{"id":3365,"date":"2014-05-16T00:00:00","date_gmt":"2014-05-16T03:51:31","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.voelkerrechtsblog.org\/articles\/grenzen-der-universalitat-was-das-nachdenken-uber-tierrechte-deutlich-macht\/"},"modified":"2020-12-11T12:29:28","modified_gmt":"2020-12-11T11:29:28","slug":"grenzen-der-universalitat-was-das-nachdenken-uber-tierrechte-deutlich-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/grenzen-der-universalitat-was-das-nachdenken-uber-tierrechte-deutlich-macht\/","title":{"rendered":"Grenzen der Universalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Replik zum Beitrag von <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/sind-die-menschenrechte-in-zukunft-noch-menschen-rechte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Saskia Stucki<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo enden die universellen Rechte? Das fragt <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/sind-die-menschenrechte-in-zukunft-noch-menschen-rechte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Saskia Stucki in ihrem Beitrag<\/a> mit Blick auf die Rechte von Tieren. Menschenrechte f\u00fcr Tiere? Es ist eine wichtige Verunsicherung, die uns daraus entgegenklingt. Irgendwie ahnen wir doch, dass wir in unserem Umgang mit Tieren keinen konsistenten Regeln folgen. Wir lesen st\u00e4ndig \u00fcber neue Erkenntnisse zum Schmerzempfinden von Tieren, wir wissen um die \u00f6kologischen Folgen der Fleischerzeugung \u2013 und trotzdem liegt der <a href=\"http:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/bundnet\/publikationen\/landwirtschaft\/140108_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2014.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">durchschnittliche Fleischkonsum in der EU<\/a> bei 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Aber auch wer vegetarisch lebt, wird nicht unbedingt freundlich reagieren, wenn sich eine h\u00e4ssliche schwarze Spinne ins Schlafzimmer verirrt hat \u2013 und wird ihr vielleicht ohne gro\u00dfes Kopfzerbrechen den Garaus machen. Wo verlaufen die Grenzen dessen, was wir mit Tieren tun d\u00fcrfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tierrechte \u2013 wieso nicht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vorschlag, diese Frage &#8220;vom Tier her&#8221; zu betrachten und \u00fcber Tierrechte zu sprechen, scheint zugleich ungew\u00f6hnlich und naheliegend. Ungew\u00f6hnlich, weil wir Rechte jahrhundertelang als etwas spezifisch menschliches betrachtet haben. Dass wir \u00fcblicherweise &#8220;Menschenrechte&#8221; und &#8220;universelle Rechte&#8221; als austauschbare Bezeichnungen verwenden, zeigt, wie wenig Rechte f\u00fcr andere Wesen als Menschen auch nur als auszuschlie\u00dfende M\u00f6glichkeit bedacht werden. Schon der Ausdruck der &#8220;Tierrechte&#8221; fordert dieses Verst\u00e4ndnis heraus. Nun, da wir immer mehr lernen \u00fcber die F\u00e4higkeiten von Schimpansen, Delphinen, Elefanten, scheint es andererseits naheliegend, diese Begrenzung von Rechten auf Menschen zu \u00fcberdenken. In der Vergangenheit wurden nach und nach Sklaven, Besitzlose, Frauen als Tr\u00e4ger von Rechten anerkannt. Ist es nun an der Zeit, Tiere als solche anzuerkennen? Ich stimme Saskia Stucki zu, dass wir uns nicht auf den Ausdruck der &#8220;Menschenrechte&#8221; verlassen sollten. Aber wie lassen sich universelle Rechte auf Tiere anwenden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Widerspr\u00fcchlichkeit universeller Rechte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage f\u00fchrt uns zu der Struktur der universellen Rechte