{"id":13899,"date":"2021-05-18T09:13:38","date_gmt":"2021-05-18T07:13:38","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=13899"},"modified":"2021-05-18T17:04:39","modified_gmt":"2021-05-18T15:04:39","slug":"international-abwechslungsreich-politisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/international-abwechslungsreich-politisch\/","title":{"rendered":"International, abwechslungsreich, politisch?"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDu studierst V\u00f6lkerrecht? \u2013 Wirst du Diplomat*in?\u201c \u2013 so (oder so \u00e4hnlich) k\u00f6nnte man sich als aufstrebende*r Jurist*in im Schwerpunktstudium den Beginn einer Unterhaltung mit (fachfremden) Kommiliton*innen vorstellen. Auch wenn die berufsperspektivische Gleichung \u201eV\u00f6lkerrecht = Diplomatie\u201c schnell als arg verk\u00fcrzt erscheinen d\u00fcrfte, stellt sich, bei genauerer Betrachtung, durchaus die Frage: was konkret anfangen mit weitreichenden Kenntnissen im internationalen Wirtschaftsrecht, im Friedenssicherungsrecht, im internationalen Umweltrecht oder der internationalen Strafjustiz?<\/p>\n<p>Diese Frage stand am Beginn unserer Veranstaltungsreihe \u201eV\u00f6lkerrechtslunch\u201c, die gestern zu Ende ging. Das zentrale Anliegen der Redaktion war hierbei zweigeteilt: Zum einen sollte die Vielfalt, die Varianz und Vielschichtigkeit m\u00f6glicher Wege ins V\u00f6lkerrecht nachgezeichnet werden. Im Rahmen von insgesamt zw\u00f6lf moderierten mitt\u00e4glichen Gespr\u00e4chsformaten wurden somit die unterschiedlichsten Zugriffe auf dieses breit gef\u00e4cherte juristische Teilgebiet abgedeckt \u2013 von V\u00f6lkerrechtler*innen aus diplomatischem Elternhaus \u2013 denen die internationale Laufbahn quasi in die Wiege gelegt wurde \u2013 bis hin zu Menschenrechtsanw\u00e4lt*innen, deren Kampf f\u00fcr die Rechte des Einzelnen erst mit der Zeit eine internationale Dimension erhielt. Sofern \u00fcberhaupt m\u00f6glich findet sich hier bereits die alle V\u00f6lkerrechtslunch-Teilnehmer*innen einende \u201emotivationale Klammer\u201c: der tiefsitzende und treibende Wunsch nach einer T\u00e4tigkeit in einem internationalen Kontext, das Hinausgehen in die Welt, die Offenheit f\u00fcr Herausforderungen und Sachverhalte jenseits nationaler, teils als einschr\u00e4nkend empfundener Grenzen \u2013 sowie, selbstredend, die Kombination mit spannenden juristischen Sachverhalten.<\/p>\n<p>Zum anderen bestand die Absicht der Veranstalter*innen nicht zuletzt darin aufzuzeigen, welche Herausforderungen sich im Rahmen der beruflichen Besch\u00e4ftigung mit dem V\u00f6lkerrecht stellen und wie die Referent*innen \u2013 aus ganz unterschiedlichen Perspektiven \u2013 auf eben jene Anforderungen reagieren (k\u00f6nnen) bzw. welche F\u00e4higkeiten sie im Umgang mit diesen Anforderungen als zentral empfinden. Ein \u201eRealit\u00e4tsabgleich\u201c zwischen etwaig bestehenden Vorstellungen einer v\u00f6lkerrechtlich ausgerichteten beruflichen Laufbahn (in Abwandlung des Einstiegs: \u201eIch werde Diplomat*in!) mit den tats\u00e4chlichen Gegebenheiten an eine solche T\u00e4tigkeit bildete somit ein weiteres Anliegen der Veranstaltungsreihe. Gleichzeitig konnte auf diese Weise zudem ein kleiner, jedoch gerade in Zeiten einer globalen Pandemie dennoch wichtiger Beitrag zur juristischen Ausbildung geleistet werden, indem das zentrale Thema der Berufsfeldorientierung in Zeiten fehlender Karrieremessen allgemein zug\u00e4nglich in den Fokus genommen wurde.