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Jurisdiktion – Wer spricht internationales Recht?

Der Arbeitskreis junger Völkerrechtswissenschaftler*innen (AjV) und die Deutsche Gesellschaft für Internationales Recht (DGIR) laden ein zu einer gemeinsamen Tagung unter dem Titel “Jurisdiktion – Wer spricht internationales Recht?” (3. – 4. September 2021, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität-Bonn).

Jurisdiktion begründet die Kompetenz eines Akteurs, verbindliche Antworten auf rechtliche Fragen zu geben. Bereits ein etymologischer Zugang zeigt, dass die Frage nach rechtlicher Verbindlichkeit nicht ohne die Untersuchung von Jurisdiktion analysiert werden kann. Schließlich steht juris dicere – „Recht sprechen“ – mit dem Begriff der Jurisdiktion in unmittelbarem Zusammenhang. Jurisdiktion dient insbesondere der Abgrenzung von internationalen und staatlichen Kompetenzsphären. In Anknüpfung an das Staatsgebiet bezieht sich Jurisdiktion auf die legislative, judikative und exekutive Macht des Staates, innerhalb seines Hoheitsbereichs verbindlich festzulegen, wer (Recht) spricht – und über wen (nur) gesprochen wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich allerdings die zentrale Frage, ob die souveränitätsbezogene Perspektive ein vollständiges Bild von Jurisdiktion im Völkerrecht zeichnet. Schon im Rahmen einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit Jurisdiktion sind eine Vielzahl von Fragen relevant: Wen lässt das internationale Recht verbindlich Recht sprechen und wen nicht? Inwiefern können nicht-bindende Regeln Jurisdiktion beeinflussen? Welche Perspektive auf den Begriff der Jurisdiktion haben Akteure aus dem Globalen Süden? Welche Rolle spielt die Idee der Jurisdiktion bei dem Selbstverständnis und der Selbstbeschreibung des internationalen Rechts als abgrenzbare Disziplin? Muss die souveränitätsbezogene Perspektive auf Jurisdiktion möglicherweise aufgebeben werden oder existiert eine Kernidee von Jurisdiktion, welche die verschiedenen Ausprägungen des Konzepts eint?

Gerade eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Jurisdiktion kann diese grundlegende Perspektive ergänzen und intensivieren: In welchem Umfang können nicht-staatliche Verständnisse von Jurisdiktion zur Bewältigung heutiger Jurisdiktionskonflikte hilfreich sein? Welche historischen Umstände haben zur heutigen Ausprägung des Konzepts beigetragen? Welche Kontinuitäten und Brüche sind in den historischen Ideen der Jurisdiktion zu beobachten? Sind Fragen der Jurisdiktion immer auch Machtfragen? Welche Relevanz haben soziokulturelle Vorprägungen für die verschiedenen Verständnissen des Konzepts? Wie können kritische Perspektiven auf Jurisdiktion zur Schärfung des Begriffes beitragen?

Ziel der Tagung ist es, diese Aspekte von Jurisdiktion im internationalen Recht aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Dabei sollen auch die Spezialbereiche des Völkerrechts berücksichtigt werden. Auch hier bestehen noch Unklarheiten: Wie reagiert das Internationale Privatrecht auf Jurisdiktionskonflikten und das sog. „forum shopping”? Wie verhält sich das Konzept der Souveränität zu den Regeln der staatlichen und diplomatischen Immunität? Welche Schwierigkeiten ergeben sich im Zusammenhang mit digitalen Räumen? Muss Jurisdiktion für hybride Cyberkriegsführung und das Weltraumrecht neu gedacht werden? Wie beeinflusst Jurisdiktion das Verhältnis des Menschen zur Umwelt? Welche Rolle spielen rivalisierende Verständnisse von Jurisdiktion für den Schutz von Menschenrechten an den Grenzen Europas? Wie kann der Kompetenzkonflikt zwischen dem Bundesverfassungsgericht und dem Europäischem Gerichtshof vor dem Hintergrund von Jurisdiktion analysiert werden? Was sind die Ursachen für die Kritik am gegenwärtigen Jurisdiktionsverständnis des Internationalen Strafgerichtshofs?

Im Rahmen der Tagung sollen denkbare Antworten auf diese und andere Fragen präsentiert werden. Thematisch soll dazu ein möglichst breites Spektrum des Völkerrechts abgedeckt werden. Willkommen sind völker-, europa- und international-privatrechtliche Beiträge. Dabei ist die Veranstaltung theorie- und methodenoffen konzipiert. Neben klassisch dogmatischen Auseinandersetzungen mit Jurisdiktion sind auch interdisziplinäre, diskurstheoretische, historische, philosophische und kritische Ansätze ausdrücklich erwünscht. Die Tagung setzt sich zum Ziel, postgraduierten Nachwuchswissenschaftler:innen (insbesondere Doktorand:innen und Habilitand:innen) eine Darstellung ihrer Forschung vor einem herausragend qualifizierten Fachpublikum zu ermöglichen. Jeder Vortrag wird dabei von etablierten Wissenschaftler:innen kommentiert.

Anonymisierte Abstracts in deutscher oder englischer Sprache (max. 500 Wörter) werden bis zum 08.01.2021 ausschließlich über das Formular auf der Tagungswebseite erbeten. Bis zum 31.01.2021 erhalten Sie eine Rückmeldung zur Einreichung. Angenommene Abstracts müssen als ausformulierte Beiträge (max. 7.000 Wörter inkl. Fußnoten) bis zum 01.06.2021 eingereicht werden. Eine Veröffentlichung der Beiträge wird angestrebt.

Aktuelle Informationen sowie das Bewerbungsformular finden Sie auf der Konferenz-Webseite: https://www.jura.uni-bonn.de/institut-fuer-voelkerrecht/ajv-dgir-tagung-2021/.

Organisation: Sué González Hauck (OLG Frankfurt am Main), Franziska Herrmann (Universität Potsdam), Julian Hettihewa (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität-Bonn), Dariush Kraft (University of Edinburgh), Max Milas (Westfälische Wilhelms-Universität Münster), Stephanie Springer (TU Dresden), Franka Weckner (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

Details
Organisation: Arbeitskreis junger Völkerrechtswissenschaftler*innen - AjV, Deutsche Gesellschaft für Internationales Recht - DGIR
Deadline: 08/01/2021
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