{"id":16227,"date":"2022-01-14T14:00:58","date_gmt":"2022-01-14T13:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=16227"},"modified":"2022-01-15T11:06:16","modified_gmt":"2022-01-15T10:06:16","slug":"das-ende-des-al-khatib-verfahrens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/das-ende-des-al-khatib-verfahrens\/","title":{"rendered":"Das Ende des Al-Khatib-Verfahrens"},"content":{"rendered":"<p>Am 13. Januar 2022 endete der weltweit erste Prozess wegen Staatsfolter in Syrien. Das OLG Koblenz <a href=\"https:\/\/olgko.justiz.rlp.de\/de\/startseite\/detail\/news\/News\/detail\/lebenslange-haft-ua-wegen-verbrechens-gegen-die-menschlichkeit-und-wegen-mordes-urteil-gegen-ein-1\/\">verurteilte<\/a> Anwar R. zu lebenslanger Haft wegen T\u00f6tung, Folter, schwerwiegender Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und sexueller N\u00f6tigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach \u00a7 7 I Nr. 1, 5, 6, 9 VStGB. Das Urteil gegen seinen urspr\u00fcnglichen Mitangeklagten Eyad A. <a href=\"https:\/\/www.amnesty.ch\/de\/laender\/europa-zentralasien\/deutschland\/dok\/2021\/urteil-im-koblenz-prozess\">erging<\/a> bereits im Februar 2021. Nicht zuletzt aufgrund dieses Verfahrens sieht sich Deutschland als Vorreiter bei der Verfolgung internationaler Verbrechen. Doch ist diese Annahme auch begr\u00fcndet?<\/p>\n<p><strong>Warum Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Grundlage des Verfahrens ist das in \u00a7 1 VStGB niedergelegte Weltrechtsprinzip. Danach k\u00f6nnen deutsche Gerichte V\u00f6lkerrechtsverbrechen selbst dann verfolgen, wenn die Tat, wie im vorliegenden Fall, im Ausland begangen wurde und weder Opfer noch T\u00e4ter:innen deutsche Staatsb\u00fcrger:innen sind. Die Generalbundesanwaltschaft (GBA) f\u00fchrt zahlreiche <a href=\"https:\/\/zis-online.com\/dat\/artikel\/2019_12_1334.pdf\">Strukturermittlungsverfahren<\/a> zu verschiedenen Konfliktregionen weltweit, wobei ein besonderer <a href=\"https:\/\/www.generalbundesanwalt.de\/DE\/Unsere_Aufgaben\/Voelkerstrafrecht\/Voelkerstrafrecht-node.html;jsessionid=302E63644EF8FB25DDFC6852BB41C153.internet542\">Schwerpunkt<\/a> auf dem syrischen B\u00fcrgerkrieg liegt. Sie bilden die Grundlage f\u00fcr sp\u00e4tere personenbezogene Ermittlungen, die schlussendlich in einem Strafverfahren m\u00fcnden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Das Verfahren <\/strong><\/p>\n<p>Das Al-Khatib-Verfahren drehte sich im Kern um die Zust\u00e4nde im gleichnamigen Damaszener Gef\u00e4ngnis der Abteilung 251 des Syrischen Allgemeinen Geheimdienstes. Nach den Feststellungen in den Urteilen leitete Anwar R. die <a href=\"https:\/\/olgko.justiz.rlp.de\/de\/startseite\/detail\/news\/News\/detail\/lebenslange-haft-ua-wegen-verbrechens-gegen-die-menschlichkeit-und-wegen-mordes-urteil-gegen-ein-1\/\">zugeh\u00f6rige Verh\u00f6rabteilung<\/a>. Eyad A. arbeitete f\u00fcr die Unterabteilung 40, die unter anderem f\u00fcr <a href=\"https:\/\/olgko.justiz.rlp.de\/de\/startseite\/detail\/news\/News\/detail\/urteil-gegen-einen-mutmasslichen-mitarbeiter-des-syrischen-geheimdienstes-wegen-beihilfe-zu-einem-ver\/\">Festnahmen und anschlie\u00dfende \u00dcberf\u00fchrungen in das Gef\u00e4ngnis<\/a> zust\u00e4ndig war. <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/olg-koblenz-staatsfolter-syrien-geheimdienst-voelkerstrafrecht-verbrechen-gegen-menschlichkeit\/\">Eyad A.