{"id":19528,"date":"2023-03-06T13:00:45","date_gmt":"2023-03-06T12:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=19528"},"modified":"2023-03-07T09:28:53","modified_gmt":"2023-03-07T08:28:53","slug":"alle-macht-den-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/alle-macht-den-staaten\/","title":{"rendered":"Alle Macht den Staaten?"},"content":{"rendered":"<p>In Bezug auf die von sogenannten \u201eUmweltaktivisten\u201c errichtete <a href=\"https:\/\/www.amnesty.org\/en\/latest\/news\/2023\/02\/azerbaijan-blockade-of-lachin-corridor-putting-thousands-of-lives-in-peril-must-be-immediately-lifted\/\">Blockade<\/a> des Latschin-Korridors seit dem 12. Dezember 2022 und der damit einhergehenden humanit\u00e4ren Krise in Berg-Karabach, erlie\u00df der Internationale Gerichtshof (IGH) am 22. Februar 2023 \u00a0aufgrund des von der Republik Armenien eingereichten <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/180\/180-20221227-WRI-01-00-EN.pdf\">Antrages<\/a> auf Erlass vorsorglicher Ma\u00dfnahmen eine\u00a0 Anordnung (13:2 Votum, zus\u00e4tzliche Erkl\u00e4rungen <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-01-EN.pdf\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-02-EN.pdf\">hier<\/a>). \u00a0In der f\u00fcr Armenien essentiellen Entscheidung verpflichtete der IGH die Republik Aserbaidschan dazu, unverz\u00fcglich die errichtete Blockade aufzul\u00f6sen bzw. alle die ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um den ungehinderten Verkehr nach und aus Berg-Karabach zu gew\u00e4hrleisten (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 67<\/a>). Zeitgleich lehnte der IGH den <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/181\/181-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">Antrag<\/a> von Aserbaidschan, welcher das mutma\u00dfliche Verlegen von Antipersonenlandminen in zivilen Gebieten unterbinden sollte, mangels Beweisen einstimmig ab (\u00a7\u00a7 <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/181\/181-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">22,27<\/a>).<\/p>\n<p>Seitdem sind zw\u00f6lf Tage vergangen und Aserbaidschan ist der bindenden Anordnung des IGHs bisher noch nicht nachgekommen. Nach einer Darstellung der von beiden Seiten eingereichten Antr\u00e4ge und einem kurzen Umriss der vom IGH getroffenen Entscheidungen, soll mithin er\u00f6rtert werden, welche Rechtsfolgen bzw. Ma\u00dfnahmen im Falle einer Zuwiderhandlung Aserbaidschans heranzuziehen sind bzw. was die Missachtung bindender Entscheidungen seitens des h\u00f6chsten Gerichts der Vereinten Nationen f\u00fcr Aserbaidschan, die Staatengemeinschaft aber auch internationale Gerichte bedeuten.<\/p>\n<p><strong>Darstellung der Antr\u00e4ge auf Erlass vorsorglicher Ma\u00dfnahmen <\/strong><\/p>\n<p><em>Armenien vs. Aserbaidschan <\/em><\/p>\n<p>Der Latschin-Korridor steht seit der am 10. November 2020 unterzeichneten <a href=\"https:\/\/dearjv.de\/die-erklaerung-armeniens-aserbaidschans-und-russlands-vom-10-november-2020-zum-karabach-konflikt-aus-voelkerrechtlicher-sicht\/\">trilateralen Erkl\u00e4rung<\/a> und der damit einhergehenden Beendigung des Dritten Berg-Karabach Krieges unter der Kontrolle russischer Friedenstruppen. Unabh\u00e4ngig weiterer bewaffneter Zusammenst\u00f6\u00dfe seither (<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/armenien-aserbaidschan-grenzkonflikt-101.html\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/armenien-meldet-dutzende-getoetete-soldaten-beim-kampf-mit-aserbaidschan-a-dfc0bb9a-0c5c-4d4b-89cf-67faef976e31\">hier<\/a>), eskaliert