selbst: In ihrem Kern liegt eine Widerspr\u00fcchlichkeit, welche sie so schwierig und so wertvoll macht. Einerseits sind alle Rechte an Voraussetzungen gebunden, sie entstehen in einer Gemeinschaft und spiegeln als subjektive Rechte das Verh\u00e4ltnis eines Individuums zur Gemeinschaft oder anderen Individuen. Um Wirkung zu entfalten, m\u00fcssen Rechte ausreichend konkret sein. Andererseits beanspruchen universelle Rechte voraussetzungsfrei zu sein, sie sollen gerade die Ausschl\u00fcsse verhindern und \u00fcberwinden, welche mit den Rechten f\u00fcr M\u00e4nner, f\u00fcr Wei\u00dfe, f\u00fcr Wohlhabende, oder f\u00fcr Staatsb\u00fcrger verbunden waren und sind. Universelle Rechte sind gleichzeitig bedingungslos und bedingt. Hannah Arendt beschreibt in <a href=\"https:\/\/openlibrary.org\/books\/OL23323895M\/The_origins_of_totalitarianism.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft<\/a> diese Widerspr\u00fcchlichkeit, durch welche Menschenrechte gerade dort wirkungslos bleiben, wo sie am dringendsten gebraucht w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Universelle Rechte als die Rechte, die man einfordern muss <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir &#8220;universelle&#8221; Rechte schreiben, bringen wir damit zum Ausdruck, dass wir noch nicht genau wissen, was ihr Inhalt ist. Das Universelle reicht immer \u00fcber das Erkennbare und Definierbare hinaus. Die utopische Struktur von universellen Rechten macht sie so schwach, aber auch so wichtig. Sie werden besonders dort relevant, wo sie dazu dienen, etablierte Grenzen in Frage zu stellen und zu verschieben. Im Kampf um das Wahlrecht f\u00fcr Frauen beriefen sich Aktivistinnen wie <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/history\/historic_figures\/pankhurst_emmeline.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Emmeline Pankhurst<\/a> auf eine Gleichheit, die bis dahin nicht anerkannt war. Die Arbeiterbewegung stritt und streitet f\u00fcr soziale Rechte, welche zwar auf dem Papier bestehen, durch \u00f6konomische Ungleichheit aber st\u00e4ndig ausgeh\u00f6hlt werden. Als <a href=\"http:\/\/www.hfmgv.org\/exhibits\/rosaparks\/home.asp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rosa Parks<\/a> ihren Sitzplatz im Bus nicht aufgeben wollte, forderte sie mehr als diesen Sitzplatz &#8211; sie forderte ein Recht, welches keineswegs selbstverst\u00e4ndlich war, sondern erstritten werden musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Saskia Stuckis Beschreibung erscheinen die Menschenrechte als etwas Vorhandenes mit klarem Inhalt. Aber so klar manche dieser Rechte heute klingen m\u00f6gen, ihre Geltung und ihr Inhalt steht nicht fest, sondern muss immer wieder neu er\u00f6rtert, festgelegt und erk\u00e4mpft werden. Das bringt uns zu der Bedeutung von demokratischer Mitsprache \u00fcber den Inhalt dieser Rechte. &#8220;Unsere Rechte&#8221; sind die Rechte, die wir uns gegenseitig einr\u00e4umen. Je allgemeiner diese Rechte formuliert sind, desto bedeutsamer sind die M\u00f6glichkeiten auch ihre Interpretation immer wieder in demokratischen Prozessen zu hinterfragen und zu beeinflussen. Diese demokratische Gleichheit \u00fcber den Inhalt von (universellen) Rechten mitzuentscheiden kann Tieren nicht einger\u00e4umt werden \u2013 wir m\u00fcssen sie aber als wesentliches Ziel f\u00fcr unsere Gesellschaft im Blick behalten. Der Kampf um Tierrechte unterscheidet sich in dieser Hinsicht wesentlich von anderen Emanzipationsbewegungen, als die &#8220;Betroffenen&#8221; nicht selbst f\u00fcr ihre Rechte streiten k\u00f6nnen. Das muss nicht bedeuten, dass ihnen keine