<\/a> erw\u00e4hnte seine Geheimdienstt\u00e4tigkeit w\u00e4hrend seiner Anh\u00f6rung im Asylverfahren, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/dec\/12\/my-goal-is-justice-for-all-syrians-one-mans-journey-from-jail-to-witness-for-the-prosecution\">Anwar R.<\/a> w\u00e4hrend einer Zeugenvernehmung.<\/p>\n<p>Die Ermittlungen profitierten von einer engen <a href=\"https:\/\/www.globalpolicyjournal.com\/blog\/12\/05\/2020\/partial-return-universal-jurisdiction-syrian-torturers-trial-germany\">Kooperation mit ausl\u00e4ndischen Beh\u00f6rden<\/a>, sowie der <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/dec\/12\/my-goal-is-justice-for-all-syrians-one-mans-journey-from-jail-to-witness-for-the-prosecution\">syrischen<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/fall\/weltweit-erster-prozess-zu-staatsfolter-in-syrien-vor-dem-olg-koblenz\/\">deutschen<\/a> Zivilgesellschaft. Diese identifizierten und vermittelten Zeug:innen vor allem aus der syrischen Diaspora und erm\u00f6glichten ihre Befragung in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Die <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/EN\/HRBodies\/HRC\/IICISyria\/Pages\/AboutCoI.aspx\">UN-Untersuchungskommission f\u00fcr Syrien<\/a>, der Mechanismus f\u00fcr die Ermittlung dort begangener V\u00f6lkerrechtsverbrechen (<a href=\"https:\/\/iiim.un.org\/\">IIIM<\/a>) sowie die private Ermittlungsorganisation <a href=\"https:\/\/cijaonline.org\/\">CIJA<\/a> lieferten wichtige Hintergrundinformationen (s. <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/en\/case\/trial-updates-first-trial-worldwide-on-torture-in-syria\/\">Prozessbeobachtungen<\/a>, Tag 28).<\/p>\n<p>Am 23. April 2020 <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/news\/2020-04\/23\/prozessauftakt-gegen-mutmasslichen-syrischen-folterer?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F\">er\u00f6ffnete<\/a> das OLG Koblenz dann das Verfahren gegen die beiden Angeklagten. An 108 Verhandlungstagen vernahm das Gericht vor allem \u00dcberlebende, ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und Ermittlungsbeamt:innen. Auch der Vorsitzende von CIJA <a href=\"https:\/\/cijaonline.org\/news\/2020\/11\/19\/cija-testifies-in-case-of-anwar-ruslan\">sagte aus<\/a>. Ein K\u00f6lner Pathologe analysierte die ber\u00fcchtigten <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/report\/2015\/12\/16\/if-dead-could-speak\/mass-deaths-and-torture-syrias-detention-facilities\">Caesar-Fotos<\/a>.<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage <a href=\"https:\/\/syriaaccountability.org\/library\/inside-the-raslan-trial-the-al-gharib-verdict-in-detail\/\">verurteilte<\/a> das OLG Koblenz Eyad A. nach Abtrennung seines Verfahrens am 24. Februar 2021 zu viereinhalb Jahren Haft wegen Beihilfe zu Folter und schwerwiegender Freiheitsberaubung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gem. \u00a7 7 I Nr. 5, 9, II VStGB.