der Konflikt vor allem seit der am 12. Dezember 2022 errichteten Blockade sogenannter \u201eUmweltaktivisten\u201c, die den Korridor von und zu Berg-Karabach versperrt haben. Diese Blockade stellt inzwischen eine humanit\u00e4re Krise f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.amnesty.de\/informieren\/aktuell\/aserbaidschan-armenien-bergkarabach-latschin-korridor-blockade\">120.000 Einwohner<\/a> Berg-Karabachs dar. Obgleich der Tatsache, dass die Republik Aserbaidschan gem\u00e4\u00df der <a href=\"https:\/\/dearjv.de\/die-erklaerung-armeniens-aserbaidschans-und-russlands-vom-10-november-2020-zum-karabach-konflikt-aus-voelkerrechtlicher-sicht\/\">trilateralen Erkl\u00e4rung<\/a> verpflichtet ist, eine sichere Bewegung im Latschin-Korridor f\u00fcr B\u00fcrger:innen, Fahrzeuge und Last in beiden Richtungen zwischen Berg-Karabach und der Republik Armenien zu garantieren, kommt Aserbaidschan seiner internationalen Verpflichtung nicht nach. Im Rahmen der seit 2021 beim IGH anh\u00e4ngigen Gerichtsverhandlungen (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/case\/180\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/case\/181\">hier<\/a>) zum Internationalen \u00dcbereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (ICERD), machte die Republik Armenien in dem <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/180\/180-20221227-WRI-01-00-EN.pdf\">Antrag<\/a> auf Erlass vorsorglicher Ma\u00dfnahmen vom 28. Dezember 2022 geltend, dass die instrumentalisierten \u201eUmweltaktivisten\u201c die langj\u00e4hrige Politik der ethnischen S\u00e4uberung Aserbaidschans unterst\u00fctzten, und die Blockade ausschlie\u00dflich darauf abziele, Lebensbedingungen zu schaffen, die f\u00fcr ethnische Armenier so unertr\u00e4glich seien, dass sie gezwungen werden, das Gebiet zu verlassen. Des Weiteren versto\u00dfe die Blockade gegen das Recht auf Bewegungsfreiheit, das Recht auf \u00f6ffentliche Gesundheitsf\u00fcrsorge, \u00e4rztliche Betreuung, soziale Sicherheit und soziale Dienstleistungen (Abschalten der Gaslieferung) und stelle damit eine Verletzung zahlreicher Artikel des ICERDs dar <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">(\u00a7\u00a7 30-31<\/a>).<\/p>\n<p>Aserbaidschan behauptete, dass die Umweltaktivisten nicht von Aserbaidschan orchestriert seien, sondern dass diese vielmehr gegen Armeniens anhaltende Pl\u00fcnderung nat\u00fcrlicher Ressourcen Aserbaidschans demonstrierten. Zudem h\u00e4tten seit Beginn der Demonstrationen mehr als 1000 Fahrzeuge sowie Fahrzeuge des Internationalen Kommitees vom Roten Kreuz den Latschin-Korridor passiert und es g\u00e4be keine Beweise daf\u00fcr, dass es in Berg-Karabach an Ern\u00e4hrung und medizinischer Versorgung mangele. Au\u00dferdem seien die Gaslieferungen von Armeniern \u00fcberversorgt und man sei f\u00fcr das Abschalten der Gaslieferung nicht verantwortlich <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">(\u00a7\u00a7 32-34<\/a>).