{"id":28198,"date":"2026-04-01T14:00:22","date_gmt":"2026-04-01T12:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=28198"},"modified":"2026-03-31T22:47:29","modified_gmt":"2026-03-31T20:47:29","slug":"america-first-alternatives-to-international-law-afail","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/america-first-alternatives-to-international-law-afail\/","title":{"rendered":"America-First Alternatives to International Law (AFAIL)"},"content":{"rendered":"<p>Theoriebildung war im V\u00f6lkerrecht schon immer ein politisches Kampfinstrument. Die Entwicklungen der vergangenen Monate haben die Dramatik der Auseinandersetzungen innerhalb der V\u00f6lkerrechtswissenschaft nochmals versch\u00e4rft. Eine j\u00fcngst in den USA stattgefundene, nicht\u00f6ffentliche Konferenz geizte nicht mit ebenso tiefen wie teilweise skurrilen Einblicken in die aktuellen Denkstile.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend insbesondere nach 1989 einige Jahrzehnte lang die zentrale Opposition jene des sogenannten globalen S\u00fcdens mit dem eurozentrisch gepr\u00e4gten Weltv\u00f6lkerrecht war, verblasst dieser Gegensatz nun zunehmend. Ihr historischer Gr\u00fcndungsmoment war die indonesische Bandung-Konferenz von 1955 gewesen, dem bis in die j\u00fcngste Vergangenheit die Formation einer kollektiven politischen Bewegung folgte. Sie fand ihr schlie\u00dflich auch akademisch anerkanntes Label in einer Abk\u00fcrzung: TWAIL \u2013 Third World Approaches to International Law. Diese progressiv-kritische Richtung beanspruchte nicht nur eine Stimme (manifestiert in eigenen Zeitschriften: <a href=\"https:\/\/twailr.com\/\">TWAIL Review<\/a>), sondern forderte umfassende \u00c4nderungen der juristischen Architektur des V\u00f6lkerrechts. Denn dieses, so die Kritik, sei von den politisch-\u00f6konomischen Interessen der atlantischen Welt und dem Kapitalismus gepr\u00e4gt und verst\u00e4rke ihre Ungerechtigkeiten und epistemisch blinden Flecken. <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/twail-feminist-perspectives-on-conflict\/\">Kritische feministische Perspektiven<\/a> schlossen sich daran an.<\/p>\n<p><strong>Nach TWAIL und SWAIL jetzt AFAIL?<\/strong><\/p>\n<p>Es dauerte relativ lange, bis sich eine weitere kritische Variante an die Seite von TWAIL gesellte. Stand TWAIL f\u00fcr die genuine Stimme der so genannten \u201eDritten\u201c Welt, so versammelten sich andere Staaten mit eigenen v\u00f6lkerrechtspolitischen Anliegen unter dem SWAIL-Label: Second World Approaches to International Law. Im <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/researching-for-swail-part-i\/\">Februar 2025 fand an der Central European University (CEU) in Wien eine entsprechende Konferenz statt<\/a>, die die Rolle der Schwellenl\u00e4nder im V\u00f6lkerrecht ins thematische Zentrum r\u00fcckte. Wien spendierte dabei aus Veranstaltersicht den passenden genius loci, weil Ostmitteleuropa eine doppelte Exklusion sowohl vom Mainstream des westlichen V\u00f6lkerrechts als auch von den nicht-westlichen Zug\u00e4ngen zum V\u00f6lkerrecht erfahren h\u00e4tte. Das war in seiner doppelten Negation immer noch prim\u00e4r gegen den ungeliebten Hegemonialanspruch des globalen Nordens gerichtet.