<\/p>\n<p><strong>Bedeutung<\/strong><\/p>\n<p>Beide Urteile enthalten bedeutsame Feststellungen auch f\u00fcr k\u00fcnftige Verfahren. Das Gericht entschied, dass das syrische Regime sp\u00e4testens ab Ende April 2011 einen systematischen Angriff gegen die Zivilbev\u00f6lkerung durchf\u00fchrte. Das damit etablierte sog. Kontextelement ist Voraussetzung s\u00e4mtlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und somit zentral f\u00fcr etwaige k\u00fcnftige Verfahren zum Syrienkonflikt. Die Richter:innen f\u00fchrten einzelne Angriffe \u00fcber eine ungebrochene <a href=\"https:\/\/www.justiceinfo.net\/en\/46100-syrian-trial-germany-orders-came-from-very-top.html\">Befehlskette<\/a> auf die hochrangig besetzte zentrale Stelle f\u00fcr Krisenmanagement (\u201eCentral Crisis Management Cell\u201c) zur\u00fcck, die Baschar al-Assad direkt unterstellt ist. Dar\u00fcber hinaus enthalten beide Urteile detaillierte Feststellungen zu den Haftumst\u00e4nden im Al-Khatib-Gef\u00e4ngnis und dokumentieren insbesondere Folter, sexualisierte Gewalt, T\u00f6tungen und unmenschliche Behandlungen.<\/p>\n<p>Auf rechtlicher Ebene versagte das Gericht den Angeklagten eine funktionelle Immunit\u00e4t als Staatsbediensteten. Die Richter:innen folgten damit der <a href=\"https:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=116372&amp;pos=0&amp;anz=1\">Rechtsprechung des BGH<\/a> und schufen einen weiteren Pr\u00e4zedenzfall zur Beibehaltung der <a href=\"https:\/\/www.justsecurity.org\/75596\/on-functional-immunity-of-foreign-officials-and-crimes-under-international-law\/\">umstrittenen<\/a> <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/jicj\/article-abstract\/19\/3\/697\/6381462?redirectedFrom=PDF\">geltenden Rechtslage<\/a>. Das Gericht lehnte auch einen m\u00f6glichen entschuldigenden Notstand der Angeklagten als Befehlsempf\u00e4nger gem. \u00a7 35 StGB ab. <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/olg-koblenz-staatsfolter-syrien-geheimdienst-voelkerstrafrecht-verbrechen-gegen-menschlichkeit\/\">Eyad A.<\/a> sei zu lange auf seiner Position geblieben und habe sich sp\u00e4ter freiwillig zur\u00fcckversetzen lassen. <a href=\"https:\/\/olgko.justiz.rlp.de\/de\/startseite\/detail\/news\/News\/detail\/lebenslange-haft-ua-wegen-verbrechens-gegen-die-menschlichkeit-und-wegen-mordes-urteil-gegen-ein-1\/\">Anwar R.<\/a> h\u00e4tte Syrien bereits zu einem deutlich fr\u00fcheren Zeitpunkt verlassen k\u00f6nnen. In Anbetracht der Schwere der ver\u00fcbten Straftaten sei es ihm auch unter Inkaufnahme hoher pers\u00f6nlicher Risiken zumutbar gewesen, sich den Taten zu entziehen. Nur im Fall von Eyad A. werteten die Richter:innen seine Einbindung in die syrische <a href=\"https:\/\/syriaaccountability.org\/wp-content\/uploads\/Koblenz-Interim-Report_English_PUB-1.pdf\">Befehlsstruktur<\/a> und den daraus folgenden Handlungsdruck als minder schweren Fall nach \u00a7 7 II VStGB.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Urteil damit bedeutsame Feststellungen traf, litt das Verfahren unter teils gravierenden M\u00e4ngeln.