<\/p>\n<p>Aber abseits der Intention der Veranstalter*innen: was k\u00f6nnen wir nach nunmehr zw\u00f6lf v\u00f6lkerrechtlichen Lunches \u00fcber die Motivationen, Herausforderungen und Empfehlungen hinsichtlich einer beruflichen T\u00e4tigkeit im v\u00f6lkerrechtlichen Kontext sagen? Ohne freilich Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu erheben stellen sich hierbei, nach wiederholtem Nachlesen der <a href=\"mailto:https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/symposium\/volkerrechtslunch\/\">hier<\/a> verf\u00fcgbaren \u201e5-Fragen-Interviews\u201c sowie dem Anschauen der einzelnen Lunches, einige spannende Muster heraus.<\/p>\n<p><strong>\u201eHinaus in die Welt\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Mit Blick auf die Frage nach dem \u201eWarum?\u201c einer v\u00f6lkerrechtlichen Laufbahn best\u00e4tigte sich die bereits oben beschriebene \u201emotivationale Klammer\u201c: der Wunsch nach einer international ausgerichteten T\u00e4tigkeit, verbunden mit einem tiefsitzenden Interesse an Fragen der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, des (internationalen) Menschenrechtsschutzes oder der Beendigung der Straflosigkeit f\u00fcr V\u00f6lkerrechtsverbrechen \u2013 diese Motive wurden von allen Referent*innen betont, teils erg\u00e4nzt von pers\u00f6nlicher Pr\u00e4gung durch Familie, Dozent*innen oder Kommiliton*innen. Obgleich nicht zwingend vorgezeichnet best\u00e4tigten die Vitae einer ganzen Reihe von Referent*innen zugleich: der (juristische) Weg hinaus in die Welt f\u00fchrt in vielen F\u00e4llen in der Tat in die nationalen Au\u00dfenministerien oder internationale Organisationen, somit in die \u201eklassischen\u201c v\u00f6lkerrechtlichen Bet\u00e4tigungsfelder. Insbesondere mit Blick auf T\u00e4tigkeiten im Bereich des Menschenrechtsschutz zeigte sich zugleich: die Zug\u00e4nge zum internationalen Recht sind heute diverser als in fr\u00fcheren Dekaden, obgleich weiterhin durch teilweise \u201etraditionelle\u201c Muster gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der Wunsch nach einer T\u00e4tigkeit \u201edrau\u00dfen in der Welt\u201c l\u00e4sst sich nicht ohne R\u00fcckgriff auf die pers\u00f6nlich empfundenen Besonderheiten und Reize des V\u00f6lkerrechts begreifen: so breit wie der berufliche Hintergrund unserer Referent*innen, so unterschiedlich gestaltete sich deren pers\u00f6nliche Faszination f\u00fcr dieses Rechtsgebiet: vom Fehlen einer zentralen Rechts(durch-)setzungsinstanz, der Politikn\u00e4he und Interdisziplinarit\u00e4t einer v\u00f6lkerrechtlichen T\u00e4tigkeit, bis hin zu deren schier unersch\u00f6pflichen Anwendungsbereichen, dem Einnehmen einer dezidierten Au\u00dfenperspektive auf (welt-)politisches Geschehen bis hin zu metajuristischen Qualit\u00e4ten des V\u00f6lkerrechts als zivilisierender Rechtsordnung und ordnende universelle Sprache, mit welcher sich der Blick auf den Globus und die internationale Politik einfangen lassen \u2013 die Besonderheiten des V\u00f6lkerrechts als genuinem und vielf\u00e4ltigem Rechtsgebiet wurden durchweg betont.