<\/p>\n<p>Aber wie jeder Vorsto\u00df, so erzeugen auch solche Zuspitzungen immer ihre Gegenbewegung, was man derzeit an einem neuen, autorit\u00e4r-reaktion\u00e4ren Ansatz aus den USA erkennen kann. Er wendet sich aus gegens\u00e4tzlicher Perspektive gegen die tradierten Strukturen eines universellen V\u00f6lkerrechts. Stattdessen wird im Sinne einer \u201eAmerica First\u201c-Doktrin auch das V\u00f6lkerrecht unter machtpolitischen Interessen umgestaltet, und so lautet auch das Akronym: America-First Alternatives to International Law (AFAIL).<\/p>\n<p><strong>No, It Kant<\/strong><\/p>\n<p>Ob die j\u00fcngst in den USA stattgefundene Konferenz als ihr Gr\u00fcndungsmoment angesehen werden kann, ist mehr als zweifelhaft. Schlie\u00dflich war es ein exklusiver Kreis von Teilnehmern, in welchem die gemeinsamen politischen Agenden verhandelt und formuliert wurden. Die \u00d6ffentlichkeit war explizit unerw\u00fcnscht, Aufzeichnungen und sogar Mobilger\u00e4te verboten. Aus Mission Statement und Konferenzeinladung durfte extern nicht zitiert werden. Dass der Verfasser dieser Zeilen \u2013 wenn auch unerkannt \u2013teilnehmen konnte, lag an einem unachtsam versendeten Zoom-Link mit dem vielsagenden (oder intendierten?) Tippfehler: \u201eInternational Low. A Failure\u201c. Umso interessanter scheinen die hinter den verschlossenen T\u00fcren des Waindell College (NY) als gemeinsame \u00dcberzeugung angesehenen Pr\u00e4missen und ihr zweifelhafter Ertrag. Es geh\u00f6rt zu den bizarren Fu\u00dfnoten, dass manche der Teilnehmer es vors\u00e4tzlich als \u201eVandal College\u201c auszusprechen schienen, um damit dem Wunsch nach Zerst\u00f6rung performativ Rechnung zu tragen.<\/p>\n<p>Die Keynote lieferte ein V\u00f6lkerrechtler des Athena College (Western Mass.), die nichts anderes als eine geharnischte Abrechnung mit einer angeblich zu liberalen Weltrechtsordnung war. Ob die liberale V\u00f6lkerrechtslehre im Sinne Immanuel Kants heute noch Orientierung bieten k\u00f6nne, wurde wenig \u00fcberraschend und unter Nutzung eines zweifelhaften Wortspieles eine klare Absage erteilt: \u201eNo, it Kant.\u201c Der Westen habe sich zu lange auf der Nase herumtanzen lassen, alleine Amerika komme nun die moralische Legitimation zu, das einstmalige Projekt massiv zu ver\u00e4ndern, um es zu retten. Dass dabei die Denkfigur vom aufhaltsamen Machtverlust aus dem Roman \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Leopard_(Roman)\">Der Leopard<\/a>\u201c zitiert wurde, \u00fcberrascht nicht: Was einst dem sizilianischen F\u00fcrstenhaus widerfuhr, k\u00f6nnte irgendwann auch dem jetzigen US-Pseudoaristokraten bl\u00fchen. Entsprechend defensiv-modernisierend lautet das implizite Motto des neuen, offen hegemonialen AFAIL-V\u00f6lkerrechts, das auf eine Goldm\u00fcnze gepr\u00e4gt werden soll: \u201eWenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich \u00e4ndern\u201c (Tomasi di Lampedusa). Imperiale Interessen seien hier keineswegs sch\u00e4dlich, sondern der einzig gangbare Weg, Machtinteressen mit Rechtsanspr\u00fcchen in praktische Konkordanz zu bringen.