<\/p>\n<p><strong>Mangelhafter Zeug:innenschutz<\/strong><\/p>\n<p>Ein Problem lag in der <a href=\"https:\/\/www.justiceinfo.net\/en\/44982-syrian-torture-trial-in-germany-insiders-without-protection.html\">Bedrohung<\/a> von Zeug:innen und ihrer Familien in Syrien. Mangels Einflusses im Tatortstaat konnte das Gericht kaum etwas dagegen unternehmen. Mit R\u00fccksicht auf die Verteidigungsrechte durften nur wenige Zeug:innen <a href=\"https:\/\/www.justiceinfo.net\/en\/44982-syrian-torture-trial-in-germany-insiders-without-protection.html\">anonymisiert<\/a> aussagen. Die wichtigen und umfassenden Aussagen syrischer Zeug:innen belegen damit auch deren gro\u00dfen Mut. Deutsche Beh\u00f6rden k\u00f6nnten hier zum Teil vom <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10609-012-9173-5\">Schutzprogramm<\/a> des Internationalen Strafgerichtshofes lernen. Zwar hat dies in manchen F\u00e4llen <a href=\"https:\/\/www.icc-cpi.int\/itemsDocuments\/261119-otp-statement-kenya-eng.pdf\">dramatisch versagt<\/a>, in anderen aber Schutz unter schwierigen Umst\u00e4nden geboten.<\/p>\n<p>Zeug:innen wurden anderen Risiken unn\u00f6tig ausgesetzt. F\u00fcr viele war die Vernehmung psychisch belastend (s. <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/en\/case\/trial-updates-first-trial-worldwide-on-torture-in-syria\/\">Prozessbeobachtungen<\/a>, z.B. Tag 20, 22\/23, 30\/31). Obwohl dies bei der Schwere der verhandelten Verbrechen absehbar war, hatten sie keinen psychologischen Beistand. Das Gericht oder andere Prozessbeteiligte h\u00e4tten hier auf entsprechende Unterst\u00fctzung hinwirken k\u00f6nnen \u2013 durch Einbindung ehrenamtlicher Strukturen oder eine Beiordnung einer psychosozialer Prozessbegleitung gem. \u00a7 406g StPO. Im Kern zeigte sich hier aber ein Vers\u00e4umnis des Gesetzgebers: \u00a7 406g StPO greift nur f\u00fcr die Katalogstraftaten des \u00a7 397a StPO, zu denen Verbrechen des VStGB nicht geh\u00f6ren. Zwar verwirklichen V\u00f6lkerstraftaten regelm\u00e4\u00dfig Verbrechen des \u00a7 397a StPO mit, \u00dcberlebende von V\u00f6lkerstraftaten sind aber nicht unbedingt auch \u00dcberlebende der Katalogstraftaten. Diese gesetzliche L\u00fccke ist unverst\u00e4ndlich und kann, wie das Koblenzer Verfahren zeigt, schwere Folgen f\u00fcr \u00dcberlebende und die Wahrheitsfindung haben.<\/p>\n<p><strong>Die ignorierte Dimension <\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Gericht trotz der M\u00e4ngel des Zeug:innenschutzes den komplexen Strafprozess gut f\u00fchrte, versagte es auf anderer Ebene. Als das weltweit erste Verfahren wegen Staatsfolter in Syrien hatte das Al-Khatib-Verfahren auch eine politisch-historische Komponente. <a href=\"https:\/\/www.arabnews.com\/node\/1662221\/middle-east\">Prozessbeteiligte<\/a> (s. auch <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/en\/case\/trial-updates-first-trial-worldwide-on-torture-in-syria\/\">Statements<\/a> der Nebenkl\u00e4ger:innen Alghamian und Hawash sowie <a href=\"https:\/\/beck-online.beck.de\/Dokument?vpath=bibdata%2Fzeits%2Fnstz%2F2017%2Fcont%2Fnstz.2017.1.1.htm&amp;anchor=Y-300-Z-NSTZ-B-2017-S-1-N-1\">Frank\/Schneider-Glockzin: Terrorismus und V\u00f6lkerstraftaten im bewaffneten Konflikt, NStZ 2017, 1<\/a>, 7), die <a href=\"https:\/\/sl-center.org\/language\/en\/archives\/1580\">syrische Zivilgesellschaft<\/a> und auch die damaligen Justiz- und Au\u00dfenminister:innen <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/Folterprozess-Wie-ein-Gericht-Berichterstattung-erschwert,folterprozess108.html\">Lambrecht<\/a> und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/heikomaas\/status\/1364562951697498114\">Maas<\/a> erwarteten berechtigterweise, dass es zur historischen Wahrheitsfindung und Aufarbeitung des Konfliktes beitragen w\u00fcrde. International ist diese Dimension von V\u00f6lkerstrafrechtsprozessen anerkannt, etwa beim <a href=\"https:\/\/www.elgaronline.com\/view\/edcoll\/9781781955307\/9781781955307.00024.xml\">Internationalen Strafgerichtshof<\/a> oder in der <a href=\"https:\/\/timep.org\/commentary\/analysis\/the-koblenz-trial-transitional-justice-and-the-work-ahead\/\">Transitional Justice<\/a>, die sich der rechtlichen Aufarbeitung systematischer Menschenrechtsverletzungen widmet. Der rigide Rahmen des Strafverfahrens eignet sich zwar nur bedingt zur Erf\u00fcllung solcher Erwartungen. Die Prozessbeteiligten h\u00e4tten aber im Rahmen des M\u00f6glichen versuchen sollen, der historisch-politischen Dimension des Prozesses gerecht zu werden. Dies vers\u00e4umten die GBA und das Gericht nicht nur. Das Gericht blockierte auch Anstrengungen in diese Richtung.<\/p>\n<p>Bereits die selektive Auswahl der Anklagepunkte erschwerte eine umfassende Aufkl\u00e4rung der Verbrechen. Die <a href=\"https:\/\/www.generalbundesanwalt.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2019\/Pressemitteilung-vom-29-10-2019.html\">Anklageschrift<\/a> verfolgte sexuelle N\u00f6tigung und Vergewaltigung zun\u00e4chst nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gem. \u00a7 7 I Nr. 6 VStGB, sondern als Straftaten nach \u00a7 177 StGB a.F. Damit stufte die GBA diese Taten als <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/justiz\/j\/gba-bundesanwaltschaft-syrien-haftbefehl-geheimdienst-sexualisierte-kriegsgewalt-voelkerstrafrecht\/\">losgel\u00f6st und isoliert<\/a> vom systematischen Angriff auf die Zivilgesellschaft ein \u2013 entgegen internationaler <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/Documents\/HRBodies\/HRCouncil\/CoISyria\/A-HRC-37-CRP-3.pdf\">Erkenntnisse<\/a>. Erst auf Antrag von Nebenkl\u00e4ger:innen <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/nachrichten\/n\/olg-koblenz-prozess-staatsfolter-syrien-sexualisierte-gewalt-verbrechen-gegen-menschlichkeit\/\">erm\u00f6glichte das Gericht<\/a> durch einen rechtlichen Hinweis nach \u00a7 265 I StPO eine <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/german-law-journal\/article\/will-universal-jurisdiction-advance-accountability-for-sexualized-and-genderbased-crimes-a-view-from-within-on-progress-and-challenges-in-germany\/40564A7948E1EE8645F18EF251EEDEE2\">Aufarbeitung<\/a> sexualisierter Gewalt als V\u00f6lkerrechtsverbrechen. Den gleichlautenden <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/fileadmin\/Juristische_Dokumente\/20210721_Executive_Summary_Enforced_Disappearences_alKhatib.pdf\">Antrag<\/a> der Nebenkl\u00e4ger:innen hinsichtlich des zwangsweisen Verschwindenlassens nach \u00a7 7 I Nr. 7 a) VStGB lehnte das Gericht hingegen ab und belie\u00df es bei dieser <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/missing-perspectives\/\">L\u00fccke in der Aufarbeitung<\/a>. Nebenkl\u00e4ger <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/en\/case\/trial-updates-first-trial-worldwide-on-torture-in-syria\/\">Hussein Ghrer<\/a> machte diesen Tatbestand zwar daraufhin eindrucksvoll zum Kern seines Schlussvortrages. Eine echte Aufarbeitung konnte er aber nat\u00fcrlich nicht ersetzen.