{"id":12492,"date":"2021-03-01T15:00:37","date_gmt":"2021-03-01T14:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=12492"},"modified":"2021-04-19T21:59:29","modified_gmt":"2021-04-19T19:59:29","slug":"volkerrechtslunch-funf-fragen-an-dr-nicola-wenzel-bmjv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/volkerrechtslunch-funf-fragen-an-dr-nicola-wenzel-bmjv\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Fragen an Dr. Nicola Wenzel"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 8. M\u00e4rz 2021 (12 bis 13 Uhr) ist Frau Dr. Nicola Wenzel der sechste Gast in unserer Gespr\u00e4chsreihe \u201c<a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/events\/volkerrechtslunch\/\">V\u00f6lkerrechtslunches<\/a>\u201c. Frau Dr. Wenzel ist Leiterin des Referats IV C 1 (Menschenrechte) beim Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz sowie die Verfahrensbevollm\u00e4chtigte der Bundesregierung vor dem Europ\u00e4ischem Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte.<\/em><\/p>\n<p><em>In insgesamt zw\u00f6lf Online-Gespr\u00e4chsterminen laden wir v\u00f6lkerrechtliche Expert*innen aus der Praxis zu einst\u00fcndigen Gespr\u00e4chen ein, in welchen sie in ihren Werdegang sowie ihre jetzige T\u00e4tigkeit Einblick gew\u00e4hren. Anschlie\u00dfend haben Studierende und andere Interessierte die Gelegenheit, Fragen zu Karriere und T\u00e4tigkeit zu stellen (der Veranstaltungshinweis und das Programm sowie die Zugangsdaten f\u00fcr Zoom finden sich <\/em><strong><a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/articles\/events\/volkerrechtslunch\/\"><em>hier<\/em><\/a><\/strong><em>).\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Bereits im Vorfeld stand Frau Dr. Wenzel uns Rede und Antwort:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum haben Sie sich f\u00fcr eine v\u00f6lkerrechtliche Karriere entschieden?<\/strong><\/p>\n<p>V\u00f6lkerrecht hat mich seit Beginn meines Studiums besonders interessiert. Deshalb habe ich an einem Moot Court zur Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention, dem Concours Ren\u00e9 Cassin, teilgenommen. Das hat mich dann nachhaltig f\u00fcr Menschenrechte und besonders f\u00fcr die EMRK begeistert. Von da an hat diese Begeisterung meine beruflichen Entscheidungen geleitet: von der T\u00e4tigkeit am Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches \u00f6ffentliches Recht und V\u00f6lkerrecht in Heidelberg und der Dissertation \u00fcber ein menschenrechtliches Thema \u00fcber eine Referendariatsstation im Referat f\u00fcr Menschenrechte im Bundesministerium der Justiz und f\u00fcr Verbraucherschutz und schlie\u00dflich dem Eintritt in das BMJV.<\/p>\n<p>Nun ist eine T\u00e4tigkeit im BMJV nicht das, was man landl\u00e4ufig unter einer \u201ev\u00f6lkerrechtlichen Karriere\u201c versteht. Ich hatte zwar das Gl\u00fcck, im Referat f\u00fcr Menschenrechte anzufangen. In meiner Zeit im BMJV hatte ich aber auch Stationen, die man nicht dem klassischen V\u00f6lkerrecht zurechnen w\u00fcrde wie BGB-AT\/Allgemeines Schuldrecht, Strafverfahrensrecht und alternative Streitbeilegung. International gepr\u00e4gt war meine T\u00e4tigkeit auch in diesen Referaten. Die Umsetzung der EU-Verbraucherrechterichtlinie, Arbeiten an einer gesetzlichen Regelung zur Vorratsdatenspeicherung, die den Anforderungen des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union gen\u00fcgt, Mitpr\u00fcfung der Verordnung zur Errichtung der Europ\u00e4ischen Staatsanwaltschaft, Verhandlung des UNCITRAL-Mediationsabkommens \u2013 das inhaltliche Spektrum war breit gef\u00e4chert, aber immer ging es auch darum, \u00fcberstaatliches Recht umzusetzen, zu ber\u00fccksichtigen oder zu gestalten: V\u00f6lkerrechtliche Fragen k\u00f6nnen auch im zivil- oder strafrechtlichen Gewand daherkommen.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Heute, wo ich das Referat f\u00fcr Menschenrechte leite, profitiere ich in vielerlei Hinsicht von diesen Erfahrungen. Sie verbessern mein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die menschenrechtlichen Fragestellungen, mit denen ich mich besch\u00e4ftige. Die haben ihren Ursprung ja h\u00e4ufig im Zivil- oder Strafrecht. Und die Besch\u00e4ftigung mit Grundfragen alternativer Streitbeilegung hat meinen Blick auf v\u00f6lkerrechtliche Streitbeilegungsmechanismen ver\u00e4ndert. Es lassen sich da viele Querverbindungen ziehen und man kommt auf Ideen, die man ohne die Erfahrung in anderen Rechtsbereichen vielleicht nicht gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was macht das V\u00f6lkerrecht f\u00fcr Sie besonders?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe einen gro\u00dfen Teil meiner Kindheit und Jugend im Ausland verbracht. Das ver\u00e4ndert die Sicht auf das eigene Land. Man nimmt eine \u201eAu\u00dfenperspektive\u201c ein und vieles relativiert sich. Das habe ich immer als eine gro\u00dfe Bereicherung empfunden. Dieser Blick von au\u00dfen ist auch das, was das V\u00f6lkerrecht f\u00fcr mich so besonders macht. Gerade im menschenrechtlichen Bereich zeigt sich, wie wichtig er ist und wie fruchtbar er sein kann, wenn man sich darauf einl\u00e4sst. Aber auch, mit welchen Herausforderungen er einhergehen kann.