<\/p>\n<p><em>Aserbaidschan vs. Armenien <\/em><\/p>\n<p>Auch Aserbaidschan ersuchte am 4. Januar 2023 zum zweiten Mal vor dem IGH den <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/181\/181-20230103-WRI-01-00-EN.pdf\">Erlass<\/a> vorsorglicher Ma\u00dfnahmen, mit der Begr\u00fcndung, dass es neue Beweise g\u00e4be, wonach Armenien entgegen der Erkl\u00e4rung aus dem Jahr 2021 nicht nur weiterhin absichtlich Antipersonenlandminen in zivilen Gebieten verlege, sondern dass im Oktober 2022 \u201eneu konstruierte\u201c Sprengfallen aus milit\u00e4rischer Ausr\u00fcstung gefunden worden seien, die durch Stolperdraht aktiviert und absichtlich in Zivilh\u00e4usern versteckt w\u00fcrden, in die Aserbaidschaner zur\u00fcckkehren sollten (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/181\/181-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7\u00a7 16-17<\/a>). Das erste Ersuchen wurde seitens des IGHs am 7. Dezember 2021 mit der Begr\u00fcndung abgelehnt, dass die ICERD dem Staat Armenien weder eine ausdr\u00fcckliche Pflicht auferlegt, Minen zu entsch\u00e4rfen bzw. das Verlegen von Landminen einzustellen noch Aserbaidschan hinreichende Beweise vorlegen konnte, dass Armenien mittels der Landminen, Personen aserbaidschanischer nationaler oder ethnischer Herkunft einer Ungleichberechtigung aussetze (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/181\/181-20211207-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 53<\/a>).<\/p>\n<p>Armenien entgegnete, dass die Minenlegung nur in den souver\u00e4nen Gebieten Armeniens zum Zwecke der Selbstverteidigung erfolgt sei und die trilaterale Erkl\u00e4rung keine Bestimmungen enthalte, die den Konfliktparteien Ma\u00dfnahmen zur St\u00e4rkung ihrer milit\u00e4rischen Positionen verbiete (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/181\/181-20211207-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a719<\/a>). Mithin f\u00fchrte Armenien an, dass die angeblich seit August 2022 entdeckten Landminen eben nicht in den von Aserbaidschan aufgef\u00fchrten zivilen Gegenden gefunden worden seien, sondern wenn nur in Gebieten l\u00e4gen, in denen sich keine zivilen Siedlungen bef\u00e4nden. Die Sprengfallen h\u00e4tten auch von Personen aufgestellt werden k\u00f6nnen, die gezwungen waren, die Gebiete und ihre H\u00e4user im Zuge der trilateralen Erkl\u00e4rung zu verlassen, diese aber nicht zu den regul\u00e4ren Milit\u00e4reinheiten Armeniens geh\u00f6rten (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/181\/181-20211207-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a720<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Kurzumriss der IGH-Entscheidungen<\/strong><\/p>\n<p>Der IGH hielt es in seiner Anordnung Armenien vs. Aserbaidschan f\u00fcr plausibel, dass durch die Blockade des Latschin-Korridors (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a739<\/a>) zwei der drei von Armenien vorgetragenen Rechtverletzungen einschl\u00e4gig sind und es einen Zusammenhang zwischen den beantragten vorsorglichen Ma\u00dfnahmen zum Schutz der plausiblen Rechte gibt, auf die sich Armenien im Rahmen des ICERD beruft. Der Gerichtshof best\u00e4tigte, dass seit dem 12. Dezember 2022 mehrere negative Konsequenzen f\u00fcr die ethnischen Armenier aus Berg-Karabach entstanden sind, die f\u00fcr das Leben und die Gesundheit Einzelner nachteilige Auswirkungen haben kann. Der Gerichtshof kam zu dem Ergebnis, dass die behauptete Missachtung der vom Gericht f\u00fcr plausibel gehaltenen Rechte gem\u00e4\u00df Art. 41(1) IGH-Statut irreparable Folgen f\u00fcr diese Rechte haben kann und dass Dringlichkeit in dem Sinne der realen und unmittelbaren Gefahr besteht, dass ein nicht wiedergutzumachender Schaden eintritt, bevor das Gericht eine endg\u00fcltige Entscheidung in der Rechtssache trifft (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 57<\/a>)<\/p>\n<p>Der Gerichthof entschied, dass Aserbaidschan alle die ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Ma\u00dfnahmen ergreifen muss, um den ungehinderten Personen-, Fahrzeug- und Frachtverkehr entlang des Latschin-Korridors in beiden Richtungen zu gew\u00e4hrleisten (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/public\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 67<\/a>).