<\/p>\n<p>Selbst soweit die l\u00fcckenhafte Anklage eine Aufarbeitung der Verbrechen erm\u00f6glichte, konnten die Betroffenen nur schwer von ihr profitieren. Die Dokumentation deutscher Strafprozesse ist bereits von Gesetzes wegen <a href=\"https:\/\/www.bmj.de\/SharedDocs\/Artikel\/DE\/2021\/0701_Dokumentation_Hauptverhandlung.html\">unzureichend<\/a>. Hauptverhandlungen vor den Oberlandesgerichten werden weder aufgenommen noch inhaltlich protokolliert. Diesen <a href=\"https:\/\/www.bmj.de\/SharedDocs\/Artikel\/DE\/2021\/0701_Dokumentation_Hauptverhandlung.html\">deutschen Sonderweg<\/a> hat das OLG Koblenz noch versch\u00e4rft, indem es sich beharrlich weigerte, arabischsprachigen Journalist:innen die existierende Verfahrens\u00fcbersetzung zug\u00e4nglich zu machen und das Verfahren auf Tonband aufzunehmen.<\/p>\n<p>Dolmetscher:innen \u00fcbersetzten das gesamte Verfahren f\u00fcr die Angeklagten ins Arabische. Es h\u00e4tte kaum Aufwand bedeutet, der Saal\u00f6ffentlichkeit ebenfalls Zugang zu erm\u00f6glichen. Mehrfach boten <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2020\/bvg20-079.html\">Journalist:innen<\/a> an, die Kosten daf\u00fcr zu \u00fcbernehmen. Nebenkl\u00e4ger:innen boten an, die f\u00fcr sie bereitgelegten Kopfh\u00f6rer bei ihrer h\u00e4ufigen Abwesenheit abzugeben. Das <a href=\"https:\/\/www.thenewhumanitarian.org\/2021\/10\/21\/syrian-war-crimes-trial-germany-will-justice-be-lost-translation\">Gericht lehnte ab<\/a>, so dass meist mehrere ungenutzte Kopfh\u00f6rer die \u00dcbersetzung ins Nichts \u00fcbertrugen, obwohl sie wenige Meter entfernt gebraucht wurden. Selbst einen <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2020\/bvg20-079.html\">Eilbeschluss<\/a> des Bundesverfassungsgericht, der Journalist:innen Zugang zur \u00dcbersetzung gew\u00e4hrte, legte das OLG Koblenz derart eng aus, dass er <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/universal-jurisdiction-without-universal-outreach\/\">wirkungslos<\/a> blieb. Als einzige Ausnahme lie\u00df das Gericht die Urteilsverk\u00fcndung gegen Eyad A. \u00fcber Lautsprecher ins Arabische \u00fcbersetzen. Sichtlich bewegt best\u00e4tigte eine syrische Aktivistin, dass dies einen <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/de\/feature\/2022\/01\/06\/seeking-justice-for-syria\/how-an-alleged-intelligence-officer-was-put-on-trial-in-germany\">enormen Unterschied<\/a> gemacht habe. Die vorherige beharrliche Weigerung des Gerichts verleiht dieser Ausnahme allerdings den bitteren Beigeschmack einer vermeintlich gn\u00e4digen Geste.