<\/p>\n<p>Was v\u00f6lkerrechtliche Fragen f\u00fcr mich zus\u00e4tzlich besonders reizvoll macht, ist, dass das V\u00f6lkerrecht wegen des Fehlens einer zentralen Macht, die es durchsetzen kann, viel enger mit der Politik verwoben ist als das nationale Recht. Zum einen verlangt das oft interdisziplin\u00e4res Arbeiten. Zum anderen muss man sich dadurch auch in der praktischen Arbeit \u00f6fter mit grundlegenden Fragen auseinanderzusetzen: Was ist Recht? Wie wirkt Recht? Warum wird Recht befolgt oder nicht befolgt? Was kann man tun, damit es befolgt wird?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das V\u00f6lkerrecht im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Das europ\u00e4ische Menschenrechtssystem ist in Reaktion auf den Holocaust entstanden; es wurde als Bollwerk gegen Diktatur und staatliche Willk\u00fcr konzipiert. Es ist ein System, das f\u00fcr schwierige Zeiten gemacht ist. Aber die Bew\u00e4hrungsprobe steht noch aus. Kann das Menschenrechtssystem das Abgleiten in autokratische Systeme verhindern? Wie k\u00f6nnen Menschenrechte umgesetzt werden, wenn der Konsens \u00fcber die grunds\u00e4tzliche Ma\u00dfgeblichkeit v\u00f6lkerrechtlicher Regeln und damit auch der Menschenrechtsvertr\u00e4ge und der Rechtsprechung des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte ins Wanken ger\u00e4t? Wird die europ\u00e4ische Staatengemeinschaft bereit sein, Stellung zu beziehen und die Achtung der Menschenrechte einzufordern, wenn es darauf ankommt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche (\u00fcberraschenden) F\u00e4higkeiten ben\u00f6tigen Sie f\u00fcr Ihren Beruf?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Beruf hat viel mit Kompromissen zu tun. Da hilft es, einen Blick f\u00fcr Kompromissm\u00f6glichkeiten zu haben. Sei es in Verhandlungen \u00fcber v\u00f6lkerrechtliche Instrumente oder bei Diskussionen \u00fcber die Verteidigungsstrategie in Verfahren vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte: Ohne die F\u00e4higkeit, die Anliegen hinter gegens\u00e4tzlichen Formulierungsvorschl\u00e4gen oder diametral entgegengesetzten Forderungen zu verstehen und auf dieser Grundlage L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten zu erkennen, die allen Anliegen Rechnung tragen, geht es nicht. Kompromissm\u00f6glichkeiten zu erkennen allein reicht jedoch nicht, die Kompromisse m\u00fcssen auch geschmiedet werden. Das erfordert strategisches Vorgehen, die Bildung von Allianzen und nicht zuletzt gute pers\u00f6nliche Beziehungen zu den verschiedenen Akteuren, an die man ankn\u00fcpfen kann. Schlie\u00dflich, und das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt, darf man Kompromisse nicht per se als \u00dcbel ansehen. Diese Einstellung ist wenig popul\u00e4r, gerade in der Menschenrechts-Community, aber meines Erachtens unerl\u00e4sslich, wenn man Ver\u00e4nderungen bewirken will. Das W\u00fcnschenswerte ist nicht immer machbar. Kompromisse schlie\u00dfen, kleine Schritte statt den gro\u00dfen Wurf zu machen, bedeutet nicht notwendigerweise, dass man seine \u00dcberzeugungen aufgibt. Vielmehr schafft man die M\u00f6glichkeit, auf lange Sicht Ver\u00e4nderungen zum Positiven zu bewirken. Dazu braucht es dann einen langen Atem und bisweilen auch eine gewisse Hartn\u00e4ckigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie Ihrem 20-j\u00e4hrigen ich gerne sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Zu der Zeit habe ich in Paris studiert und musste mich f\u00fcr einen Studienschwerpunkt entscheiden. Mein Herz schlug f\u00fcr das Wirtschaftsv\u00f6lkerrecht, aber was sollte da die berufliche Perspektive sein? Schlie\u00dflich habe ich mich schweren Herzens f\u00fcr das Steuerrecht entschieden, das einem angeblich alle T\u00fcren \u00f6ffnen w\u00fcrde. Nach mehreren Monaten der Qu\u00e4lerei und Zweifel hat meine Abneigung gegen steuerrechtliche Fragestellungen schlie\u00dflich doch die Oberhand gewann. Ich habe meine Hoffnungen auf gute Berufsaussichten kurzerhand hintangestellt und bin ins Wirtschaftsv\u00f6lkerrecht gewechselt. Folge Deinem Interesse und Du wirst Deinen Weg schon finden, w\u00fcrde ich heute sagen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz 2021 (12 bis 13 Uhr) ist Frau Dr. Nicola Wenzel der sechste Gast in unserer Gespr\u00e4chsreihe \u201cV\u00f6lkerrechtslunches\u201c. Frau Dr. Wenzel ist Leiterin des Referats IV C 1 (Menschenrechte) beim Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz sowie die Verfahrensbevollm\u00e4chtigte der Bundesregierung vor dem Europ\u00e4ischem Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte. 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