<\/p>\n<p>Dieser Denkansatz schien weder besonders k\u00fchn noch originell, aber mutma\u00dflich deswegen ein guter Auftakt, weil er gerade deswegen einen gemeinsamen Boden definierte, von dem aus AFAIL-Institutionen wie Trumps \u201e<a href=\"https:\/\/boardofpeace.org\/\">Board of Peace<\/a>\u201c wohlwollend evaluiert werden konnten. Am Waindell College kooperierten jedenfalls f\u00fcr einige Tage Sicherheitsberater wie Politikwissenschaftler interdisziplin\u00e4r mit V\u00f6lkerrechtlern. In Panels wie \u201eDie Schattenseite von Friedenskonferenzen\u201c wurden etwa die Kosten f\u00fcr unn\u00f6tige diplomatische Korrespondenz und teure Au\u00dfenpolitik gegengerechnet, um aktuelle Milit\u00e4rausgaben weniger exorbitant scheinen zu lassen. Bei \u201eVermiedene Waffenstillst\u00e4nde\u201c argumentierte man unter Aspekten der Sustainability mit der \u201eVerwertung\u201c von ohnehin vorhandener Alt-Munition. Workshops der \u201eArt of the Deal\u201c-Academy (Detroit) dienten im Begleitprogramm der Wissensvermittlung unter Anleitung von erfahrenen Gebrauchtwagenh\u00e4ndlern und waren f\u00fcr Trump Gold Card-Inhaber diskontiert.<\/p>\n<p><strong>Carl Schmitt redivivus<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Institutionen des klassischen Kriegsrechts (das nun \u201eNeues Friedensv\u00f6lkerrecht\u201c hei\u00dfen soll) wurden nicht nur kritisch evaluiert, sondern den Bed\u00fcrfnissen des 21. Jahrhunderts angepasst. Wenn die Dichotomie zwischen Krieg und Frieden oder Kombattanten und Nichtkombattanten in der Realit\u00e4t der Feindseligkeiten ohnehin unrealistisch sei, warum dann \u00fcberhaupt noch milit\u00e4rstrategisch darauf R\u00fccksicht nehmen, gab ein Zivilangestellter der University of Rummidge (UK), Department of Nonlegal and Lethal Defense, zu bedenken? Ebenso beim Kulturg\u00fcterschutz, wo man in Zukunft pr\u00e4ventiv vom gegnerischen Staat die Herausgabe von gesch\u00fctzten Kulturg\u00fctern verlangen k\u00f6nnte, bevor man zu \u201eFriedensmissionen\u201c gegen ihn schreite. Damit w\u00e4ren haarspalterische juristische Diskussionen \u00fcber Verantwortung und Kompensation, die \u00fcblicherweise nach der Zerst\u00f6rung stattfinden und zu keiner Einigkeit f\u00fchren, \u00fcberfl\u00fcssig geworden. Allerdings w\u00fcrde sich auch hier \u2013 wie bereits in den Napoleonischen Kriegen \u2013 die logistische Frage stellen, wie man etwa die Pyramiden nach Washington verbringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Derzeit schien der Mehrheit der US-Teilnehmer, die vielfach dem sogenannten nationalen Sicherheitssektor angeh\u00f6rten, die weltpolitische Lage g\u00fcnstig, um solche Denkstile zu kultivieren; von manchen wurden sie auf die Spitze getrieben. Anregung einer Teilnehmerin: K\u00f6nnte man nicht auch per ChatGPT eine zeitgem\u00e4\u00dfe Fortschreibung von Carl Schmitts \u201eGro\u00dfraumordnung mit Interventionsverbot f\u00fcr raumfremde M\u00e4chte\u201c (<a href=\"https:\/\/www.duncker-humblot.de\/_files_media\/leseproben\/9783428480357.pdf\">Kieler Vortrag vom 1. April 1939<\/a> [Link S.13]; 4. Auflage 1941) als autoritativen Referenzpunkt erstellen? Ihn aus DNA-Spuren wieder auferstehen zu lassen, erschien demgegen\u00fcber sogar den Fantasievolleren unter den anwesenden Wissenschaftlern zu abwegig. Warum soll aber nicht das, was mit Mammuts, S\u00e4belzahntigern und Velociraptoren geschehen wird, auch bei Vordenkern einer imperiengeleiteten Ordnung Realit\u00e4t werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Washington ist nicht Athen \u2013 oder doch?