<\/p>\n<p>Die historisch-politische Dimension des Verfahrens verkannte das Gericht auch bei seiner <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/justiz\/j\/ton-aufname-gerichte-justiz-historische-quelle-zeitgeschichte-gvg-dokumentation\/\">Weigerung<\/a>, \u00a7 169 II 1 GVG anzuwenden. Dieser erlaubt es, Verfahren von zeitgeschichtlicher Bedeutung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland zu wissenschaftlichen und historischen Zwecken auf Tonband aufzunehmen. Das Gericht lehnte mehrere entsprechende <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/fileadmin\/flipbooks\/al-khatib\/de\/#2\">Anregungen<\/a> unter Verweis auf die m\u00f6gliche <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/justiz\/j\/ton-aufname-gerichte-justiz-historische-quelle-zeitgeschichte-gvg-dokumentation\/\">Beeinflussung von Zeug:innen<\/a> und die fehlende Bedeutung des Verfahrens ab. Letzteres steht symptomatisch f\u00fcr das fehlende Bewusstsein des Gerichts \u00fcber die besondere Dimension des Verfahrens. Auch das erste Argument erscheint fragw\u00fcrdig. Die internationale Praxis h\u00e4lt keine Anhaltspunkte f\u00fcr die Beeinflussung von Zeug:innenaussagen durch Tonbandaufnahmen bereit. M\u00f6gliche b\u00f6swillige Akteur:innen konnten die Aussagen bereits \u00fcber die Saal\u00f6ffentlichkeit verfolgen. Hingegen hat der Gesetzgeber Tonbandaufnahmen nach \u00a7 169 II 1 GVG <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/18\/101\/1810144.pdf\">\u201est\u00e4hlern<\/a>\u201c gegen\u00fcber unerw\u00fcnschten Zugriffen ausgestaltet. Bundes- oder Landesarchive k\u00f6nnen sie erst 30 Jahre nach Aufnahme und fr\u00fchestens zehn Jahre nach dem Tod der aufgenommenen Personen verf\u00fcgbar machen, \u00a7\u00a7 11 I, II BArchG, 3 III ArchGRLP. Eine Verk\u00fcrzung der Fristen f\u00fcr Forschungsvorhaben ist nur nach Abw\u00e4gung mit den schutzw\u00fcrdigen Belangen der Betroffenen m\u00f6glich, \u00a7 12 IV BArchG, \u00a7 3 IV Nr. 3 ArchGRLP. In anderen Verfahren d\u00fcrfen die Aufnahmen nicht verwendet werden, \u00a7 169 II 3 GVG. H\u00e4tte das OLG Koblenz trotz dieser Vorkehrungen im Einzelfall Anhaltspunkte f\u00fcr eine Beeinflussung gesehen, h\u00e4tte es die Aufnahmen jederzeit stoppen k\u00f6nnen, \u00a7 169 I 2 GVG.<\/p>\n<p>Mit diesen Entscheidungen erschwerte das Gericht unn\u00f6tig die Verbreitung, Verarbeitung und Erforschung der Verfahrensinhalte. Dadurch schm\u00e4lerte es den durch geographische, sprachliche und kulturelle Grenzen ohnehin <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/Globalizing-Justice-for-Mass-Atrocities-A-Revolution-in-Accountability\/Sriram\/p\/book\/9780415544900\">beschr\u00e4nkten Einfluss<\/a> eines Prozesses, dessen internationale Wirkungskraft von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist. Mag das Zur\u00fcckschrecken vor ungew\u00f6hnlichen Ma\u00dfnahmen in der Logik eines Strafprozesses nachvollziehbar sein; mit Blick auf die historisch-politische Dimension des Verfahrens hat das Gericht hier irreparablen Schaden verursacht.<\/p>\n<p><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n<p>Das Al-Khatib-Verfahren hat einmal mehr gezeigt, dass deutsche Strafverfolgungsbeh\u00f6rden komplexe Nachweise von V\u00f6lkerstraftaten f\u00fchren k\u00f6nnen, auch dank internationaler Kooperation und Unterst\u00fctzung der Zivilgesellschaft. Verschwiegen werden sollte jedoch nicht, dass auch die Selbstbelastung der Angeklagten <a href=\"https:\/\/syriaaccountability.org\/wp-content\/uploads\/Koblenz-Interim-Report_English_PUB-1.pdf\">unerl\u00e4sslich<\/a> f\u00fcr den Verfahrenserfolg war.