<\/p>\n<p>Im Fall Aserbaidschan vs. Armenien lehnte der IGH den Antrag Aserbaidschans auf Erlass vorsorglicher Ma\u00dfnahmen erneut mit dem Verweis auf seine bereits am 7. Dezember 2021 gef\u00e4llte Entscheidung (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/181\/181-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 53<\/a>) ab und wiederholte, dass Aserbaidschan erneut keine Beweise vorlegen konnte, dass das mutma\u00dfliche Verhalten Armeniens in Bezug auf Landminen den Zweck oder die Wirkung hat, die Anerkennung, den Genuss oder gleichberechtigte Aus\u00fcbung von Rechten von Personen aserbaidschanischer nationaler und ethnischer Herkunft aufzuheben oder zu beeintr\u00e4chtigen (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/181\/181-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 22<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Rechtsfolgen und Ma\u00dfnahmen im Falle einer Zuwiderhandlung <\/strong><\/p>\n<p>Es stellt sich mithin die Frage, welche Rechtsfolgen derartige Anordnungen haben aber vor allem welche Ma\u00dfnahmen im Falle einer Zuwiderhandlung getroffen werden k\u00f6nnen. Die Entscheidungen des IGHs, als Hauptrechtssprechungsorgan der Vereinten Nationen, sind f\u00fcr die Streitparteien gem\u00e4\u00df Artikel 59 IGH-Statut i. V. m. Art 94 (1) <a href=\"https:\/\/unric.org\/de\/charta\/\">UN-Charta<\/a> bindend (siehe <a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/104\/104-20010627-JUD-01-00-EN.pdf\">La Grand<\/a>, paras. 102 ff.). In jedem seiner Anordnungen betont der Gerichtshof den bindenden Rechtscharakter ebendieser (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/104\/104-20010627-JUD-01-00-EN.pdf\">La Grand<\/a>, para. 109), welche v\u00f6lkerrechtliche Verpflichtungen f\u00fcr jede Partei schaffen, an die die vorsorglichen Ma\u00dfnahmen gerichtet sind (<a href=\"https:\/\/www.icj-cij.org\/sites\/default\/files\/case-related\/180\/180-20230222-ORD-01-00-EN.pdf\">\u00a7 65<\/a>). Die daraus resultierenden Rechtsfolgen sind eindeutig: Die Staaten haben der Anordnung vorsorglicher Ma\u00dfnahmen des IGHs zu folgen und die Pflicht, diese umgehend umzusetzen. Wenn der zur Anordnung berufene Staat dieser Verpflichtung nicht nachkommt, gibt es sowohl rechtliche als auch politische Ma\u00dfnahmen, die in Betracht gezogen werden k\u00f6nnen. Zu unterscheiden sind hier zudem noch zwei unterschiedliche Ebenen: W\u00e4hrend die eine Ebene die Beziehung von Staat zu Gerichtshof regelt, besch\u00e4ftigt sich die andere mit der zwischenstaatlichen Dimension. Festzuhalten ist, dass der Versto\u00df gegen die vom IGH erlassenen vorsorglichen Ma\u00dfnahmen eine international v\u00f6lkerrechtswidrige Handlung (<a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/32404830\/RESPONSIBILITY_FOR_BREACH_OF_PROVISIONAL_MEASURES_OF_THE_ICJ_BETWEEN_PROTECTION_OF_THE_RIGHTS_OF_THE_PARTIES_AND_RESPECT_FOR_THE_JUDICIAL_FUNCTION\">Palchetti<\/a>, S. 5) darstellt. Wenn es mithin um die zwischenstaatliche Dimension geht, ist es dem gesch\u00e4digten Staat rechtlich m\u00f6glich, die Rechtsverletzung gem\u00e4\u00df <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;ved=2ahUKEwiw2cnh4cT9AhUcg_0HHUH7AI0QFnoECAwQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Flegal.un.org%2Filc%2Ftexts%2Finstruments%2Fenglish%2Fdraft_articles%2F9_6_2001.pdf&amp;usg=AOvVaw0Tl510D2_E0SLp4H4BRoxL\">Artikel 12<\/a> <em>der Draft Articles on Responsibility of States for Internationally Wrongful Acts<\/em> (ASR) gegen den sich im Rechtsbruch befindenden Staat erneut vor dem IGH geltend zu machen.