{"id":12983,"date":"2021-03-29T14:00:42","date_gmt":"2021-03-29T12:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=12983"},"modified":"2021-05-10T07:31:25","modified_gmt":"2021-05-10T05:31:25","slug":"fuenf-fragen-an-prof-dr-joerg-polakiewicz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/fuenf-fragen-an-prof-dr-joerg-polakiewicz\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Fragen an Prof. Dr. J\u00f6rg Polakiewicz"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 5. April 2021 (12 bis 13 Uhr) ist Herr Prof. Dr. J\u00f6rg Polakiewicz der neunte Gast in unserer Gespr\u00e4chsreihe \u201c<a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/events\/volkerrechtslunch\/\">V\u00f6lkerrechtslunches<\/a>\u201c. Er ist Direktor der Rechts- und V\u00f6lkerrechtsabteilung des Europarates.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>In insgesamt zw\u00f6lf Online-Gespr\u00e4chsterminen laden wir v\u00f6lkerrechtliche Expert*innen aus der Praxis zu einst\u00fcndigen Gespr\u00e4chen ein, in welchen sie in ihren Werdegang sowie ihre jetzige T\u00e4tigkeit Einblick gew\u00e4hren. Anschlie\u00dfend haben Studierende und andere Interessierte die Gelegenheit, Fragen zu Karriere und T\u00e4tigkeit zu stellen (der Veranstaltungshinweis und das Programm sowie die Zugangsdaten f\u00fcr Zoom finden sich <\/em><strong><a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/articles\/events\/volkerrechtslunch\/\"><em>hier<\/em><\/a><\/strong><em>).\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Bereits im Vorfeld stand Herr Polakiewicz uns Rede und Antwort:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum haben Sie sich f\u00fcr eine v\u00f6lkerrechtliche Karriere entschieden?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines Studiums hatte ich die M\u00f6glichkeit, ein Jahr in Genf zu verbringen. Dies gab mir die M\u00f6glichkeit, nicht nur Jura zu studieren, einschlie\u00dflich internationales Recht in Franz\u00f6sisch, sondern auch an einem Seminar am Graduate Institute of International and Development Studies von Prof. Georges Abi-Saab teilzunehmen. Sp\u00e4ter verbrachte ich sieben Jahre am Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht und promovierte unter der Leitung von Prof. Jochen Abr. Frowein. Diese beiden Erfahrungen, die sowohl viele Kontakte als auch den Austausch mit Studierenden sowie Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt beinhalteten, waren ein starker Anreiz f\u00fcr eine Karriere im V\u00f6lkerrecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was macht das V\u00f6lkerrecht f\u00fcr Sie besonders?<\/strong><\/p>\n<p>Die Themenvielfalt und die Zusammenarbeit mit Kollegen unterschiedlicher Herkunft und Kultur machen es zu einer besonders anregenden Erfahrung. Vielleicht mehr als in einem rein nationalen Rechtskontext m\u00fcssen Sie auf Analogien zur\u00fcckgreifen und sich an Ihre Gespr\u00e4chspartner anpassen. Auch die Arbeit in verschiedenen Sprachen, in meinem Fall haupts\u00e4chlich in Englisch und Franz\u00f6sisch, macht die Arbeit interessanter, aber manchmal auch herausfordernd. Im Rechtsdienst des Europarates sind wir nur ein Dutzend Juristinnen und Juristen, die nicht nur in Fragen des V\u00f6lkerrechts oder des institutionellen Rechts des Europarates beraten, sondern auch in privatrechtlichen Fragen wie Vertr\u00e4gen, Urheberrecht oder internen Personalvorschriften. Wir vertreten den Generalsekret\u00e4r in Klagen, die Mitarbeiter vor das Verwaltungsgericht, eine interne Gerichtsbarkeit, bringen. Von Zeit zu Zeit pl\u00e4diere ich selbst vor diesem Tribunal, was eine bereichernde \u00dcbung sein kann, selbst wenn ich gegen meine eigenen Kolleginnen und Kollegen pl\u00e4dieren muss, mit denen ich in der Vergangenheit m\u00f6glicherweise zusammengearbeitet habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das V\u00f6lkerrecht im 21. Jahrhunderts?