{"id":11682,"date":"2021-01-05T12:00:27","date_gmt":"2021-01-05T11:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/?p=11682"},"modified":"2021-04-19T22:01:26","modified_gmt":"2021-04-19T20:01:26","slug":"funf-fragen-an-bot-dr-elisabeth-tichy-fisslberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/de\/funf-fragen-an-bot-dr-elisabeth-tichy-fisslberger\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Fragen an Dr. Elisabeth Tichy-Fisslberger"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 11. Januar 2021 ist Dr. Elisabeth Tichy-Fisslberger der\u00a0erste Gast in unserer Gespr\u00e4chsreihe &#8220;V\u00f6lkerrechtslunches&#8221;. Sie war 2020\u00a0Pr\u00e4sidentin des UN-Menschenrechtsrates\u00a0und ist St\u00e4ndige Vertreterin\u00a0\u00d6sterreichs bei den Vereinten\u00a0Nationen in Genf.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>In insgesamt zw\u00f6lf\u00a0Online-Gespr\u00e4chsterminen laden wir v\u00f6lkerrechtliche Expert*innen aus der Praxis zu einst\u00fcndigen Gespr\u00e4chen ein, in welchen sie in ihren Werdegang sowie ihre\u00a0jetzige\u00a0T\u00e4tigkeit\u00a0Einblick gew\u00e4hren. Anschlie\u00dfend haben Studierende und andere Interessierte die Gelegenheit, Fragen zu Karriere und T\u00e4tigkeit zu stellen (der\u00a0Veranstaltungshinweis und das Programm finden sich\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/articles\/events\/volkerrechtslunch\/\"><em>hier<\/em><\/a><em>).\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Bereits im Vorfeld stand Elisabeth Tichy-Fisslberger uns Rede und Antwort:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frau Tichy-Fisslberger, warum haben Sie sich f\u00fcr eine v\u00f6lkerrechtliche Karriere entschieden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe den Gro\u00dfteil meiner Karriere im diplomatischen Dienst verbracht. Davor war ich einige Jahre im Dienste der Europ\u00e4ischen Kommission. Meine Arbeit war nie eine rein juristische, hatte aber immer mit rechtlichen Fragen zu tun: Zuerst besch\u00e4ftigte ich mich circa 20 Jahre lang mit Europarecht, vor allem dem Prim\u00e4rrecht (ich war u.a. in die \u00f6sterreichischen Beitrittsverhandlungen zur EU und dann sp\u00e4ter in die Verhandlungen der Vertr\u00e4ge von Amsterdam, Nizza und Lissabon eingebunden). Dann hatte ich einige Jahre lang mit dem Rechtsbereich Migration\/Fl\u00fcchtlinge\/Menschenhandel, etc. zu tun sowie mit allem, was auch nur im Entferntesten das Konsularrecht und den Status von B\u00fcrgern im Ausland betrifft.<\/p>\n<p>Seit drei Jahren bin ich die St\u00e4ndige Vertreterin \u00d6sterreichs bei den internationalen Organisationen in Genf. F\u00fcr das Jahr 2020 wurde ich zur Pr\u00e4sidentin des UN Menschenrechtsrats gew\u00e4hlt und konzentrierte mich vor allem auf den davon betroffenen Fragenbereich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was macht das V\u00f6lkerrecht f\u00fcr Sie besonders?<\/strong><\/p>\n<p>Auch das muss ich mit der Kautele antworten, dass ich mich ja nicht nur als V\u00f6lkerrechtlerin f\u00fchle, sondern als Diplomatin mit gewissen Grundkenntnissen im Rechtsbereich. Ich verfolge mit gro\u00dfem Interesse die Entwicklungen des internationalen Rechts sowohl bei der Standardsetzung als auch \u2013 und da wird es viel m\u00fchsamer \u2013 bei deren Umsetzung. Als jemand, der sich jahrelang mit dem Europarecht befasst hat, leide ich immer an den mangelnden Umsetzungsm\u00f6glichkeiten des V\u00f6lkerrechts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das V\u00f6lkerrecht im 21. Jahrhunderts?<\/strong><\/p>\n<p>In dem Ma\u00dfe, in dem unsere Welt multipolarer wird, wird auch das V\u00f6lkerrecht, das im Wesentlichen auf der Basis westlicher Rechtsvorstellungen entstanden ist, in zunehmendem Ma\u00dfe hinterfragt. Dabei geht es oft nicht nur darum, auch andere Rechtsvorstellungen einzubringen, sondern die Anwendbarkeit von V\u00f6lkerrecht gegen\u00fcber nationalen Souver\u00e4nit\u00e4tsanspr\u00fcchen erst einmal neu zu bekr\u00e4ftigen. Das V\u00f6lkerrecht ist immer ein Abbild geopolitischer Entwicklungen, hinkt diesen aber zumeist etwas hinterher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche \u00fcberraschenden F\u00e4higkeiten ben\u00f6tigen Sie f\u00fcr ihren Beruf?<\/strong><\/p>\n<p>Als Diplomat verhandelt man sehr viel an Texten, die nicht nur \u2013 aber auch \u2013 juristischer Natur sind. Da muss man oft kreativ sein, um Formulierungen zu finden, die juristisch nicht falsch, aber doch politisch soweit interpretierbar sind, dass man einen Konsens erzielen kann. Au\u00dferdem ist es gut, wenn man schon einmal mit m\u00f6glichst vielen L\u00e4ndern und Kulturen in Kontakt war und mehrere Sprachen spricht. Die wichtigste F\u00e4higkeit in meinem Beruf ist aber wahrscheinlich die Resilienz. Bevor ein diplomatischer Kompromiss zu einem Rechtstext steht, hat man sich vermutlich schon mehrfach in eine Sackgasse verrannt, aus der man erst einmal wieder herausfinden muss, ehe es weitergeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie Nachwuchsv\u00f6lkerrechtler*innen gerne sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde vor allem sagen, dass man sich auf eine Karriere m\u00f6glichst vielseitig vorbereiten sollte. Man kann heute nicht wissen, welches Thema in zehn oder 20 Jahren Konjunktur haben wird. Wichtig sind daher in jedem Fall Flexibilit\u00e4t, offene Augen, offene Ohren und ein kreativer Zugang zu digitalen Hilfsmitteln.<\/p>\n<p>F\u00fcr fast alle Rechtssparten wird sich die Welt voraussichtlich ausweiten: In meiner Generation mussten sich junge Juristen wohl noch nicht mit den Rechtssystemen und V\u00f6lkerrechtskonzeptionen anderer Weltteile, wie China oder Indien, befassen, wenn sie sich nicht daf\u00fcr besonders interessiert haben. In Zukunft wird das wichtig werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. Januar 2021 ist Dr. Elisabeth Tichy-Fisslberger der\u00a0erste Gast in unserer Gespr\u00e4chsreihe &#8220;V\u00f6lkerrechtslunches&#8221;. 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