\u00a0 Die sich aus dem Rechtsbruch ergebenen Folgen sind in den Artikeln <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;ved=2ahUKEwiw2cnh4cT9AhUcg_0HHUH7AI0QFnoECAwQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Flegal.un.org%2Filc%2Ftexts%2Finstruments%2Fenglish%2Fdraft_articles%2F9_6_2001.pdf&amp;usg=AOvVaw0Tl510D2_E0SLp4H4BRoxL\">28 ff. ASR<\/a> zu finden, wonach der im Rechtsbruch befindende Staat zu versichern hat, dass er die v\u00f6lkerrechtswidrige Handlung unterl\u00e4sst und nicht wiederholt als auch dem gesch\u00e4digten Staat gegebenenfalls Wiedergutmachung zu leisten hat. Ferner stellt sich die Frage, ob sich der gesch\u00e4digte Staat rechtlich auch gem\u00e4\u00df Artikel 59 IGH-Statut i. V. m. Art 94 (2) UN-Charta an den UN-Weltsicherheitsrat wenden k\u00f6nnte. Gem\u00e4\u00df Art. 94 (2) UN-Charta kann der Sicherheitsrat, sofern sich eine Streitpartei nicht an seine Verpflichtungen h\u00e4lt, \u201eEmpfehlungen abgeben oder Ma\u00dfnahmen beschlie\u00dfen, um dem Urteil Wirksamkeit zu verschaffen.\u201c Es ist durchaus strittig, ob Anordnungen in den Wortlaut von Art. 94 (2) UN-Charta fallen, welcher explizit auf Urteile verweist (<a href=\"https:\/\/www.zaoerv.de\/36_1976\/36_1976_1_3_a_654_680.pdf\">Oellers-Frahm<\/a>, S.\u00a0662). Bei einer <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/899274\/6a63bd8ab894ad6165db6bb1655a4115\/Die-Eilentscheidung-des-Internationalen-Gerichtshofs-vom-16-Maerz-2022-Ukraine-Russland-data.pdf\">restriktiven Auslegung<\/a> tut er dies nicht. Artikel 41 (1) IGH-Statut und damit der Erlass vorsorglicher Ma\u00dfnahmen w\u00fcrde jedoch ad absurdum laufen, wenn diese Ma\u00dfnahmen von vornherein rechtlich nicht durchsetzbar w\u00e4ren und demnach die Entscheidung solcher Anordnungen v\u00f6llig in Frage stellten. Ungeachtet der nicht einhelligen Auslegung \u00e4ndert dies letztlich nichts daran, dass der IGH gem\u00e4\u00df Artikel 41 (2) IGH-Statut den UN-Sicherheitsrat umgehend \u00fcber die vorsorglichen Ma\u00dfnahmen zu unterrichten hat und der gesch\u00e4digte Staat den Sicherheitsrat, zwar nicht gem\u00e4\u00df Artikel 94 (2) UN-Charta, jedoch nach Kapitel VI der UN-Charta, \u00fcber die Nicht-Einhaltung der Anordnung des IGHs in Kenntnis setzen kann (Artikel 35 (1) UN-Charta).<\/p>\n<p>Betrachtet man die Ma\u00dfnahmen ersterer Ebene, von Staat zu IGH, die das Gericht im Falle der Zuwiderhandlung seiner Anordnung geltend machen kann, ist festzuhalten, dass diese Ma\u00dfnahmen mehr symbolischen Charakter haben, als den sich nicht v\u00f6lkerrechtskonformen Staat unmittelbar durch Restriktionen zur Einhaltung aufzufordern. Erstens kann der IGH die Nicht-Einhaltung der Anordnung \u00f6ffentlich feststellen und verurteilen. Zweitens steht dem Gerichtshof theoretisch die M\u00f6glichkeit zu, diesen Rechtsbruch ebenfalls mit ihm zustehenden Mitteln zu sanktionieren, z.B. durch den Erlass zus\u00e4tzlicher Kosten (<a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/32404830\/RESPONSIBILITY_FOR_BREACH_OF_PROVISIONAL_MEASURES_OF_THE_ICJ_BETWEEN_PROTECTION_OF_THE_RIGHTS_OF_THE_PARTIES_AND_RESPECT_FOR_THE_JUDICIAL_FUNCTION\">Palchetti<\/a>, S. 19) oder der Androhung der Aussetzung des Hauptverfahrens (<a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/32404830\/RESPONSIBILITY_FOR_BREACH_OF_PROVISIONAL_MEASURES_OF_THE_ICJ_BETWEEN_PROTECTION_OF_THE_RIGHTS_OF_THE_PARTIES_AND_RESPECT_FOR_THE_JUDICIAL_FUNCTION\">Palchetti<\/a>, S. 19). Diese Sanktionsmechanismen sind sicherlich nicht abschlie\u00dfend und sehr individuell zu treffen, jedoch finden sie praktisch kaum Anwendung, so dass es ferner bei der M\u00f6glichkeit bleibt \u2013 wie bereits festgestellt \u2013 die Verantwortlichkeit des sich im Rechtsbruch befindenden Staates festzustellen und dem gesch\u00e4digten Staat <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/the-icj-order-in-ukraine-v-russia\/\">Entsch\u00e4digungen<\/a> f\u00fcr die entstandenen Sch\u00e4den zuzusprechen.<\/p>\n<p>Politisch hingegen k\u00f6nnen die Staatengemeinschaft und internationale Institutionen, als Exekutivorgane des IGHs, auf das pflichtwidrige Verhalten Aserbaidschans reagieren und vehement an dessen Implementierung appellieren. Es ist die \u00f6ffentlich internationale Verurteilung, die einen gro\u00dfen Reputationsschaden, f\u00fcr den sich im v\u00f6lkerrechtwidrigen Bruch befindlichen Staat darstellt. Nicht nur innerhalb der internationalen Staatsbeziehungen, sondern auch f\u00fcr die noch anh\u00e4ngigen Verfahren vor internationalen Gerichten, in diesem Fall dem IGH. Auch f\u00fcr letzteren, als Hauptrechtssprechungsorgan der Vereinten Nationen, ist die Durchsetzung seiner Anordnung sowohl mittels rechtlichen als auch politischen Mitteln essentiell, um nicht nur den Respekt derartiger Anordnungen zu wahren, sondern ebenfalls den Abschreckungsmoment solcher Entscheidungen nicht zu unterlaufen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Anordnung des IGHs vom 22. Februar 2023 stellt eine wichtige Direktive in Richtung der Gerechtigkeit dar. Doch es erscheint fraglich, was derartige Entscheidungen internationaler Gerichte \u00fcberhaupt bewirken, wenn diese seitens der an sie gerichteten Staaten nicht umgesetzt werden. Wie innerhalb der Darstellung m\u00f6glicher unterschiedlicher Ma\u00dfnahmen der Staaten und des IGHs deutlich wurde, liegt der Durchsetzungsmechanismus vielmehr bei den Staaten als bei dem IGH selbst. So hat sich der IGH bis zum heutigen Tag noch nicht \u00f6ffentlich zur Nicht-Einhaltung seiner Anordnung ge\u00e4u\u00dfert, wohingegen die Staatengemeinschaft und internationale Institutionen bereits Stellung genommen haben. Neben dem UN-Generalsekret\u00e4r, der auf die \u00a0<a href=\"https:\/\/www.un.org\/sg\/en\/content\/sg\/statement\/2023-02-24\/statement-attributable-the-spokesman-for-the-secretary-general-the-orders-of-the-international-court-of-justice-the-proceedings-between-armenia-and-azerbaijan\">Verbindlichkeit der Anordnung<\/a> hinwies, haben sowohl die <a href=\"https:\/\/www.eeas.europa.eu\/eeas\/armeniaazerbaijan-statement-spokesperson-order-issued-icj_en?s=216\">EU<\/a> als auch die <a href=\"https:\/\/pace.coe.int\/en\/news\/8986\">Berichterstatter<\/a> der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) f\u00fcr die \u00dcberwachung Armeniens bereits auf die Anordnung des IGHs aufmerksam gemacht und die Republik Aserbaidschan dazu aufgefordert, sowohl ihren Pflichten aus der