<\/p>\n<p>Das Verfahren offenbarte zudem gesetzgeberischen Handlungsbedarf. Die psychische Gesundheit der Zeug:innen sollte der Gesetzgeber durch eine Erg\u00e4nzung der Katalogstraftaten des \u00a7 397a StPO sch\u00fctzen. M\u00f6glichkeiten erweiterten Zeug:innenschutzes k\u00f6nnte der Internationale Strafgerichtshof aufzeigen. Mit Blick auf das Kernproblem des Verfahrens kann der Gesetzgeber der GBA und den Gerichten zwar kein Bewusstsein f\u00fcr die Bedeutung der Dokumentation und des Zugangs zu derartigen Prozessen \u2013 nat\u00fcrlich unter Beachtung der engen Grenzen eines Strafverfahrens \u2013 auferlegen. Er k\u00f6nnte aber bei derartigen Verfahren einen Anspruch auf Zugang zu \u00dcbersetzungen auch f\u00fcr Journalist:innen schaffen. Das gerichtliche Ermessen f\u00fcr Tonbandaufnahmen k\u00f6nnte er begrenzen und Entscheidungen \u00fcberpr\u00fcfbar machen oder die Entscheidung einer <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/justiz\/j\/ton-aufname-gerichte-justiz-historische-quelle-zeitgeschichte-gvg-dokumentation\/\">neutralen Stelle<\/a> \u00fcbertragen. Bei entsprechender Ausgestaltung der Speicherung k\u00f6nnte auch die geplante <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/nachrichten\/n\/dav-rechtspolitik-buschmann-justiz-strafverfahren-hauptverhandlung-videoaufzeichnung\/\">Reform<\/a> der Dokumentation von Strafprozessen Abhilfe schaffen.<\/p>\n<p>Dass derartige Reformen n\u00f6tig sind, zeigt ein Blick \u00fcber Koblenz hinaus. Zahlreiche weitere V\u00f6lkerstrafprozesse finden derzeit hierzulande statt \u2013 Tendenz steigend. Deutschland wird nur dann den (eigenen) Erwartungen an diese Verfahren gerecht, wenn es aus den Problemen des Al-Khatib-Verfahrens lernt. Das j\u00fcngst vor dem OLG Frankfurt am Main <a href=\"https:\/\/ordentliche-gerichtsbarkeit.hessen.de\/pressemitteilungen\/menschlichkeit\">er\u00f6ffnete<\/a> Hauptverfahren gegen einen syrischen Arzt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit offenbart die Dringlichkeit dieses Anliegens: Zuschauer:innen ist dort das <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/olg-frankfurt-mitschreibeverbot-alaa-m-koller-oeffentlichkeitsgrundsatz-staatschutzsenat\/?utm_source=Eloqua&amp;utm_content=WKDE_LEG_NSL_LTO_Daily_EM&amp;utm_campaign=wkde_leg_mp_lto_daily_ab13.05.2019&amp;utm_econtactid=CWOLT000025717589&amp;utm_medium=&amp;utm_crmid=\">Mitschreiben in der Verhandlung<\/a> verboten.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Beide Autor:innen haben zeitweise (von 2016-2017 bzw. 2020) beim ECCHR gearbeitet und waren in diesem Rahmen mit der Aufarbeitung von Staatsfolter in Syrien und teilweise mit dem Al-Khatib-Verfahren befasst. Die in diesem Beitrag getroffenen Aussagen erfolgen in privater Funktion.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 13. Januar 2022 endete der weltweit erste Prozess wegen Staatsfolter in Syrien. Das OLG Koblenz verurteilte Anwar R. zu lebenslanger Haft wegen T\u00f6tung, Folter, schwerwiegender Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und sexueller N\u00f6tigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach \u00a7 7 I Nr. 1, 5, 6, 9 VStGB. 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