<\/p>\n<p>Hiermit verbunden thematisierten unsere Referent*innen jedoch auch die vielf\u00e4ltigen Herausforderungen, denen sich das internationale Recht sowie die multilaterale internationale Ordnung insgesamt erwehren m\u00fcssen: die Distanzierung staatlicher Akteure von einer normbasierten internationalen Ordnung, die stetige Neu- und Uminterpretation sowie Kontestation v\u00f6lkerrechtlicher Normen und die somit beg\u00fcnstigte, fortgesetzte Schw\u00e4chung des Multilateralismus insgesamt wurden unisono als zentrale Konfliktlinien benannt. Auffallend hierbei war zugleich, dass diese Tendenzen nicht einseitig der Ignoranz oder dem bewussten Kalk\u00fcl autorit\u00e4rer M\u00e4chte zugeschrieben, sondern zugleich einer Bigotterie bzw. Gleichg\u00fcltigkeit des Westens angelastet wurden. Die Um- bzw. Durchsetzung zentraler v\u00f6lker- und menschenrechtliche Normen (bzw. deren Nicht-Durchsetzung) wurde hierbei \u2013 gemeinsam mit Aspekten wie der Straflosigkeit f\u00fcr V\u00f6lkerrechtsverbrechen, der Krise westlicher Demokratien sowie der erodierenden Akzeptanz v\u00f6lkerrechtlicher Verpflichtungen \u2013 als aktuelle Kernherausforderungen des internationalen Rechts herausgearbeitet, insb. vor dem Hintergrund alternativer v\u00f6lkerrechtlicher Narrative wie bspw. im Falle Chinas.<\/p>\n<p><strong>Das v\u00f6lkerrechtliche Skill-Set<\/strong><\/p>\n<p>Welcher F\u00e4higkeiten bedarf es nun, sich diesen Herausforderungen im Rahmen einer v\u00f6lkerrechtlichen Laufbahn zu stellen? Auf diese, f\u00fcr angehende Jurist*innen zentrale Frage, wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe selbstverst\u00e4ndlich ausgiebig eingegangen. Geben wir uns f\u00fcr einen Moment einem Gedankenexperiment hin und entwerfen \u2013 basierend auf den Berichten unserer Referent*innen \u2013 den\/die idealtypische*n V\u00f6lkerrechter*in: ein mit Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Diplomatie und (internationale) Politik beschlagendes Individuum, belastbar, gedanklich flexibel, von ausgeglichenem Gem\u00fct, geduldig und resilient, empathisch und (kulturell) sensibel, mit guten Nerven und innerer Unabh\u00e4ngigkeit versehen. Zugleich textaffin und sprachbegabt, mit Verhandlungsgeschick, Kreativit\u00e4t, Kompromissbereitschaft und sprachlicher Finesse ausgestattet sowie starken kommunikativen F\u00e4higkeiten und schneller Auffassungsgabe gesegnet. Hervorragende juristisch-fachliche Kenntnisse, Mehrsprachigkeit, interkulturelle Skills sowie strategisches Geschick runden abschlie\u00dfend das Anforderungsprofil ab. Ach ja: von Vorteil w\u00e4re zugleich, mit gesundem Menschenverstand handelnd komplexe Sachverhalte auf das Wesentliche reduzieren zu k\u00f6nnen. Klingt doch gar nicht so schwierig, oder?<\/p>\n<p>An dieser Stelle verlassen wir z\u00fcgig dieses \u00fcberspitzte Gedankenexperiment, k\u00f6nnen allerdings festhalten, dass die T\u00e4tigkeit im internationalen Kontext \u2013 freilich je nach konkreter inhaltlicher Ausgestaltung und Umgebung mit Unterschieden versehen \u2013 einer Vielzahl an F\u00e4higkeiten bedarf, die \u00fcber im Studium angeeignete Kenntnisse und Skill-Sets teils weit hinausreichen. Ganz im Sinne der Veranstaltungsreihe hatten unsere Referent*innen abschlie\u00dfend auch hierf\u00fcr eine Reihe hilfreicher Vorschl\u00e4ge bereit, um sich einer (zuk\u00fcnftigen) T\u00e4tigkeit im internationale Recht anzun\u00e4hern: ein offener Geist, der Glaube an die