<\/strong><\/p>\n<p>Aber so wie Carl Schmitt nur wenige Jahre sp\u00e4ter den apokalyptischen Untergang seines NS-Hegemons erleben musste, so k\u00f6nnte es auch dem orangebeschopften \u201eCaesar im Wei\u00dfen Haus\u201c ergehen, mahnten realistischere Stimmen. Sie beriefen sich auf den zeitlosen Melier-Dialog, in dem Athen daran erinnert wird, dass es eines Tages auch selbst gen\u00f6tigt sein k\u00f6nnte, sich auf das V\u00f6lkerrecht zu berufen. N\u00e4mlich, wenn Amerika sich in einer neuen Weltordnung in der unerwarteten Position des Schw\u00e4cheren wiederf\u00e4nde und sich nun seinerseits gegen das angebliche \u201eRecht des St\u00e4rkeren\u201c wehrt. So k\u00f6nnten in der langen, unvollendeten Geschichte von Interventionen und Imperien auch die derzeit martialisch-stolzen USA auf der ungem\u00fctlichen Seite der Geopolitik landen.<\/p>\n<p>Eine Panelteilnehmerin aus Kansas beschwichtigt indes: Man sei nicht mehr in Athen. Um derlei historische Ironien zu vermeiden, bed\u00fcrfe es allein besserer Planung, erkl\u00e4rte die Vertreterin des Institute for Counterinsurgency in Security Studies (ICISS) mit der Gelassenheit der gut beratenden Strategin. Nach dem Vorbild des \u201eBoard of Peace\u201c k\u00f6nne eine lose gekoppelte, dezentral organisierte Vereinigung stabil-monokratisch gef\u00fchrter Institutionen pr\u00e4ventiv t\u00e4tig werden. Neben dem f\u00fcr die globale Sicherheit zust\u00e4ndigen Gremium werde am ICISS bereits \u00fcber einen \u00dcberwachungsrat nachgedacht, parit\u00e4tisch besetzt mit Nicht-Experten (Arbeitstitel: Board of Cluelessness &amp; Clairvoyants), an dessen Spitze ein IT-Spezialist fr\u00fchzeitig Alarm schlagen k\u00f6nnte, sollte sich in befriedeten Provinzen Unfrieden regen. Der passende Kandidat f\u00fcr ein solches Amt l\u00e4ge auf der Hand.<\/p>\n<p>Im Kanon der Konferenz wurde \u201eAmerica First\u201c konsequent raumdeutend gedacht. \u00dcberdeutlich wurde, dass die Vordenker von \u201eProject 2025\u201c und der Heritage Foundation ihr Augenmerk lange vor Gr\u00f6nland, Venezuela oder Iran auf die Abschaffung einer als \u201ewoke\u201c denunzierten V\u00f6lkerrechtsordnung gerichtet hatten. Jetzt kristallisiert sich ein semi-\u00f6ffentlicher Gegenentwurf heraus, die K\u00fchneren unter den AFAIL-Bef\u00fcrwortern tr\u00e4umen schon von baldiger Publikation \u2013 mit Open Access f\u00fcr MAGA-Anh\u00e4nger (\u201eMake Open Access Great Again\u201c, wie ein Teilnehmer vorschlug) \u2013 und vollst\u00e4ndiger machtpolitischer Umsetzung. Schlie\u00dflich sei der Weg von den notorisch tr\u00e4gen B\u00fcrokratien der UN hin zu einer zeitgem\u00e4\u00dfen Ordnung durch ein internationalisiertes DOGE m\u00fchelos zu ebnen \u2013 den politischen Willen vorausgesetzt. Jetzt m\u00fcsse man nur noch den Pr\u00e4sidenten selbst von der N\u00fctzlichkeit dieses Ansatzes \u00fcberzeugen. Die Idee, Donald Trump AFAIL vorzustellen (erfreulicherweise mag er Gro\u00dfbuchstaben), elektrisierte den Saal. Geht es nach Waindell, steht ohnehin fest, dass sich das V\u00f6lkerrecht mit Amerika nicht wird messen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theoriebildung war im V\u00f6lkerrecht schon immer ein politisches Kampfinstrument. Die Entwicklungen der vergangenen Monate haben die Dramatik der Auseinandersetzungen innerhalb der V\u00f6lkerrechtswissenschaft nochmals versch\u00e4rft. Eine j\u00fcngst in den USA stattgefundene, nicht\u00f6ffentliche Konferenz geizte nicht mit ebenso tiefen wie teilweise skurrilen Einblicken in die aktuellen Denkstile. 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