<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der die Autorit\u00e4t des V\u00f6lkerrechts umstritten ist und nicht wenige Politikerinnen und Politiker in einigen L\u00e4ndern den R\u00fcckzug aus wichtigen internationalen Abkommen fordern. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, dass die nationalen Beh\u00f6rden und Gerichte die internationalen Rechtsstandards benutzen und einhalten. Das V\u00f6lkerrecht ist keine Zwangsjacke, sondern eine unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr eine wirksame multilaterale Zusammenarbeit. Meiner Ansicht nach spielt Europa in dieser Hinsicht eine besondere Rolle. Europa mag heutzutage in Bezug auf Bev\u00f6lkerung oder Wirtschaftsmacht weniger z\u00e4hlen, aber es bleibt beispielhaft als eine Region der Welt, in der die internationalen Beziehungen auf Rechtsstaatlichkeit und einem zunehmend engeren Netz internationaler Konventionen und Vertr\u00e4ge beruhen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche \u00fcberraschenden F\u00e4higkeiten ben\u00f6tigen Sie f\u00fcr ihren Beruf?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht mehr als in einem nationalen Kontext erfordert die Arbeit in einer internationalen Organisation ein gewisses Ma\u00df an Diplomatie und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr kulturelle Vielfalt. Sie haben st\u00e4ndig mit Personen zu tun, die aus unterschiedlichen Hintergr\u00fcnden kommen und verschiedenen Rechtstraditionen entstammen. Sie m\u00fcssen aufgeschlossen und bereit sein zu akzeptieren, dass der gleiche Kommunikationsinhalt von unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen je nach Erziehung und Sozialisierung sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Als F\u00fchrungskraft m\u00fcssen Sie sich m\u00f6glicher Unterschiede bewusst sein und Ihre Managementstile entsprechend anpassen. Ich glaube fest an einen partizipativen Stil, muss aber zugeben, dass dies in einer sehr heterogenen Gruppe nicht immer funktioniert hat. Insbesondere wenn Sie mit dringenden Entscheidungen konfrontiert werden, m\u00fcssen Sie schnell und entschieden handeln, um Ergebnisse zu erzielen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie Ihrem 20-j\u00e4hrigem ich gerne sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ihn sicherlich ermutigen, eine Karriere im V\u00f6lkerrecht zu verfolgen, aber um ganz ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich ebenso stark empfehlen w\u00fcrde, eine Karriere in einer internationalen Organisation anzustreben. Karrieremuster in internationalen Organisationen sind ziemlich unsicher oder sogar prek\u00e4r geworden. Junge Kolleginnen und Kollegen, auch die kl\u00fcgsten, werden heute nur befristete Vertr\u00e4ge mit ungewissen Aussichten angeboten. Gleichzeitig gibt es zunehmenden Druck durch Kostensenkungen, Bewertungen und Audits. Ich m\u00f6chte nicht missverstanden werden. Wenn Sie \u00f6ffentliche Gelder ausgeben, m\u00fcssen Sie zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist jedoch traurig zu sehen, wie viel Zeit erfahrene Juristinnen oder Diplomaten heutzutage damit verbringen, ihre T\u00e4tigkeit zu rechtfertigen oder Excel-Tabellen und Frageb\u00f6gen von Unternehmensberatungen ausf\u00fcllen, um die Finanzministerien der Mitgliedstaaten davon zu \u00fcberzeugen, dass jeder Cent gut angelegt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. April 2021 (12 bis 13 Uhr) ist Herr Prof. Dr. J\u00f6rg Polakiewicz der neunte Gast in unserer Gespr\u00e4chsreihe \u201cV\u00f6lkerrechtslunches\u201c. Er ist Direktor der Rechts- und V\u00f6lkerrechtsabteilung des Europarates. 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