Rechte zukommen k\u00f6nnen \u2013 aber wir m\u00fcssen uns der dabei entstehenden Asymmetrie bewusst sein: Tierrechte werden immer die Rechte sein, welche Menschen Tieren zugedacht haben, im Inhalt wie in der Anwendbarkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tierrechte \u2013 ein anspruchsvolles Vorhaben<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Nachdenken dar\u00fcber, ob Tiere als Tr\u00e4ger universeller Rechte anzuerkennen sind, konfrontiert uns mit grunds\u00e4tzlichen Fragen nach Universalit\u00e4t und Gleichheit \u00fcberhaupt. Es macht deutlich, dass jede neue Bestimmung, wem universelle Rechte zukommen, auch neue Ausschl\u00fcsse hervorbringt: Gibt es eine Mindestgr\u00f6\u00dfe, eine Mindestzellmenge um Tr\u00e4ger von Tierrechten zu sein? Weshalb Tiere und nicht einfach Lebewesen? Saskia Stucki schl\u00e4gt vor, universelle Rechte an die Kriterien von Vulnerabilit\u00e4t und Empfindungsf\u00e4higkeit zu kn\u00fcpfen. Was gilt unter diesen Bedingungen f\u00fcr Menschen mit besonderen Nervenkrankheiten? Jede Festschreibung, welche die Voraussetzungen von universellen Rechten sind, bleibt unvollst\u00e4ndig und gewaltsam. Diese gewaltsame Seite der Institution des Universalen, <a href=\"http:\/\/eipcp.net\/transversal\/0607\/balibar\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf die Autoren wie \u00c9tienne Balibar hinweisen<\/a>, reicht aber tiefer: Die Beschreibung als &#8220;Universales&#8221; behauptet umfassend zu gelten &#8211; und l\u00e4sst damit die entstehenden Ausschl\u00fcsse umso radikaler und unbenennbarer werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Anliegen universelle Rechte \u00fcber den Menschen hinaus zu denken, halte ich daher ein \u00e4u\u00dferst sinnvolles und wichtiges Unterfangen. Ein \u00e4u\u00dferst anspruchsvolles allerdings auch, und Antworten k\u00f6nnen nicht einfach ausfallen. Manches im gegenw\u00e4rtigen Umgang mit Tieren erscheint als offensichtliche Ungerechtigkeit, aber dieser rechtlich angemessen zu begegnen erfordert einiges: Eine umsichtige Auseinandersetzung mit den konzeptionellen Grundlagen universeller Rechte, ein Bewusstsein von der Vorl\u00e4ufigkeit unserer Festlegungen in diesem Bereich, und vor allem eine gesellschaftliche Debatte \u00fcber den Umgang mit Tieren &#8211; ohne deren Mitsprache, aber im Bewusstsein der Verantwortung, die ihre Sprachlosigkeit f\u00fcr uns Menschen mit sich bringt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.mpil.de\/de\/pub\/organisation\/wiss_bereich\/dschmalz.cfm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dana Schmalz<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max Planck Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht in Heidelberg. Zur Zeit ist sie Visiting Fellow am <a href=\"http:\/\/globaltrust.tau.ac.il\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Global Trust Projekt in Tel Aviv<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cite as: Dana Schmalz, \u201cGrenzen der Universalit\u00e4t<span class=\"subtitle\">: Was das Nachdenken \u00fcber Tierrechte deutlich macht<\/span>\u201d, <em>V\u00f6lkerrechtsblog<\/em>, 16 May 2014, doi: 10.17176\/20170104-161227.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Replik zum Beitrag von Saskia Stucki Wo enden die universellen Rechte? Das fragt Saskia Stucki in ihrem Beitrag mit Blick auf die Rechte von Tieren. Menschenrechte f\u00fcr Tiere? Es ist eine wichtige Verunsicherung, die uns daraus entgegenklingt. Irgendwie ahnen wir doch, dass wir in unserem Umgang mit Tieren keinen konsistenten Regeln folgen. 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