trilateralen Erkl\u00e4rung als auch der bindenden IGH-Anordnung nachzukommen. Neben einigen Au\u00dfenministerien verschiedener L\u00e4nder, die inzwischen Statements zur Durchsetzung der Entscheidung des IGHs und der Aufl\u00f6sung der Blockade ver\u00f6ffentlichten (z.B. <a href=\"https:\/\/www.diplomatie.gouv.fr\/en\/country-files\/armenia\/news\/article\/armenia-azerbaijan-order-from-the-international-court-of-justice-regarding-the\">hier<\/a>), hat ebenfalls der Vertreter Armeniens in internationalen Rechtsangelegenheiten <a href=\"https:\/\/armenpress.am\/eng\/news\/1105102.html\">bekr\u00e4ftigt<\/a>, dass der Gang zum UN-Sicherheitsrat nicht unwahrscheinlich, wenngleich auch kompliziert sei.\u00a0 Es ginge nun darum, maximal politischen Druck auszu\u00fcben, um nicht nur die Inhalte der trilateralen Erkl\u00e4rung geltend zu machen, sondern ebenfalls die verbindlichen Anordnungen des IGH umzusetzen, um die bereits bestehende humanit\u00e4re Katastrophe in Berg-Karabach zu beenden und weiteren Verst\u00f6\u00dfen vorzubeugen.<\/p>\n<p>Durch die bisherige Au\u00dferachtlassung der Anordnung des Gerichts b\u00fc\u00dft Aserbaidschan nicht nur viel Glaubw\u00fcrdigkeit ein, sondern es wird auch jedem Abschreckungsmoment zuwidergelaufen, solche v\u00f6lkerrechtswidrigen Handlungen nicht auch zuk\u00fcnftig, ohne jedwede Folgen auszu\u00fcben. Auch, wenn der Anordnung des IGHs noch nicht Folge geleistet wurde, ist sie dennoch eine sehr wichtige Entscheidung f\u00fcr die in Berg-Karabach lebende armenische Bev\u00f6lkerung. Es bleibt zu hoffen, dass sich Aserbaidschan doch noch an die rechtlich verbindliche Anordnung h\u00e4lt und den ungehinderten Zugang von und aus Berg-Karabach nach Armenien erm\u00f6glicht; ob durch die dem IGH bzw. den Staaten rechtlich oder politisch zustehenden Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bezug auf die von sogenannten \u201eUmweltaktivisten\u201c errichtete Blockade des Latschin-Korridors seit dem 12. Dezember 2022 und der damit einhergehenden humanit\u00e4ren Krise in Berg-Karabach, erlie\u00df der Internationale Gerichtshof (IGH) am 22. Februar 2023 \u00a0aufgrund des von der Republik Armenien eingereichten Antrages auf Erlass vorsorglicher Ma\u00dfnahmen eine\u00a0 Anordnung (13:2 Votum, zus\u00e4tzliche Erkl\u00e4rungen hier und hier). \u00a0In [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6639],"tags":[5954,5955,3641,5617],"authors":[7217,7216],"article-categories":[6000],"doi":[],"class_list":["post-19528","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","tag-armenia","tag-azerbaijan","tag-international-courts","tag-provisional-measures","authors-gurgen-petrossian","authors-sarah-babaian","article-categories-article"],"acf":{"subline":"Wie Anordnungen des Gerichts ausgehebelt werden"},"meta_box":{"doi":"10.17176\/20230306-185028-0"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19528"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19547,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19528\/revisions\/19547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19528"},{"taxonomy":"authors","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/authors?post=19528"},{"taxonomy":"article-categories","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/article-categories?post=19528"},{"taxonomy":"doi","embeddable":true,"href":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/doi?post=19528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}