschlichen Denkens und Tuns. Doch in der Auseinandersetzung mit der \u00fcberstaatlichen Rechtsordnung besteht eine besondere Affinit\u00e4t zur Kategorie des K\u00fcnftigen. Bereits Kant hat diesen Zusammenhang in seiner \u201eIdee zu einer allgemeinen Geschichte in weltb\u00fcrgerlicher Absicht\u201c prominent herausgestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antizipation der Zukunft und das darin geborgene Bewusstsein unserer Geschichtlichkeit bildet eine grundlegende Form der Selbstverst\u00e4ndigung, die sich durch ihre eminent praktische Bedeutung auszeichnet. Im Lichte der Zukunft erkennen wir uns als Wesen in Bewegung. Wir erfahren uns als Teilnehmer gr\u00f6\u00dferer Prozesse und erleben uns als Glieder von Gemeinschaften, die die Dynamik vieler Einzelgeschichten als Zusammenhang zu begreifen erlauben. Das Bewusstsein individueller und kollektiver Zukunft macht uns die unhintergehbare Begrenztheit unseres gegenw\u00e4rtigen Standpunkts bewusst, er\u00f6ffnet aber ebendarin die M\u00f6glichkeit, die Grenzen der Gegenwart zu \u00fcberschreiten. Die Erfahrung der Geschichtlichkeit ist so zum einen die Erfahrung der Handlungsf\u00e4higkeit, der M\u00f6glichkeit sich selbst, andere und die Welt im Zusammenspiel zu formen. Andererseits enth\u00fcllt die Einsicht ins Geschichtliche die prek\u00e4re Verfasstheit menschlicher Handlungspotenz: Individuelles Denken und Handeln offenbart sich als begrenzt, fehlbar und kontingent, die Frucht aller M\u00fchen durch und durch abh\u00e4ngig vom Zusammenhang mit dem Denken und Handeln anderer und den Zuf\u00e4lligkeiten der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser Konstellation gewinnen die V\u00f6lkerrechtsvisionen ihre Bedeutung. In ihnen wird der ultimative Gesamtzusammenhang menschlichen Handelns thematisch, dem das Einzelhandeln unterworfen ist, w\u00e4hrend es ihn zugleich mitgestaltet. Die Hoffnung, dass dieser weltgesellschaftliche Gesamtzusammenhang nicht in einem heillosen Kampf untergeht, sondern das Ger\u00fcst eines friedlichen und gerechten Miteinander ausbilden wird, verbunden mit dem Bewusstsein, dass die Verwirklichung dieser Idee noch aussteht und menschlicher Anstrengung bedarf, ist ein essentielles Fundament engagierter Teilnahme an den Geschicken der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bem\u00e4chtigung der Zukunft durch die Gegenwart<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grat kritischer Hoffnung ist allerdings schmal. Droht auf der einen Seite die Kritik am Bestehenden in Fatalismus zu verfallen, so st\u00fcrzt auf der andern Seite die Hoffnung bald in die Heiligung des Gangs der Dinge. Vor allem letzterer Unfall muss im Blick auf den Mainstream des V\u00f6lkerrechtsdenkens oft verzeichnet werden. Zukunft erscheint dann nicht mehr als ein Anderes der Gegenwart, sondern blo\u00df als Vollendung des schon Angebrochenen. Nicht alle nehmen f\u00fcr die eigene Zeit so unverbl\u00fcmt wie Francis Fukuyama das Ende der Geschichte in Anspruch, in der Sache sind viele Erz\u00e4hlungen aber nicht bescheidener. Die krude und monotone Vergangenheit bietet den Hintergrund f\u00fcr einen glanzvollen Auftritt des Gegenw\u00e4rtigen, die Zukunft entschuldigt verbliebene Makel und sichert den Schreibenden der Geschichte die ehrenvolle Aufgabe der Perfektionierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Bilateralismus zum Gemeinschaftsinteresse, von der Privatrechtslogik zur kosmopolitischen Konstitution, vom Souver\u00e4nit\u00e4tsfetisch zum Humanit\u00e4tsideal: Die Narrative sind gut vertraut \u2013 so gut, dass schon diese Vertrautheit stutzig machen muss. Wie kann es sein, dass Generationen \u00fcber Generationen dieselbe \u201eNeuigkeit\u201c verk\u00fcnden? Wie konnte zum Beispiel Alfred Verdross 1926 von der \u201eVerfassung der V\u00f6lkerrechtsgemeinschaft\u201c wissen? Ist die Ausbildung konstitutioneller Strukturen nicht die gro\u00dfe Neuerung unserer Tage? Oder zumindest der Phase nach 1989? Oder jedenfalls der Neuordnung nach dem zweiten Weltkrieg? Markiert die Lotus-Entscheidung von 1927 nicht die besten Tage des absoluten Souver\u00e4nit\u00e4tsdenkens, das von einer V\u00f6lkerrechtsgemeinschaft nichts ahnt? \u2013 Auch anderen Z\u00fcgen der gegenw\u00e4rtigen Ordnung wird durch Verk\u00fcrzung der Vergangenheit der Geschmack erf\u00fcllter Tage verliehen. Doch ob Individuenstatus, Staatsverst\u00e4ndnis