eigenen F\u00e4higkeiten sowie der Mut sich dem Unbekannten und Fremden zu stellen \u2013 diese Eigenschaften scheinen f\u00fcr junge V\u00f6lkerrechtler*innen unabdingbar zu sein. Das genuine und tiefsitzende Interesse an einer T\u00e4tigkeit im internationalen Rahmen \u2013 auch unter Ber\u00fccksichtigung m\u00f6glicher Unw\u00e4gbarkeiten, wie beispielsweise der zunehmenden Unsicherheit oder gar Prekarisierung von Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen u.a. in internationalen Organisationen \u2013 wurde durch die Veranstaltungsreihe hinweg immer wieder ins Zentrum ger\u00fcckt, ebenso wie das (zumindest in Teilen) nicht immer ausreichend hierauf vorbereitende Jurastudium \u2013 die Bereitschaft sich \u00fcber den Lernstoff hinaus im Rahmen von Moot Courts, durch Praktika im Ausland oder dem Erwerb zus\u00e4tzlicher Fremdsprachenkenntnisse gezielt auf eine internationale Laufbahn vorzubereiten sollte insbesondere dem juristischen Ausbildungsbetrieb weiterhin Ansporn zu praxisn\u00e4herer und anwendungsbezogener Lehrplangestaltung sein.<\/p>\n<p><strong>\u201eWerde ich jetzt eigentlich Diplomat*in?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage wird \u2013 auch nach der V\u00f6lkerrechtslunch-Reihe \u2013 weiterhin jede*r f\u00fcr sich selbst beantworten m\u00fcssen (ausgeschlossen ist dies sicherlich nicht). Was aber bleibt nach nunmehr zw\u00f6lf gemeinsamen (obgleich virtuellen) Mittagsessen mit v\u00f6lkerrechtlicher Begleitmusik? Vielleicht dies: das internationale Recht ist ein gro\u00dfer juristischer Spielplatz mit seinen ganz eigenen Nischen und Ecken, auf dem sich zurechtfinden nicht immer einfach ist, der seinen Besucher*innen aber eine einzigartige thematische Vielfalt und abwechslungsreiche Bet\u00e4tigungsfelder offenbart. Die Anforderungen sind oftmals hoch \u2013 man denke nur an die beinahe obligatorische Mehrsprachigkeit oder die am besten langj\u00e4hrige Auslandserfahrung in m\u00f6glichst unterschiedlichen L\u00e4ndern. Allen Referent*innen war jedoch \u201eunterm Strich\u201c die Begeisterung f\u00fcr ihre wirklich internationale T\u00e4tigkeit an oftmals hochpolitischen, juristisch anspruchsvollen sowie (zumindest in Teilen) greifbar sinnstiftenden T\u00e4tigkeitsfeldern anzumerken. Wo ein*e jede*r den pers\u00f6nlichen Schwerpunkt zu setzen gedenkt ist eine andere Frage; vielleicht ist einfach die Begeisterung f\u00fcr das internationale Recht in all seinen Facetten die gemeinsame Klammer, die Referent*innen und Teilnehmer*innen hier zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Was bleibt also? Nun, der V\u00f6lkerrechtslunch wird weitergehen! Und obgleich die genauen Details noch erarbeitet werden, k\u00f6nnen wir sagen: unsere Mittagessen werden sich ver\u00e4ndern \u2013 und insbesondere auch berufliche Karrierewege f\u00fcr junge V\u00f6lkerrechtler*innen au\u00dferhalb des deutschsprachigen Raums aufzeichnen. Auf diese neuen und spannenden Einblicke freuen wir uns \u2013 stay tuned!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDu studierst V\u00f6lkerrecht? \u2013 Wirst du Diplomat*in?\u201c \u2013 so (oder so \u00e4hnlich) k\u00f6nnte man sich als aufstrebende*r Jurist*in im Schwerpunktstudium den Beginn einer Unterhaltung mit (fachfremden) Kommiliton*innen vorstellen. 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