oder Weltgemeinschaftsideal &#8211; kaum je l\u00e4sst sich die Vergangenheitskarikatur der Gegenwartsentw\u00fcrfe in den Quellen vergangener Jahrhunderte wiederfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solchen Eroberungen der Zukunft durch die Gegenwart geht das Objekt der Sehnsucht doppelt verloren. Der postulierte Anbruch der Vollendung verdr\u00e4ngt die Erfahrung eines ausstehenden Anderen von Vergangenem und Gegenw\u00e4rtigem, welches die das aktuelle Bewusstsein transzendierenden Grenzen des Pr\u00e4senten offenbart und inmitten unserer routinierten Handlungszusammenh\u00e4nge die M\u00f6glichkeit eines Neuen verhei\u00dft. Gleichzeitig werden die Spuren der Zukunft im Bild des Vergangenen versch\u00fcttet. Gereinigt von Spannungen, Widerspr\u00fcchen und Ambivalenzen kann sein langweiliges Dunkelgrau nicht mehr als ein Ort verpasster und gegl\u00fcckter Br\u00fcche studiert werden, der stets von der Kategorie des K\u00fcnftigen in die Unruhe von Angst und Hoffnung versetzt wurde. Statt von der Unreinheit des Gewesenen \u00fcber eigene Spannungen unterrichtet und zur Suche nach einem Wandel getrieben zu werden, scheint die Gegenwart in sicherer Distanz \u2013 und bleibt umso fester an das Vormalige gekettet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pathologie liegt freilich nicht in der schlichten Diagnose vergangenen Wandels. Nat\u00fcrlich hat sich viel ver\u00e4ndert. Auch die Verkn\u00fcpfung dieser Prozesse mit einem Fortschrittspostulat ist nicht an sich problematisch. Das war auch Kants Option. Mit Grund werden einige Errungenschaften bewundert und gefeiert. Verloren geht die existentielle Dimension der Zukunft und damit das Geschichtliche \u00fcberhaupt jedoch dann, wenn der Lauf der Rechtswelt als zwangsl\u00e4ufige Eindeutigkeit erscheint und der Stand der Stunde allzu nah an das Ziel der gro\u00dfen Reise heranr\u00fcckt. Hier wird die Erfahrung des Anderen, Ungedachten, eben Noch-Nicht-Pr\u00e4senten unterdr\u00fcckt, die uns unsere Grenzen, damit aber auch die \u2013 stets prek\u00e4re, stets riskante \u2013 M\u00f6glichkeit zu handeln offenbart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Zukunftsversprechen des V\u00f6lkerrechts<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne das Aufscheinen der Zukunft kann Recht bestenfalls der Verwaltung des Gegebenen dienen. \u201eZukunft\u201c gibt es hier als Effizienzsteigerung, Erschlie\u00dfung neuer Regulierungsfelder und aufmerksame Anpassung an ver\u00e4nderte Umst\u00e4nde. Dass Recht mehr ist als Verwaltung, dass es gerade auch als V\u00f6lkerrecht das Versprechen der Universalit\u00e4t ausspricht, dies h\u00e4ngt schlechterdings am Wissen und der Bem\u00fchung um das Andere, Unber\u00fccksichtigte, Ungedachte, das \u00fcberkommene Routinen unterbricht, Blindheiten der herrschenden Ordnung herausstellt und Grenzen vermeinter Allgemeinheiten ins Licht r\u00fcckt. Deshalb ist die Verdr\u00e4ngung der Zukunft des V\u00f6lkerrechts so bedenklich. Deshalb bleibt aber auch jedes Vergessen h\u00f6chst vorl\u00e4ufig. Denn die Erinnerung an die Zukunft beh\u00e4lt in der Kraft des Rechts selbst ihren unwiderstehlichen Ausdruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine Replik zum Beitrag findet sich <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/volkerrecht-jenseits-des-normdualismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.mpil.de\/de\/pub\/organisation\/wiss_bereich\/bvischer.cfm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Benedict Vischer<\/a>, MA, MLaw, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max Planck Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht in Heidelberg und am <a href=\"http:\/\/www.normativeorders.net\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Exzellenzcluster &#8220;Die Herausbildung normativer Ordnungen&#8221;<\/a> der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Benedict Vischer, \u201cChiliasmen des V\u00f6lkerrechts zwischen Verhei\u00dfung und Verdr\u00e4ngung<span class=\"subtitle\">: Zum Zukunftsdurst einer Disziplin<\/span>\u201d, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 10 June 2014, doi: 10.17176\/20170104-165220.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Forschen nach der Zukunft ist eine gefragte Kunst in der V\u00f6lkerrechtswissenschaft. 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